Wir sind doch nie zufrieden

Wir sind doch nie zufrieden (Foto: Johanna Wagner)

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Johanna Wagner. „Wir sind doch nie zufrieden“ ist ihrem zweiten Buch Zwischen den Zeilen reisen entnommen.

Haben wir das eine, wollen wir das andere. Haben wir das andere, wollen wir das eine.

Wir wollen Entscheidungen, doch eine Entscheidung für das eine, bedeutet eine Entscheidung gegen das andere: Das Meer ist zu flach – die Berge sind zu hügelig. Im Wald fehlt uns der Blick in die Weite – am Strand ein Baum, der Schatten wirft. Körperliche Arbeit ist anstrengend – Kopfarbeit bewegungslos. Entspannen wir uns, sind wir träge – bewegen wir uns, fehlt uns die Pause. Konsumieren wir Fertigprodukte, sind wir faul – kochen wir selbst, fehlt uns die Zeit. Nehmen wir uns Zeit für andere, werden wir uns selbst nicht gerecht – nehmen wir uns Zeit für uns, sind wir egoistisch.

Wir erledigen immer mehr und uns dabei selbst.

Wir leben, um zu arbeiten und wollen arbeiten, um zu leben –
doch das Leben bezahlt die Rechnungen nicht.

Wir wollen verzichten und trotzdem genießen –
doch der Genuss mag den Verzicht nicht.

Wir wollen nachhaltig leben und trotzdem reisen –
doch die Umwelt mag das Flugzeug nicht.

Im Frühling wollen wir Sommer, im Sommer den Herbst, im Herbst wieder den Sommer und der Winter wäre nicht so schlimm, wäre es zumindest ein richtiger Winter. Aber ein richtiger Winter ist viel zu kalt.

Die Wolken sind zu grau, die Sonne ist zu grell, der Regen zu nass, die Dürre zu trocken. Die Gefühle des Lebens schmecken uns nicht. Wir wollen ein salzloses Gericht und beschweren uns, dass das Salz fehlt. Was wollen wir eigentlich? Offensichtlich die Unzufriedenheit – aber unzufrieden sein, das wollen wir erst recht nicht.

Das Kapitel „Wir sind doch nie zufrieden“ kannst Du hier als PDF herunterladen.

Im Mai 2014 gab es auf Einfach bewusst bereits einen Auszug aus Johanna Wagners erstem Buch Schlaflos in der Regenzeit.

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{ 19 Kommentare }

  • Maxi 12. Dezember 2015

    Wir leiden auf hohem Niveau!

    Wie sagte Goethe doch schon: Alles in der Welt lässt sich ertragen, nur nicht eine Reihe von schönen Tagen.

    Danke für diesen inspirierenden Text.

    Antworten
    • Johanna 13. Dezember 2015

      Da hast du Recht, Maxi. Schon komisch, dass wir uns das Leben manchmal selbst so schwer machen, dabei könnte es doch so einfach und vor allem auch so unglaublich schön sein :)
      Ich wünsche dir einen erfüllten dritten Advent!

      Antworten
  • Madeleine 14. Dezember 2015

    Sehr treffender Text!

    Vielen Dank dafür, er kommt genau zur richtigen Zeit ;)

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  • Bianca 16. Dezember 2015

    Hallo Johanna,
    fabelhafter Text und leider viel zu passend muss man ja leider sagen.

    Ich war vor einigen Wochen an der Ostsee, um mal wieder ein paar Tage abzuschalten.
    Es ist traurig, wie man sich zum Nichtstun zwingen muss.
    Der Kopf schaltet einfach nicht ab oder beziehungsweise werden wir tagtäglich so sehr mit Eindrücke bombardiert, dass uns die Langeweile auffrisst, sollten wir keinen Fernseher, Handy oder Internet haben.

    Nach einer Woche habe ich es dann endlich geschafft abzuschalten und dann musste ich schon zurück.

    Naja man lernt ja nie aus und das nächste mal, weiß ich vielleicht besser mich aufs Nichtstun einzulassen.

    Cheers und Grüße,
    Bianca

    Antworten
    • Johanna Wagner 17. Dezember 2015

      Liebe Bianca,
      ja das stimmt – und dabei ist es doch das Wichtigste, dass einem genau das bewusst ist und man sich selbst immer wieder zum Nichtstun und Nichtsdenken bringt, wenn der Lebensstil das Gegenteil von uns verlangt. Solange nicht die Medien uns, sondern wir die (Nutzung der) Medien kontrollieren, ist ja eigentlich alles okay.
      Schön, dass es nach einer Woche leise in deinem Kopf geworden ist – das ist wahrer Minimalismus :), oder Christof?

