Wie Reinhold Messner vor 30 Jahren mein Leben veränderte

Wie Reinhold Messner vor 30 Jahren mein Leben veränderte - Foto: Die Geislergruppe in Südtirol (Andreas Jeitler, www.erlebnis-erde.at)

Fußball, Fahrrad, Fernsehen

Im Sommer 1983 war ich 11 Jahre alt. Auch wenn ich kein guter Schüler war, hatte ich gerade die fünfte Klasse des Gymnasiums geschafft. Viel lieber als zu lernen, beschäftigte ich mich mit den – wie mein Vater zu sagen pflegte – „drei F“: Fußball, Fahrrad fahren und Fernsehen.

Ein Sommer in Südtirol

Den Sommerurlaub verbrachte ich wie jedes Jahr mit meinen Eltern und beiden Geschwistern in Südtirol. 1983 ging es nach St. Magdalena, einem am Fuße der Geislergruppe gelegenen Ortsteil der Gemeinde Villnöß.

Wir hatten eine Ferienwohnung in einem urigen Bauernhaus gemietet. Meine Schwester war zweieinhalb Jahre älter als ich und blätterte ständig in der Bravo. Ich teilte mir mit ihr ein Zimmer, das direkt oberhalb des Schweinestalls lag. An den beißenden Geruch kann ich mich noch heute erinnern. Mein Bruder war 9 und schlief auf dem Kachelofen in der Wohnküche. Eines Morgens fanden wir ihn schlafend auf dem Fußboden. Er war in der Nacht aus seinem ungewöhnlichen Lager gefallen und traute sich nicht mehr hinauf.

Es versprach, ein schöner Urlaub zu werden. Ein Kind braucht nicht viel, um glücklich zu sein. Ich hatte meine Familie um mich, die Sonne schien ausgiebig, wir liefen durch die grandiose Bergwelt Südtirols und ich bekam mein Kicker-Abo per Post nachgesandt.

Reinhold Messners Geburtshaus

Meine Eltern hatten uns schon während der Anreise mit dem Zug verraten, dass unsere Ferienwohnung nur einen Steinwurf von Reinhold Messners Geburtshaus entfernt liegen würde. Ich war ein Fan des Bergsteigers und hatte schon zwei seiner Bücher gelesen, in denen er von seinen Abenteuern im Himalaya erzählte. So war ich gespannt, als wir gleich am ersten Morgen an dem Haus vorbeikamen. Es war ein zweistöckiger Bauernhof mit einem gepflegten Garten. Zu unserer Überraschung hingen dort tibetische Gebetsfahnen. Das konnte doch nur bedeuten, dass Reinhold Messner das Haus von seinen Eltern geerbt hatte und sich dort zeitweilig aufhielt. Sollte ich den vielleicht berühmtesten Bergsteiger der Welt zu Gesicht bekommen? Noch nie zuvor war ich so aufgeregt gewesen.

Jeden Tag kamen wir zweimal an Messners Haus vorbei. Zum einen morgens auf dem Weg zum Bus, der uns zum Startpunkt unserer Wanderung brachte, zum anderen am späten Nachmittag, als wir müde von der Bushaltestelle zurück zur Ferienwohnung liefen. Doch jedes Mal erwartete uns das gleiche Bild: Die weißen Gardinen an den Fenstern waren zugezogen, kein Auto parkte im Hof, die tibetischen Gebetsfahnen flatterten im Wind. Reinhold Messner war wahrscheinlich auf einer Expedition im Himalaya. Damals hatte er noch nicht alle vierzehn Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen. Ich hatte auf ein Wunder gehofft und wurde jäh enttäuscht.

Das Wunder geschieht

Zum Ende des Urlaubs musste ich mich wohl oder übel damit abfinden, nur Messners Gebetsfahnen gesehen zu haben. Am liebsten hätte ich sie aus der Verankerung gerissen, damit sie nicht mehr so blöde flatterten.

Ich beachtete das Haus gar nicht mehr richtig, als wir es am letzten Tag unseres Aufenthalts in St. Magdalena noch einmal passierten. Wenige Meter danach kamen uns auf dem kaum befahrenen Sträßchen ein Mann mit Vollbart und eine junge Frau mit langen blonden Haare entgegen. Es waren Reinhold Messner und seine damalige Lebensgefährtin und heutige Ehefrau Sabine Stehle. Messner grüßte nicht und schaute uns Fünf streng an. Wenige Augenblicke später sahen wir die beiden nur noch von hinten. Ich war erst perplex, dann völlig aus dem Häuschen. Wir fragten uns gegenseitig: „War er es wirklich?“. Ja, er war es!

