„Steilküste“ – ein Gedicht von Matthias Kröner

17. Februar 2021 - von Matthias Kröner - 10 Kommentare
"Steilküste" – ein Gedicht von Matthias Kröner (Foto: JJ Sky’s the Limit von StockSnap)

Dieses Gedicht ist ein Gastbeitrag von Matthias Kröner. Der mehrfach ausgezeichnete Lyriker und Autor veröffentlicht seit dem 1. Februar 100 Tage lang je ein Gedicht. Es geht dem gebürtigen Franken darum, „mit Menschen in Kontakt zu kommen, trotz Social Distancing und komplett virenfrei – mit Worten, mit Gedichten.“ Du kannst die Lyrische Post in einem täglichen Newsletter oder auf dem Blog Fairgefischt lesen und anschließend auf Facebook über die Gedichte diskutieren.

Steilküste

Da ist ein Haus
an der Steilküste, die jedes Jahr
Meter um Meter einbüßt,
je nachdem,
wie stark die Stürme sind, die Einschläge der Blitze, der Wind,
der die Wipfel zeichnet, das Wüten
der Welt.

Verunfallte Bäume klammern sich an den Hang.

Wäre ich Besitzer dieses Hauses,
würde ich vielerlei denken. Ich machte mir Sorgen, klar.
Wird die Terrasse
he-
runter-
bre-
chen,
während ich Kaffee trinke auf ihr
und den riesigen Schiffen zusehe, die den Horizont
entlangschreiten,
gemächlich, ruhig, ohne Aufregung.
Die Zuckerdose würde zerschellen und ich,
einige Vögel würden aufflattern
und die Fischer unter mir
in ihren langen Stiefeln zusammenzucken … –
Die Risse des Hauses fielen mir auf.
Ich würde mich ärgern, ich hätte das Haus verkaufen können.
Vor Jahren.
So ist es Schrott.

Trotzdem würde ich manche Nächte noch darin schlafen, allein,
wenn mein Leben, wie es manchmal ist,
durcheinanderkommt,
und ich nicht zurückfinde, zu dem, was mich ausmacht.
Das Haus hilft mir dabei. Die Makler,
die ich doch manchmal anriefe,
würden mich auslachen und längst nicht mehr herkommen
und heimlich über mich tuscheln und mich selbstbewusst
auf die schwarze Liste setzen,
die Liste unverkäuflicher Häuser.

Ich hätte Streit gehabt, wegen dem Haus,
mit meiner Frau, mit der Bank, mit den Kindern,
die die Bäume lieben
und dort Verstecken spielen: „Die Wurzeln halten doch!
Lass uns klettern, bitte!“

Doch ich würde auch stark gewinnen, durch dieses Haus,
jedes Mal, wenn ich es sehe,
ich würde die Abbruchkante verfolgen, den Fraß der Gezeiten,
ich würde wachsamer werden, hier an diesem Ort,
wachsamer als sonst,
und ich wäre dankbar,
weil ich durch dich, Haus an der Steilküste,
das Leben, den Tod, das Land und den Wind verstehen könnte,
auf eine Art, wie sie anderen nicht vergönnt ist.

Ein Wissen, das ich mitnehme, das in mir wohnt,
wenn die Terrasse herunter-
stürzt
und die Fenster
aus ihren Angeln hebt
und die Wände, schief wie die Bäume
am Abhang kleben,
und ich mich umsehen müsste, nach einem Kleinlaster,
um abzutransportieren,

was mir bleibt.

Der Newsletter zum #1 Minimalismus-Blog

Möchtest Du auch einfacher und bewusster leben?

Dann trage Dich in meinen kostenlosen Newsletter ein und erhalte einmal im Monat meine neuen Blogartikel sowie exklusive Tipps zu den Themen Minimalismus, Nachhaltigkeit, Pflanzenkost und Wandern.

Mein Blog Einfach bewusst ist mit rund 150.000 Seitenaufrufen pro Monat der meistgelesene deutschsprachige Minimalismus-Blog.

AchtungDu bekommst dann eine E-Mail, in der Du noch auf einen Aktivierungs-Link klicken musstMit dem Absenden des Formulars bestätigst Du, die Datenschutzerklärung gelesen zu haben.

10 Kommentare für “„Steilküste“ – ein Gedicht von Matthias Kröner”

  1. Das ist ein sehr berührendes, wunderschönes Gedicht. Ich antworte mit fünf kurzen Zitaten des Stoikers Aurelius, die vielleicht zu noch weiteren Gedichten zum Thema Steilküste inspirieren:

    Marcus Aurelius Antonius, Selbstbetrachtungen. XII,14.
    „So erfreue dich an dem Gedanken, dass du mitten
    in solch einem Wogensturm in dir selbst
    an der Vernunft eine Lenkerin hast.“

    Marcus Aurelius Antonius, Selbstbetrachtungen. IV, 49.
    „Wie der Fels im Meere,
    an dem die Wellen unaufhörlich rütteln
    – hier steht,
    sodass ringsum der Brandung Ungestüm sich legen muss
    – so stehe auch DU!
    Denke, es sei kein Unglück,
    aber ein Glück ist´s,
    es mit edlem Mut zu tragen.“

    Marcus Aurelius Antonius Selbstbetrachtungen. II,7.
    „Warum dich durch die Außendinge zerstreuen?
    Nimm dir Zeit, etwas Gutes zu lernen
    und höre auf,
    dich wie im Wirbelwind
    umhertreiben zu lassen.“

    Marcus Aurelius Antonius Selbstbetrachtungen. XI, 23.
    „Sokrates nannte die Meinungen der Menge Poltergeister,
    Schreckgestalten für Kinder.“

    Marcus Aurelius Antonius Selbstbetrachtungen. XII, 22 :
    „Alles ist Meinung, und diese hängt ganz von dir ab.
    Räume also, wenn du willst, die Meinung aus dem Wege,
    und gleich dem Seefahrer, der eine Klippe umschifft hat,
    wirst du unter Windstille auf ruhiger See
    in den sicheren Hafen einfahren.“

    1. Liebe Evelyne,

      danke für den sehr netten Kommentar – und die spannenden Zitate von Marc Aurel. Ich kann auch Epiktet sehr empfehlen, und wenn man es etwas heftiger mag den Kyniker Diogenes.

      Liebe Grüße
      Matthias

Schreibe einen Kommentar zu Dario schrittWeise Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.