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      • Christof Herrmann 18. Dezember 2015

        Seh ich auch so, Johanna. Minimalismus bedeutet für mich nicht, nichts zu haben, sondern keinen Ballast zu haben – sowohl im Kopf als auch an Dingen.

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  • hms 20. Dezember 2015

    dieser artikel macht mich irgendwie traurig. wir „Alten“ , die wir im Laufe des Lebens
    gelernt haben, zu verzichten (ganz einfach weil wir mussten oder weil uns das Leben seine Grenzen gesetzt hat und wir, um zu überleben, sie akzeptieren mussten ) und mit dem Vorhandenen zufrieden zu sein, tun uns da wesentlich leichter….
    man ist schon fuer kleinigkeiten dankbar und sucht überall das Positive.
    der satz wir arbeiten, um zu leben, aber das leben zahlt unsere rechnungen nicht,
    hat mich total überrascht. wir „alten“ sehen das so, dass man eben arbeitet UM die rechnungen zu bezahlen und danach ist man glücklich, dass man das geschafft hat und ist total zufrieden, dass noch was übrig bleibt für „luxus“.
    der artikel macht mich traurig, weil die es eine entscheidung bedeutet, mit dem vorhandenen zufrieden zu sein und das anscheinend in der heutigen Zeit einem nicht leicht gemacht wird. wenn man ALLES haben will, wird man nie glücklich!

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    • johanna Wagner 20. Dezember 2015

      Ich glaube, es ist leider genau das Zuviel an Möglichkeiten, was nicht glücklich macht. Echtes Glück kann nur von innen kommen. Wenn man sich aber zu viel im „Außen“ umtreibt und ablenkt, stellt sich die Zufriedenheit nicht ein und man will immer mehr, Anderes und weiter. Das Glück, das Geheimnis eines gelingenden Lebens liegt eben genau im Gegenteil – im Weniger und im Verzicht, weil das einen bei sich sein lässt. Wohlstand IST Glück, aber erfahrbar ist dieses nur, wenn man mit dem Wohlstand umgehen kann. Schätzen Sie sich glücklich, dass Sie genau das können! Ich wünsche Ihnen einen schönen vierten Advent, Johanna.

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  • JayPee 21. Dezember 2015

    Hallo!

    Ich sehe das ein wenig zwiegespalten. Einseits haben wir scheinbar unendliche Möglichkeiten, werden aber von dieser ungeheuren Auswahl erschlagen. Egal welche Wahl wir treffen, es wird wahrscheinlich nie die beste sein. Es gibt immer bessere Alternativen, und jemand anderes hat sie gewählt.

    Auf der anderen Seite ist ein gewisses Maß an Mangel und Unzufriedenheit eine ungeheure Triebfeder. Ohne diesen Antrieb würden wir uns nicht weiterentwickeln.

    Viele Entwicklungen und Neuerungen entstehen aus einem Bedarf, einem Mangel heraus. Das ist erstmal gut und richtig. Diese Entwicklungen werden aber oft weit über den echten Bedarf heraus getrieben. Wer bitteschön BRAUCHT denn wirklich die Funktionen eines Smartphones? In dem Moment, wo etwas weit über den Bedarf hinausgeht besteht die Gefahr, dass es einen vereinnamt. Es frisst Zeit und Geld, weil wir mit eigentlich sinnlosen Aktivitäten die Zeit vertreiben.

    Der Rubel muss rollen, das Geld immer schneller drehen, Wachstum, Wachstum über Alles. Wo kein echter Mangel, kein echter Bedarf herrscht, muss eben welcher geschaffen oder wenigstens suggeriert werden. Der Einsatz für Marketing und Werbung mit ihren „must haves“.

    Einige Jahre lang hatte ich das Gefühlt, man müsste „am Ball“ bleiben. Technische Neuerungen mitmachen, damit man nicht auf der Strecke bleibt. Das sehe ich mittlerweile anders. Trends hinterherzuhecheln, sich immer wieder Unzufriedenheit suggerieren zu lassen und immer weiter zu hetzen ist nicht gesund.

    Das hilft es nur, STOPP zu sagen. Sich zurücknehmen und sich selbst zu fragen, was man wirklich braucht und wirklich will. Sich nicht von anderen einreden zu lassen, was man denn haben oder machen muss. Die Kontrolle über sein eigenes Leben zurückgewinnen, und damit ein riesiges Stück Freiheit. Sich dort wo es wichtig ist, von Bedarf und Mangel den Antrieb für Veränderungen holen. Und dort, wo man zufrieden sein kann die Kraft dafür schöpfen.