Mein Wunsch ist mir Befehl

Noch heute erinnere ich mich an die Begegnung mit Reinhold Messner, als wäre sie gestern gewesen. Unzählige Male dachte ich in den letzten 30 Jahren daran zurück. Es war ein Moment, in dem mein Leben die Richtung wechselte. Jedes Leben hat solche Momente. Für mich war es damals ein wahres Wunder, dass mir der berühmte Bergsteiger leibhaftig entgegenkam. Und wenn schon Wunder ohne eigenes Zutun geschehen können, sollten doch auch Wünsche in Erfüllung gehen können, indem man sie sich einfach erfüllt. Für einen 11-jährigen taten sich da ganz neue Welten auf. Gleich nach den Sommerferien fing ich mit dem Basketball spielen an. Später als Jugendlicher kaufte ich mir einen Turnier-Billardtisch. Als Student reiste ich wochenlang mit dem InterRail-Ticket durch Europa. Mit Mitte 30 radelte ich 20.000 Kilometer um die Welt. Im letzten Jahr lief zu Fuß über die Alpen. Und jetzt mache ich mich als Autor selbstständig. All dies hat seinen Ursprung in der Begegnung mit Reinhold Messner.

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{ 19 Kommentare }

  • Elke 24. März 2013

    Hallo Christof,
    solche Momente entscheiden oft den weiteren Verlauf, bzw. das eigene Handeln im Leben, voraus gesetzt wir nehmen sie wirklich und bewusst wahr. Manchmal haben auch die größten Baustellen im eigenen Leben solch eine wichtige Funktion.
    Danke für´s Teilen deiner Gedanken
    Elke

    Antworten
  • Daniel 24. März 2013

    Eine schöne Geschichte! Bemerkenswert ist vor allem, dass das Schlüsselereignis eigentlich so unspektakulär war (jedenfalls wirkt es für einen Außenstehenden wie mich so, wenn ich deine Schilderung lese) – ein kurzer Moment, nicht mal ein Wortwechsel, und dann guckt er auch noch böse.

    Ich glaube übrigens fest daran, dass man auch als Nicht-Promi immer wieder das Leben anderer Menschen beeinflussen kann, egal ob durch persönliche oder virtuelle Begegnungen.

    Antworten
  • Christof Herrmann 24. März 2013

    Schön, dass die Geschichte schon mal bei Euch beiden gut ankam! Für mich war die Begegnung damals ein kleines Wunder. Dass Messner uns so fixierte, tat dem keinen Abbruch und habe ich ihm nie übel genommen ;) Spannend mal nach den Momenten zu kramen, die sein Leben eine neue Richtung geben. Die meisten haben natürlich nichts mit Promis zu tun.

    Viele Grüße,

    Christof

    Antworten
  • Torsten 24. März 2013

    Ich habe Reinhold Messner vor zwei Jahren bei einem seiner Vorträge hier in Bremen kennenlernen dürfen! Der Vortrag stand unter dem Thema „Berge versetzen“. Auch diese Begegnung hat mein Leben und Denken beeinflusst. Genauso wie meine Begegnung als 8 jähriger mit dem damaligen Tierparkdirektor Heinrich Dathe im Berliner Tierpark. Damals kam er mir und meinen Eltern entgegen und ich bin zu ihm hingerannt und habe ihm spontan die Hand gegeben. Schon als Kind war ich Natur- und Tierbegeistert und war überglücklich eines meiner Idole zu sehen, welches ich schon so oft im Fernsehen oder im Radio („Im Tierpark belauscht“) gesehen und gehört hatte. Jede seiner Sendungen habe ich förmlich aufgesogen!

    Antworten
  • Bernd 24. März 2013

    Hallo Christof,
    ich frage mich, wie ich heute solchen Leuten so unvermittelt auf der Straße oder in den Bergen begegnen würde? „Boah, guck mal, das ist doch der …, wie cool.“ Laufe ich direkt zu ihm hin? Oder grüße ich einfach nur freundlich, wie es in den Bergen normal ist? Muss ich überhaupt einen Hype darum machen? Nein, ich glaube nicht. Jetzt möchte ich einfach ich selbst sein. Vielleicht ergibt sich ja trotzdem ein kleiner Plausch, vielleicht aber auch nicht. Auch Prominenten können wir ganz normal begegnen. Die sind ja schließlich auch nur Menschen. Bisher habe ich sie leider nur auf Vorträgen erleben können. Das ist aber auch schon ganz spannend.
    Als kleiner Junge ist das natürlich ganz anders.

