Mein Einkaufsnetz muss Löcher haben

In meinem letzten Blogartikel ging es darum, warum glückliche Menschen nicht gut fürs Geschäft sind und wie uns diese Erkenntnis glücklicher machen kann. Eine Leserin hat dort das Gedicht „Mein Einkaufsnetz muss Löcher haben…“ in einem Kommentar gepostet. Es gefällt mir und passt wunderbar zu Einfach bewusst, so dass es einen extra Artikel bekommt. „Mein Einkaufsnetz muss Löcher haben…“ stammt von der in den 1980er Jahren recht bekannten Lyrikerin Kristiane Allert-Wybranietz (1955 – 2017), ist dem Band „Liebe Grüße – Neue Verschenktexte“ (Lucy Körner Verlag, 1983) entnommen und geht so:

Mein Einkaufsnetz muss Löcher haben…

Im Supermarkt kaufte ich
Zahnpasta, Zigaretten, Brot,
Seife, Weinbrand, Parfum,
Haushaltstücher, Badezusätze,
Kekse und noch allerlei…..

Zuhause suchte ich
zwischen Verpackungen und Produkten
nach der Freiheit, der Frische,
nach den Abenteuern und der Liebe
und all den anderen Stimmungen und Gefühlen,
die man mir (nach Erwerb dieser Dinge) versprochen hatte.

Als ich dann den Sekt für Verliebte alleine trank,
abenteuerduftende Zigaretten vor’m TV-Western rauchte,
als sich niemand sofort in mich verliebte,
obwohl ich das betörendste Parfum trug
(so stand es auf der Packung),
und als ich feststellte,
dass die Haushaltstücher und die Putzmittel
die Arbeit doch nicht von allein machten,
sagte ich mir:
Mein Einkaufsnetz muss Löcher haben.

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{ 18 Kommentare }

  • Felix 25. November 2017

    Hallo Christof,

    34 Jahre später immer noch aktuell.
    Ich habe mittlerweile deine Seite in den Favoriten ,Taskleiste.
    Somit schaue ich nun morgens und abends bei dir rein !
    Hat sich ja heute gelohnt :-)

    Grüße Felix

    Antworten
    • Christof Herrmann 25. November 2017

      Hallo Felix,

      wie schön, dass ich es in Deine Taskleiste geschafft habe ;-)

      34 Jahre sind ja nichts gegen die fast 2500 Jahre, seit denen Sokrates verkündete: „Wie viele Dinge es doch gibt, die ich nicht brauche.“

      Grüße

      Christof

      Antworten
      • Viktor 28. November 2017

        Hallo Felix und Christof,

        Ganz Eurer Meinung!
        Ein kurzer aber sehr zutreffender Beitrag.
        Vielen Dank!

        Ein und mehr Bücher von Sokrates und weiteren Philosophen ist ein Muss, denn schon zu der Zeit war Minimalismus und besonders ein bewusstes Leben, eine Lebenseinstellung.

        Viele Grüße, Viktor

        Antworten
  • Peer 26. November 2017

    Sehr schön, sehr wahr, sehr aktuell!

    Antworten
  • Dieter Brehm 27. November 2017

    Das Gedicht zeigt sehr schön, wie das Produkt-Marketing funktioniert: es werden auf Produkte projizierte Hoffnungen verkauft. Lustig, dass der Mensch dennoch nach jeder Enttäuschung mit neuer Hoffnung weiter kauft. Ich glaube es ist sehr schwierig, sich völlig von diesem Mechanismus zu befreien. Umso wichtiger ist es, sich immer wieder darüber bewusst zu werden. Also, danke für den Beitrag, Christof.
    VG, Dieter

    Antworten
    • Christof Herrmann 27. November 2017

      Bin ganz Deiner Meinung, dass praktisch niemand den Marketing-Mechanismus komplett ignorieren kann. Sich damit auseinanderzusetzen, ist die halbe Miete. Und je mehr Leute man um sich hat, die sich Gedanken über den Konsum(pf) machen, desto einfacher fällt es selbst Nein zu sagen. Der Mensch ist ein Herdentier und unterliegt zuweilen Gruppenzwang.

