Gelesen im März & April: Der sanfte Krieger, Andreas Pröve, Pilgern auf den Jakobswegen …

Wer auf meinem Blog schon länger mitliest, weiß, dass ich davon überzeugt bin, dass weniger meist mehr ist bzw. in der Kürze die Würze liegt. Deswegen verzichte ich an dieser Stelle auf lange Vorreden.

Meine Bücher der Monate März und April sind die Reisebeschreibung „Mein Traum von Indien“ sowie die Graphic Novel „Treibsand“.

Fach- und Sachliteratur

  1. Der sanfte Krieger von Oliver Domröse (Erscheinungsjahr: 2016, meine Bewertung: 4 von 5 Sternen)
    Hochsensible Männer sind gute Zuhörer und Frauenversteher, werde oft als Softies bezeichnet und gelten als das Gegenteil eines Machos. Männerfreundschaften zu pflegen, fällt ihnen oft schwer. Als Partner kommen sie für viele Frauen auch nicht in Frage. Der Blogger und Autor Oliver Domröse ist selbst eine hochsensible Person (HSP) und plaudert in „Der sanfte Krieger“ ganz offen aus dem Nähkästchen. In erster Linie ist das E-Book ein Ratgeber für hochsensible Männer, die endlich ihr ganzes Potenzial (er)leben möchten. Dazu gehört zum einen die sensible Seite mit all ihren Facetten zu akzeptieren, zum anderen die archaische und im positiven Sinne aggressive Seite zu fördern. Besonders interessant fand ich den letzten Abschnitt, in dem eine ganzheitliche Männlichkeit auf Grundlage der Integralen Theorie von Ken Wilber beschrieben wird. „Der sanfte Krieger“ ist bisher leider nur in elektronischer Form auf Amazon erhältlich.
  2. Pilgern auf den Jakobswegen von Raimund Joos (2011, 3 Sterne)
    Dieses Büchlein aus dem Conrad Stein Verlag dürfte die meisten Pilger mit den wichtigsten Informationen versorgen. Einige meiner Fragen blieben aber unbeantwortet: Kann ich in Frankreich oder Spanien noch deutschsprachige Pilgerführer kaufen? Wie schaut es mit der veganen Verpflegung unterwegs aus? Wie viele Kilometer halten Wanderschuhe? Auch hätte ich mir gewünscht, dass der Autor mehr auf ökologische und ethische Aspekte eingeht. Ryanair, Plastiktüten, Fleisch und Fisch zu empfehlen, Bus, Bahn, Jutebeutel und Pflanzenkost hingegen stiefmütterlich zu behandeln, geht im 21. Jahrhundert gar nicht.
  3. Cookin‘ Up A Storm – Abenteuer und vegane Rezepte mit Sea Shepherd von Laura Dakin (2015, 4 Sterne)
    Vier Schiffe von Paul Watsons gemeinnütziger Organisation Sea Shepherd sind derzeit auf den Weltmeeren unterwegs, um mit oft riskanten Aktionen das Töten bedrohter Meeresbewohner wie Wale und Robben zu beenden. Auf einem dieser Schiffe arbeitet Laura Dakin als Chefköchin. In ihrem Buch „Cookin‘ Up A Storm“ schreibt sie über die Herausforderung, täglich eine 50-köpfige Mannschaft bei Laune und Kräften zu halten. Dieser Blick hinter die Kulissen ist spannend. Gerne hätte ich mehr darüber erfahren. Der Schwerpunkt des 160-seitigen Buchs liegt jedoch auf einfachen Kochrezepten. Leider werden für meinen Geschmack mal wieder zu viele Fertigprodukte wie vegane Butter, Seidentofu, Pflanzenmilch und vegane Fischsoße verwendet.

Belletristik

  1. Mein Traum von Indien von Andreas Pröve (2004, 4,5 Sterne)
    Andreas Pröve verunglückte als 23-Jähriger mit seinem Motorrad und ist seitdem querschnittsgelähmt. Das Reisen will er sich trotzdem nicht nehmen lassen. In diesem Buch beschreibt er die Zeit nach dem Unfall und vor allem seine Tour mit dem Rollstuhl von Kalkutta bis in den Himalaya. 2700 Kilometer folgte Pröve dem Ganges – auf eigene Faust und mit Hilfe der Menschen am Wegesrand. „Mein Traum von Indien“ ist ein etwas anderer Reisebericht voll Spannung und Witz, der den Leser zwischen den Zeilen dazu aufruft, die eigene Traumreise zu verwirklichen, selbst wenn die Lebensumstände dagegen sprechen.