    Viele Grüße, Bernd

    Antworten
  • Erik 25. März 2013

    Wenn ich den Namen Reinhold Messner lese erinnere ich mich gern an meine Kindheit zurück. Als DDR Bürger hat man ja nur am Rande Informationen bekommen und trotz alle dem war er in allen Munde. Ich konnte für viel Geld ein Bildband ersteigern und hab mich an den schönen Bilder aus einer nicht zu erreichenden Welt erfreut. Aber wie das Leben und das Schicksal so spielt stand er eines Tages vor mir und ich konnte mir einen wunderschönen Beitrag mit viel Dias persönlich anschauen und hören.

    Antworten
  • Christof Herrmann 25. März 2013

    Tierparkdirektor und Messner in der DDR – schöne Anekdoten! Dass Promis beäugt und angesprochen werden, ist wohl normal. Daran müssen sie sich halt gewöhnen. Ich kannte/kenne ein paar persönlich und die sind alle ganz normal und wollen am liebsten auch so behandelt werden.

    Antworten
  • Bem Perl 25. März 2013

    Es ist komisch aber ich finde keine Momente in meinem Leben, in dem sich mein Leben verändert hat. Komisch, oder. Hat jemand einen Tip wie ich diese Momente herausfinden kann?

    Antworten
  • Christof Herrmann 26. März 2013

    Gute Frage! Denke solche Momente können positive wie auch negative Erlebnisse sein; Begegnungen mit Menschen; eine Entscheidung, die man trifft; eine Entscheidung, die jemand anders für einen trifft; Bücher, die einen prägen; Filme, die faszinieren.; ein Land und deren Menschen, in die man sich auf einer Reise verliebt usw. Wenn man ein wenig in seinem Leben kramt, sollte man einige dieser Momente finden. Oft sind es wohl Zufälle, die dem Leben eine neue Richtung geben, und weniger bewusste Entscheidungen.

    Roger Willemsen hat über solche Momente ein Buch mit dem Titel „Der Knacks“ geschrieben. Habe es aber (noch) nicht gelesen. Vielleicht kennt es hier ja jemand. Würde mich interessieren, ob es sich lohnt und um was es darin genau geht.

    Viele Grüße,

    Christof

    Antworten
  • Bem Perl 26. März 2013

    Danke Christof für die Hinweise. Ich werde nach „meinen“ Momenten suchen.
    Du schreibst weiter oben, dass Du Promis persönlich kennst oder kanntest. Darf ich fragen welche das sind?

    Antworten
  • Christof Herrmann 26. März 2013

    Klar, Dirk Nowitzki, Jörg Jaksche und der ehemalige Außenminister von Mazedonien.

    Antworten
  • Karo Kafka 26. März 2013

    Wundervolle Geschichte. Sehr schön geschrieben. Schon verrückt, wie scheinbar so kleine Ereignisse und kurze Momente bei einem eine so große Wirkung haben können. :)

    Antworten
  • susi sorglos 27. März 2013

    Hallo,
    lese nun schon eine Weile Deinen Blog und der Artikel hat mir wirklich gut gefallen, denn ich kennen solche Augenblicke. Lese gerade Bücher über Meditation und Buddha… wusste nicht das Gebetsfahnen ;-) im Leben von Messner eine Rolle spielten.
    schöne Ostertage
    lg
    Susi

    Antworten
  • Christof Herrmann 27. März 2013

    Ich danke Euch beiden für das Lob :-)

    Antworten
  • Gerald 31. März 2013

    diese Geschichte passt wirklich gut zu „einfachbewusst“. Zur Anmerkung von „Bem Perl“:
    Es kann gut möglich sein, dass der entscheidender Moment, noch vor einem liegt!
    Bei mir sieht es danach aus, dass mehrere kleinere Ereignisse nach und nach ihre Wirkung zeigen. Besonders motivierend war kürzlich ein Vortrag (mit anschließender Diskussion) mit Christian Felber „Die Gemeinwohlökonomie“; und natürlich die Rede von Felix Finkbeiner vor 3 Wochen in München, aber das hast du ja mitbekommen. Viele Grüße, Gerald