      EBG

      Christof

      Antworten
  • Konstanze 30. November 2017

    Hallo alle zusammen,
    seit ca. einem 3/4 Jahr versuche ich unseren Kram zu reduzieren und finde, ich habe schon recht gute Fortschritte gemacht und auch nichts Neues nach gekauft.
    Durch die beginnende Weihnachtszeit wird jetzt überall heftig geschmückt. Überall an und in den Häusern blinken Lichter. Ich dachte so bei mir, ich will das auch und wollte heute in den Baumarkt fahren. Mein Mann holte dann unseren Weihnachtsschmuck vom Boden. Es waren 4 !!! riesige Kartons. Mich hat fast der Schlag getroffen. Mir war gar nicht bewusst, das wir soviel Weihnachtsdeko haben. Mein Ausflug in den Baumarkt fällt jedenfalls aus und ich bin beim Aussortieren und überlege was ich damit mache…….

    Antworten
    • Christof Herrmann 30. November 2017

      Ich glaube, Du „musst“ noch mal reduzieren ;-) Keller, Dachböden, Garagen und Rumpelkammern sind fies, weil man dort fast unendlich viele Dinge bunkern kann. Ich habe davon lediglich ein kleines Kellerabteil und da liegen nur ein paar leere Kartons sowie eine Kiste mit Schuhen, die ich im Winterhalbjahr (bzw. im Sommerhalbjahr) nicht trage. Alles andere, auch Winterklamotten usw. befindet sich in meiner Wohnung. So muss ich nie etwas groß suchen, mache keine doppelten oder dreifachen (Fehl)Käufe, habe den Dachboden (und den Kopf) frei und spare viel Zeit.

      Antworten
  • Stefanie 1. Dezember 2017

    Hallo Christof,
    Danke für den Post, der aus den Menschen auch wieder so schöne Kommentare herauslockt.
    Meine Eltern sind dieses Jahr gestorben, ich musste umziehen aufgrund einer Eigenbedarfskündigung und mein neuer Mann hat sein Haus verkauft, damit wir zusammen ziehen können.
    WAS DA AN KRAM ZUSAMMENKOMMT!
    Unglaublich. Drei Hausstände. Anfangs machten wir uns sehr enthusiastisch daran, die Dinge alle ins Netz zu stellen, damit die Leute es für günstig Geld oder geschenkt haben können. Was geschah?
    Auch die guten Dinge, wie handgetöpfertes Geschirr einer bekannten Töpferei oder Vollholzmöbel konnten nur mit Müh und Not an den Mann gebracht werden.
    Die Gesellschaft ist volgestopft bis zur Oberkante der Unterlippe. Wir haben dann ein Sozialkaufhaus gefunden, das dankend alles angenommen hat. Da war ich sehr froh, denn ich bin ein Mensch, der in allen (fast allen) Dingen einen Wert sieht.
    Und für die kistenweise Bücher (mein Vater war Journalist) haben wir ein Projekt in einer Behindertenwerkstatt gefunden.
    Und doch bringen wir noch immer jede Woche eine Kiste zum Sozialkaufhaus.
    Ich lebe in der Fülle und je mehr wir weggeben, um so leichter wird es uns ums Herz.
    Danke für all die Inspirationen!

    Antworten
    • Christof Herrmann 2. Dezember 2017

      Hallo Stefanie,

      vielen Dank für Deinen Kommentar und Dein Lob.

      Da hattest Du aber ein turbulentes Jahr mit viel Abschied und Trauer, aber auch Neuanfang. Alles Gute Dir!

