Frei und minimalistisch in Wien

Frei und minimalistisch in Wien - Foto: Michal Jarmoluk von Pixabay

Florian Wagner bloggt auf Geldschnurrbart über Frugalismus, bei dem es darum geht, wie man möglichst früh unabhängig von einem Einkommen wird und vom angesparten Vermögen leben kann. Gerade hat Florian sein erstes Buch „Rente mit 40 – Finanzielle Freiheit und Glück durch Frugalismus“ im Econ Verlag veröffentlicht. Der folgende Gastartikel ist ein Auszug daraus und stellt das minimalistisch lebende Paar Sophia und Angelo aus Wien vor.

Als ich Sophia und ihren Mann Angelo in Wien kennenlernte, waren sie mir auf Anhieb sympathisch. Beide besitzen eine unglaublich positive Ausstrahlung und wirken so zufrieden und entspannt, dass es auf andere abfärbt. Sophia, 25, studiert Wirtschaftsinformatik, ihre Leidenschaft ist aber Design, weshalb sie nach ihrem Studium als Freiberuflerin unter anderem Videoanimationen erstellen möchte. Ich frage sie nach der Bedeutung, die Geld für sie hat: „Geld ist in meinem Leben ein Mittel, das mir ermöglicht, die Sachen zu tun, die mir Freude bereiten und mich glücklich machen.“ Glücklich mache sie, Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen, wann immer sie möchte – und an ihrer Leidenschaft zu arbeiten, der visuellen Gestaltung und Design.

Ihr genügsamer Lebensstil hilft ihr dabei. Sophia und Angelo geben jeweils durchschnittlich 500 Euro im Monat für ihren Unterhalt in Wien aus, dazu kommt nur noch die Sozialversicherung. „Wenn wir reisen, sind die Ausgaben natürlich etwas höher“, fügt Sophia hinzu. Ich bin erstaunt: Die Mietpreise in Wien habe ich alles andere als niedrig in Erinnerung und frage nach ihrer Wohnsituation. Sophia lächelt: „Da hatten wir wirklich Glück!“ Sie führt an, dass sie für die gemeinsame Wohnung 230 Euro pro Monat inklusive Nebenkosten bezahlen. Allerdings war dies mit einer „langen Recherche, Anmeldungen bei verschiedenen Genossenschaften, einer mehrjährigen Wartezeit und einer ordentlichen Portion Glück“ verbunden. Sie vermutet, dass vielen Paaren ihre Einzimmerwohnung von 56 Quadratmetern vermutlich nicht reichen würde. „Wir sind damit aber sehr glücklich und haben kein Problem damit, uns das Zimmer gemeinsam zu teilen.“

Den größten Teil ihrer Ausgaben setzen sie für qualitativ hochwertige Lebensmittel ein und ernähren sich nach dem Keto-Prinzip, einer Ernährung mit viel Fett, viel Protein und wenig Kohlenhydraten. „Ohne das wären unsere Ausgaben sicher geringer“, erklärt mir Sophia, da Nudeln, Reis oder Bohnen wesentlich günstiger sind als Wildlachs oder Rindfleisch mit Gemüse und Weidebutter. Sie kochen fast immer zuhause, gehen ab und zu ins Restaurant und brauchen keine teuren Konsumgüter. Ein Auto benötigen sie in Wien nicht, eine Jahreskarte für den öffentlichen Verkehr für 365 Euro im Jahr reicht ihnen völlig.

Ich spreche Sophia auf Shopping-Gewohnheiten an: „Bei mir ist es ein bisschen anders. Ich habe nie viel Schmuck getragen, aber nachdem wir Minimalismus entdeckt haben, habe ich alle meine Schmucksachen, bis auf zwei Uhren, die ich regelmäßig trage, entsorgt oder gespendet. Von Erinnerungsstücken habe ich zuvor ein Foto gemacht. Letztes Jahr habe ich allerdings noch zwei weitere Ringe – meinen Verlobungsring und meinen Ehering – bekommen, die ich sehr gerne trage. Mit einem Anschaffungswert von circa 60 Euro waren aber auch diese vergleichsweise günstig.“

Sophia trägt weder Make-up noch Nagellack, was aber bereits so war, bevor sie den Minimalismus für sich entdeckten. „Ich besitze nur einen Wimpernstift, ein paar Lippenstifte und zwei Concealer, die ich vor 2 Jahren von meiner Schwester bekommen habe.“ Shoppen geht sie ungern, da sie bereits alles hat, was sie braucht. Ein neues Kleidungsstück schafft sie an, wenn das alte ihr nicht mehr passt, es kaputtgeht oder sie es gespendet hat. „Ich besitze nur noch Kleidung, die ich gerne trage. Ich könnte vermutlich alles in einem Handgepäckskoffer unterbringen“, erklärt sie. Den Überblick über ihre Finanzen behält sie durch eine Excel-Datei, die sie alle 2 Monate aktualisiert – das reicht ihr völlig.