    Antworten
  • Birgit 26. März 2014

    Hallo Christoph,
    sonst lese ich eher unbemerkt Deinen Blog, aber diesmal möchte ich mich mal für diesen tollen Filmtipp bedanken. Da wir keinen Fernseher haben und uns somit auch nicht fürs Programm interessieren, hätten wir es nicht bemerkt. Gerade haben wir dank Internet den Film in der Mediathek geguckt und sind sehr beeindruckt. Vor 3 Wochen waren wir noch in einem Vortrag von Hans Kammerlander, sofern hatten wir den kürzlich erst live und nun in diesem Film, war toll, vielen Dank für den schönen Nachmittag.

    Wenn man nie Filme oder Fernsehen guckt, ist das ein echtes Erlebnis.
    Liebe Grüße
    Birgit

    Antworten
    • Christof Herrmann 28. März 2014

      Hallo Birgit

      Du meinst die Doku „Messner“, die noch bis Sonntag, 30.3.2014 in der Mediathek Arte+7 abrufbar ist und ich im letzten Newsletter empfohlen habe. Fand ihn (den Film) auch klasse und Reinhold Messner kommt sympathisch rüber.

      Fernseher habe ich auch seit 15 Jahren keinen mehr. Filme und Dokus schaue ich Dank Internet, DVD und Kino aber trotzdem gerne.

      Einfach bewusste Grüße

      ChristoF

      Antworten
      • Birgit 31. März 2014

        Hallo Christof,
        genau ich Doku „Messner“ meinte ich. Und ich fand den privaten Einblick ganz nett gemacht. Was für eine Familie! Die Brüder sind mindestens Doktoren, alle was besonderes geworden.

        Wir haben zwar erst seit 1,5 Jahren keinen Fernseher mehr, aber eine interessante Doku gucken wir dank Internet schon noch mal gern. Deshalb bin ich ja so dankbar, wenn ich einen guten Tipp bekomme.

        Einen netten Gruß
        Birgit

        Antworten
  • Andreas 20. Mai 2016

    Hallo Christof,

    Ich bin gerade zufällig auf Deine Seite gestoßen. Auch ich hatte 2 zufällige und spontane Begegnungen mit Reinhold Messner, nämlich am 06.03.16 in Bad Tölz und am 09.05.16 im Sigmundskron in einer seiner Museen. Ich hatte mir in Bad Tölz sein Buch überleben und in Bozen Die 13 Spiegel meiner Seele gekauft. Sein Vortrag Überleben war der Beginn einer bewußten und nachhaltigen Veränderung meiner Persönlichkeit. Das dies nicht von heute auf sich schlagartig ändert ist auch nur logisch. Reinhold Messner ist Reinhold Messner und ich bin ich. Und das ist gut so. Aber er ist ein wahrer Bereicherer für mich. Ich persönlich werde auch nicht beurteilen was in seinen Leben nicht so gut verlaufen ist, daß steht mir nicht zu, daß sollen andere tun wenn Sie meinen. Das Buch Überleben habe ich sehr Achtsam und bewußt gelesen. Das Buch die 13 Spiegel meiner Seele habe ich aufgesogen wie schon lange nicht mehr. Ich persönlich kann Dir nachempfinden, daß sich Dein Leben nach der Begegnung mit Ihm verändert hat, auch wenn Reinhold Messner sehr finster geschaut hat. Das hat er beim ersten Mal auch bei mir getan. Beim zweiten Mal hat er schon etwas gelächelt. Ich wühle gerade noch was genau er in mir ausgelöst bzw auslösen wird.
    Aber eine Veränderung in mir ist schon richtig spürbar. Ich habe das unendliche Glück und Geschenk bekommen, daß ich mich die letzten 5 Monate nur mit mir persönlich auseinander setzen durfte. Was für eine gigantische Erfahrung. Das kann nur jedem selbst empfehlen. Ich habe in Bozen ein gemeinsames Photo mit Reinhold Messner gemacht. Wie kann ich es Dir zu kommen lassen? Per e-Mail? Du kannst es gerne hier in den Blog stellen. Dir viel Spaß auf Deinem neuen Abenteuer das Du jetzt erst begonnen hast. Ich wünsche Dir eine gute Zeit und allzeit ein gutes Gelingen.

    LG

    Andreas

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