    Grüße
    JayPee

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    • Johanna Wagner 21. Dezember 2015

      Das sehe ich genauso! Man kann nur selbst dafür sorgen, dass sich die Welt langsamer dreht. Die Gesellschaft, die Medien, die neuen Erfindungen etc. stiften Unruhe. Doch „In der Ruhe liegt die Kraft“ und die Ruhe findet man nur in sich. Vielen lieben Dank für deine tiefgründigen Gedanken :)

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    • Dorothea Reinhardt 19. März 2016

      Zur Zeit lese ich das Buch Genug Untertitel Wie Sie der Welt des Überflusses entkommen von John Naish. Er setzt sich auch damit auseinander, lesenswert

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  • Susanne 26. Dezember 2015

    Eine treffende Beschreibung des Hans im Schnokeloch, der in allen von uns ein wenig existiert … er hat alles, was er will – aber was er hat, das will er nicht, und was er will, das hat er nicht …
    Es ist wirklich eine Frage unserer persönlichen Einstellung, und ich denke nicht, dass es mit unserem Alter oder einem erzwungenen Verzicht zu tun hat. Eine Freundin von mir wird nächstes Jahr 90 – aber sie ist nie mit dem zufrieden, was sie hat. Das liegt aber nicht an den Sachen. Sobald sie etwas bei jemand anderem sieht, findet sie es besser als ihrs. Gibt man ihr das begehrte Teil, ist es für eine Woche toll, danach hat es nur noch Nachteile, weil sie bei jemand anderem wieder etwas anderes, vermeintlich „Besseres“ gesehen hat. So war sie ihr ganzes Leben: unzufrieden mit dem, was sie hatte, neidisch auf das, was andere hatten. Das ist eine reine Einstellungssache und hat mit dem Lebensalter nichts zu tun.
    Ich weiss nicht, wie man solchen Leuten helfen kann – eigentlich denke ich, dass man es gar nicht kann, denn die Grundunzufriedenheit, die diese Menschen haben, könnten sie nur durch eine Änderung ihrer Einstellung beheben. Aber darauf haben wir keinen Einfluss.
    Meiner alten Freundin sage ich in solchen Situationen immer, dass ich ihre Sachen sehr schön und praktisch finde, aber es hilft nicht wirklich.

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    • Vera Stern 26. Dezember 2015

      Mit dieser Einstellung ist die Dame doch sehr alt geworden.

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      • Susanne 27. Dezember 2015

        Ja, das ist sie. Aber nicht glücklich – leider.

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    • Johanna Wagner 27. Dezember 2015

      „Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, kriegt augenblickliche Junge.“ – von Wilhelm Busch. Wahre Zufriedenheit gelingt eben immer nur von innen, aber man kann auch unzufrieden alt werden, nur dann vielleicht nicht so glücklich!?

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  • Susanne 26. Dezember 2015

    PS: gegen umweltschädliche Flugreisen hilft Flugangst super. Ich kann aus diesem Grund kein Flugzeug besteigen (bzw: besteigen schon, nur abheben darf es dann nicht^^). Auch vor beruflichen Flugreisen schaffe ich mich seit Jahren zu drücken – zum Glück.
    Aus diesem Grund ist meine CO2-Bilanz recht gut :-)
    Reisen tue ich am liebsten mit der Bahn oder dem Fahrrad :-)

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  • Daniela 6. Januar 2016

    Danke lieber Christof für diesen Artikel und den Tipp zum Buch, besser den beiden Büchern. Leseprobe gelesen und sofort bestellt.
    Teilweise stimmt es das wir nie zufrieden sind, auch wenn die Nichtzufriedenheit eine Feder in unserem Leben ist. Aber ich denke, wir müssen ganz persönlich herausfinden, für was sie nutzen sollten. Konsum – Geld – Macht – Gier …. nein, für mich kann dies nicht mit Zufrieden heit nichts zu tun haben. Zufrieden fühlt sich persönlich gut an, wenn ich früh morgens die Vögel höre, zufrieden ein Lächeln schenke, zufrieden auch Verzicht üben kann. Das Leben pur spüre, ohne das ich daran finanzielles fest machen muss.
    Danke sagt Daniela

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    • Johanna Wagner 11. Januar 2016

      Liebe Daniela,
      vielen Dank für deine Bestellung und die wahren Worte. Manchmal ist „glücklich Sein“ eben einfach eine Entscheidung :)

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  • Ute Arps 22. April 2016

    Genau der richtige Text. Aber was können wir, die wir die chaotische Situation unserer Welt erkennen, denn daran ändern ? Die Antwort lautet: Aufklärung, immer wieder die Misere aufzeigen, klare und ehrliche Worte sprechen, sodass immer mehr Menschen geistig wach werden. Es funktioniert, denn durch Aufklärung sind sehr viele Verbraucher zu Vegetariern geworden ! Wir sollten uns ein Beispiel an anderen Ländern nehmen, wo die Menschen auf die Straßen gehen und vernünftig protestieren.

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