Comics

  1. Treibsand von Max Mönch, Alexander Lahl & Kitty Kahane (2014, 4,5 Sterne)
    Die Graphic Novel „Treibsand“ handelt von den letzten Tagen der DDR. Die wahren Ereignisse vor über 25 Jahren werden aus der Sicht des fiktiven US-amerikanischen Korrespondenten Tom Sandman erzählt. Dabei werden nicht nur die Gründen des Zusammenbruchs der DDR aufgedeckt, sondern auch die Handlungsunfähigkeit der SED-Führung in den Stunden vor dem Mauerfall gezeigt. Dem Autorenduo Max Mönch und Alexander Lahl und der Zeichnerin Kitty Kahane gelingt es die Zeitgeschichte nachvollziehbar zu machen – und zwar auf äußerst gewiefte, detailverliebte und packende Weise.

Und nun Du! Wirst Du Dir „Mein Traum von Indien“, „Treibsand“, „Der sanfte Krieger“ oder ein anderes der vorgestellten Werke zulegen? Welches Buch empfiehlst Du mir, meinen Leserinnen und Lesern?

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Glücklich schätzt sich, wer wie ich in Nürnberg lebt. Von Frankens größter Stadt aus finden sich in allen Himmelsrichtungen reizvolle Mittelgebirge und Wandergebiete. Mit dem Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN) kommt man schnell und problemlos in das Nürnberger Land, die Fränkische Schweiz, das Fichtelgebirge, die Hersbrucker Schweiz, den Bayerischen Jura, den Naturpark Altmühltal, das Fränkische Seenland, den Steigerwald, die Hassberge und das Obere Maintal.

Eine schöne und abwechslungsreiche Tour ist der Karstkundliche Wanderpfad um Neuhaus an der Pegnitz im Naturpark Fränkische Schweiz-Veldensteiner Forst. Die etwa 13 km lange Route wurde vom Fränkischen Albverein markiert. Sie führt zu mehreren Höhlen, durch die Steinerne Stadt, vorbei an vielen weiteren Felsformationen und immer wieder durch herrliche Buchen-, Kiefern- und Mischwälder. Neuhaus an der Pegnitz ist mit der Regionalbahn R3 vom Nürnberger Hauptbahnhof im Stundentakt in weniger als 30 Minuten zu erreichen.

Der Karstkundliche Wanderpfad ist ausführlich auf der VGN-Webseite beschrieben. Dort stehen die Beschreibung als PDF und der GPS-Track zum Download bereit.

Ich war in der ersten Aprilhälfte zweimal mit Freunden auf dem Karstkundlichen Wanderpfad unterwegs und habe ein paar Fotos mitgebracht.

Der Karstkundliche Wanderpfad: Die Magnolien blühen in Neuhaus an der Pegnitz.

Endlich ist der Lenz da: Die Magnolien blühen in Neuhaus an der Pegnitz.

Der Karstkundliche Wanderpfad ist ab dem Bahnhof Neuhaus an der Pegnitz mit dem Grünpunkt markiert.

Der Karstkundliche Wanderpfad ist ab dem Bahnhof Neuhaus an der Pegnitz mit dem Grünpunkt markiert.

Der Karstkundliche Wanderpfad: Alternativ folgt man dem großen Mann mit den grünen Schuhen.

Alternativ folgt man dem großen Mann mit den grünen Schuhen.

Der Karstkundliche Wanderpfad: Um in die Distlergrotte zu gelangen, muss der Bauch eingezogen werden …

Um in die Distlergrotte zu gelangen, muss der Bauch eingezogen werden …

Der Karstkundliche Wanderpfad: … was sich lohnt, denn im Inneren kann man zu einem 6 x 2 m großen Höhlensee absteigen.

… was sich lohnt, denn im Inneren kann man zu einem 6 x 2 m großen Höhlensee absteigen.

Der Karstkundliche Wanderpfad: Immer wieder passieren wir sehenswerte Felsformationen, die auch bei Kletterern beliebt sind.

Immer wieder passieren wir sehenswerte Felsformationen, die auch bei Kletterern beliebt sind.

Der Karstkundliche Wanderpfad: Unweit der bekannten Tropfsteinhöhle Maximiliansgrotte suchen Höhlenforscher nach noch nie betretenen unterirdischen Welten.

Unweit der bekannten Tropfsteinhöhle Maximiliansgrotte suchen Höhlenforscher nach noch nie betretenen unterirdischen Welten.