Ich spreche sie auf das Vorurteil an, dass ein sparsamer Lebensstil mit Einschränkung verbunden sei. Sie widerspricht entschieden: „Ich sehe Sparen überhaupt nicht als Einschränkung. Genau das Gegenteil: Frugal bedeutet für mich eine Konzentration auf die wesentlichen Dinge, die mir den höchsten Mehrwert und die meiste Freude bereiten. Gleichzeitig wird alles das reduziert oder gestrichen, was überflüssig ist und unsere Lebensqualität nicht wesentlich bereichert.“

Ich möchte deshalb wissen, welche Ausgaben ihnen die meiste Freude bringen: „Köstliches, gesundes Essen aus dem Supermarkt, ein mit Freunden geteiltes Netflix-Abo, eine Massage in Thailand, die das Geld mehr als wert ist“, lautet die spontane Antwort.

Ich weiß, dass sich die beiden schon lange für die Ideen des Minimalismus begeistern und frage, ob dies ihr Zugang zu Frugalismus und finanzieller Freiheit war. „Jaaa! Unsere Reise zur finanziellen Freiheit hat definitiv mit Minimalismus angefangen. Was uns am Minimalismus begeistert, ist die Einfachheit und Bewusstheit.“ Das Konzept lernten beide vor 3 Jahren kennen. Nachdem sie unnötiges Zeug ausgemistet hatten, „haben wir uns viel leichter gefühlt“, erzählt Sophia. Zu Hause sei es entspannter geworden und plötzlich viel einfacher aufzuräumen. Denn sie hatten nur noch die Dinge in ihrer kleinen Wohnung, die sie wirklich brauchten, regelmäßig nutzten und einen festen Platz hatten.

Im Anschluss stellten sie fest, dass ihr Drang, shoppen zu gehen oder sich neue Technik-Gadgets zu kaufen, nachließ. „Wir überlegen uns immer zweimal, was wir in unsere Wohnung hineinbringen.“ Das wiederum bedeutetet, dass sie ihre Ausgaben weiter reduzierten und ihre Sparquote stieg. Sie lernten das Konzept der finanziellen Freiheit kennen und begannen, ihre monatlichen Überschüsse am Aktienmarkt zu investieren. Sie hatten ein neues Ziel: finanzielle Freiheit. Mithilfe der 4-Prozent-Regel errechneten sie ihre magische Zahl.

Im Austausch mit anderen Frugalisten erkannten die beiden aber schnell, dass finanzielle Freiheit allein keine Antwort auf die Frage nach einem erfüllten Leben ist. Auch stellten sie im Gespräch mit finanziell unabhängigen Menschen fest, dass die meisten nie aufgehört hatten, aktiv zu sein, und dass viele weiterhin Einnahmen generierten. „Wir haben uns die Frage gestellt, warum wir daran arbeiten, diese Zahl so schnell wie möglich erreichen zu wollen. Was machen wir, wenn wir das Ziel erreicht haben?“ Auf Basis der letzten Frage richteten sie ihr Leben neu aus.

Obwohl sie die magische Vermögenssumme für die Unabhängigkeit noch nicht erreicht haben, führen sie bereits jetzt ihr Leben so, als wären sie nicht mehr auf ein Arbeitseinkommen angewiesen. „Wir haben genug Geld als Reserve angespart und geringe Fixkosten, sodass wir bereits jetzt versuchen, so zu leben, wie wir es uns vorstellen. Wir wollen unsere Zeit frei einteilen können und mit all dem verbringen, was uns am glücklichsten macht. Das bedeutet, dass wir den Projekten und Jobs nachgehen, die uns am meisten interessieren, aber rein finanziell anfangs vielleicht weniger lukrativ sind.“

Vor Kurzem haben Sophia und Angelo geheiratet. Ich will wissen, wie sie ihre Hochzeitsfeier gestaltet haben. „Wir hatten eine kleine Hochzeit mit 45 Gästen, zuerst im Standesamt und anschließend eine Feier im Garten meines Schwiegervaters. Dadurch mussten wir kein Lokal mieten, und das Catering ohne Getränke war auch deutlich günstiger. Die Hochzeitstorten wurden von unseren Tanten gebacken, und für die Brautfrisur und das Make-up waren meine besten Freundinnen zuständig.“ Da alle Gäste wussten, dass die beiden minimalistisch leben und genug Dinge besitzen, gab es hauptsächlich Geldgeschenke. Diese deckten die Kosten der Hochzeit nicht nur ab, sondern es blieb noch etwas übrig.

Ich frage nach den Reaktionen ihres Umfelds auf ihre Lebensweise. „Wir haben gelernt, dass es uns egal ist, wenn uns Leute wegen unseres Lebensstils komisch anschauen. Wir versuchen nicht mehr, anderen zu entsprechen, und leben nach dem Spruch: ›Other people’s opinion of you is none of your business.‹“ Das halte ich für eine sehr hilfreiche Einstellung, die ich im Gespräch mit allen Interviewpartnern, die finanziell frei waren oder kurz davorstanden, gehört habe.

Zum Abschluss frage ich Sophia nach ihrer Definition von Frugalismus, in der ich mich sehr gut wiedererkenne: „Frugalismus ist für mich, weniger Geld und Zeit für alles Überflüssige zu verschwenden, um dann mehr Zeit für die Dinge und Aktivitäten übrig zu haben, die für mich am wertvollsten sind und mich wirklich glücklich machen.“

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