      Unser „bis zur Oberkante der Unterlippe“ vollgestopfte Leben wird immer mehr zum Krux. Selbst wenn man für sich erkannt hat, dass es viel mehr Vorteile als Nachteile hat, mit weniger auszukommen, bleibt die Umsetzung schwierig. Wir haben das nie gelernt; wir wissen nicht, wohin mit all dem Kram; es kommt ständig neues Zeug nach (und zwar nicht nur durch Erbschaft); man stellt sich ins gesellschaftliche Abseits, wenn man konsumkritisch und minimalistisch lebt; … Und auf der anderen Seite gibt es Menschen (auch bei uns, aber vor allem in den armen Regionen der Welt), die kaum oder nicht über die Runden kommen und nach den Dingen streben, die wir „bis zur Oberkante der Unterlippe“ besitzen.

      Enfach bewusste Grüße

      Christof

      Antworten
  • Ursula 9. Dezember 2017

    Tja das stimmt dann so. Und ja bis zur Oberkante Oberlippe….

    Muss gerade nochmal in deinem Blog querlesen, denn ich hab gerade eine Krise.
    Denn ich habe ja schon wirklich viel aussortiert wirklich viel. Aber als ich mal wieder die Tage meinen Putzfimmel hatte (das sieht dann so aus dass ich alles ganz gründich aufeinmalmache) viel mir auf dass es immer noch viel ist. Gut vielleicht sind es auch die 3,5 Bereiche wo ich nur halbwegs durchbin welche mich drücken bzw. noch gar nicht angefangen habe -von den Kindern noch Kistenweise Bücher, alte Schulsachen etc., meine Stoffe und mein Zeugs für mein Hobby Patchwork was ich eigentlich seit 2 Jahren gar nicht mehr mache, die Berge von Dias und Fotos die sortiert werden möchten um zu reduzieren digitalisieren etc. und der Schriftkram wo noch nicht ganz fertig ist.

    Und die gefühlten tausende Dinge wo mal endlich gemacht werden sollten – Löcher stopfen, Wand streichen, Hosensaum kürzen und und und….

    Ich bin in einem richtigen Loch und komme gar nicht voran. Und dann diese Verführungen im Netz und überall – hach das wäre doch schön und so eine Vase und das tolle Salatbesteck und hier schau mal die Pfanne und und und …. boah
    und das schlechte Gewissen was von allen Seiten kommt weil ich absolut keinen Weihnachtsbaum möchte.

    Da kommen mir so Gedanken – eine Insel – ein Raum, ein Bett, ein Stuhl, ein Licht, ein Buch eine Tasse Tee, ein Brot ein Messer und Butter und Apfel ein großes Fenster für den Blick nach draußen und sonst nichts.

    LG
    Ursula

    Antworten
    • Christof Herrmann 9. Dezember 2017

      Klingt ja wirklich, als wärst Du reif für die Insel. Kannst oder willst Du keine Auszeit nehmen? Jakobsweg, Klosteraufenthalt oder ein Ferienhäuschen im Süden – gibts ja alles. So etwas gibt einem immer Kraft und Antrieb.

      Ansonsten kannst Du es Dir nur zuhause so angenehm wie möglich einrichten. Vielleicht ist meine Tabula-rasa-Methode etwas, mit der Du herausfindest, was Du wirklich brauchst und was eigentlich nur unnütz herumliegt.

      EBG

      Christof

      Antworten
      • Ursula 9. Dezember 2017

        Hallo Christof,

        leider kann ich wirklich nicht. Ja hab Deinen neuen Artikel gerade gelesen. Wäre ne Option so nochmals Zimmer für Zimmer zu versuchen……

        Aber ganz ehrlich dieser Weihnachtskommerz geht mir so was auf den Keks.

        LG
        Ursula

        Antworten
  • schmidma 9. Dezember 2017

    Ja bin ich froh, dass ich Gleichgesinnte gefunden habe!!!

    Die Seite ist eine wahre BEREICHERUNG

    weiter so :-)

    LG
    schmidma

    Antworten
  • Claudia 9. Dezember 2017

    Schönes Gedicht, regt zum Nachdenken an. Ja, von Kristiane Allert-Wybranietz (1955 – 2017) kenne ich einige Texte. Und bin schockiert: Ist sie 2017 gestorben? He, sie ist ein Jahr jünger als ich, das ist doch viel zu früh …

    Antworten
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