Der Karstkundliche Wanderpfad windet sich mehrmals zwischen Felsen hindurch.

Der Karstkundliche Wanderpfad windet sich mehrmals zwischen Felsen hindurch.

Der Karstkundliche Wanderpfad: Barfußlaufen macht Spaß, vor allem wenn der Boden ein Bett aus Blättern ist.

Barfußlaufen macht Spaß, vor allem wenn der Boden ein Bett aus Blättern ist.

Der Karstkundliche Wanderpfad: Ohne Moos nix los.

Ohne Moos nix los.

Auf dem Karstkundlichen Wanderpfad lohnt nicht nur eine Inspektion des Bodens …

Auf dem Karstkundlichen Wanderpfad lohnt nicht nur eine Inspektion des Bodens …

… sondern auch ein Blick nach oben.

… sondern auch ein Blick nach oben.

Der Karstkundliche Wanderpfad: Unser Weg führt in die Vogelherdgrotte hinein und auf der anderen Seite wieder hinaus.

Unser Weg führt in die Vogelherdgrotte hinein und auf der anderen Seite wieder hinaus.

Der Karstkundliche Wanderpfad: Sofern wir nicht wegen Holzdiebstahl eingebuchtet wurden …

Sofern wir nicht wegen Holzdiebstahl eingebuchtet wurden …

Der Karstkundliche Wanderpfad: … erreichen wir schließlich wieder Neuhaus an der Pegnitz, über das die Burg Veldenstein thront.

… erreichen wir schließlich wieder Neuhaus an der Pegnitz, über das die Burg Veldenstein thront.

Weitere Tages- und Mehrtagestouren, die man von Nürnberg aus gut machen kann, sind der Fränkische Gebirgsweg, die Kirschblütenwanderung zum Walberla, der 1000-Höhenmeter-Rundweg in der Hersbrucker Schweiz und der Steigerwald Panoramaweg.

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Ratatouille

Ratatouille (Foto: Christof Herrmann, 2016)Vegan, vollwertig, glutenfrei, preiswert – Zeit: 45 Min. – Schwierigkeit: leicht

Kürzlich war ich mit einer Freundin bei mir zum Kochen verabredet. Sie kam mit einem Berg Paprika an, den sie bei Foodsharing vor dem Mülltonnentod gerettet hat. Da wir noch etwas vor hatten, machten wir eine schnelle Kartoffelsuppe. Anderntags verarbeitete ich die Paprika zu einem Ratatouille.

Ratatouille ist ein köstliches Gemüsegericht der provenzalischen Küche. Wahrscheinlich wird es eines der wenigen veganen Gerichte sein, die ich diesen Sommer in den Lokalen auf dem französischen Abschnitt meines Jakobswegs bekommen werde.

Auberginen, Paprika, Zucchini, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch, Kräuter und Olivenöl dürfen in keinem Ratatouille fehlen. Ansonsten gibt es so viele Varianten wie Sand am Mittelmeer. Das folgende Grundrezept habe ich im Laufe der Jahre zusammengestellt und liefert ein besonders schmackhaftes Ergebnis.

Für 4 Portionen:

  • 2 Zwiebeln
  • 3 Knoblauchzehen
  • 4 EL Olivenöl
  • 2 Auberginen
  • 2 Paprika
  • 1 große Zucchini
  • 3 Fleischtomaten oder 1 Dose geschälte Tomaten
  • 40 g Tomatenmark
  • 250 ml Wasser
  • 2 EL Kräuter der Provence oder besser 2 Handvoll frische mediterrane Kräuter (Basilikum, Majoran, Oregano, Rosmarin, Lavendel, Salbei, Thymian)
  • Salz
  • Pfeffer

Die Zutaten für Ratatouille (Foto: Christof Herrmann, 2016)

  1. Zwiebeln und Knoblauch schälen und fein hacken.
  2. Olivenöl in einem großen Topf erhitzen, Zwiebeln und Knoblauch darin andünsten.
  3. Auberginen waschen, in kleine Würfel schneiden und dazugeben.
  4. Paprika und Zucchini waschen, die Paprika entkernen, alles in mundgerechte Stücke schneiden und dazugeben.
  5. Tomaten evtl. enthäuten, in Würfel schneiden und ebenfalls dazugeben.
  6. Mit Wasser ablöschen.
  7. Mit dem Tomatenmark sowie den gehackten frischen Kräutern (oder den getrockneten Kräutern der Provence) würzen.
  8. Alles mindestens 20 Minuten schmoren, bis die gewünschte Konsistenz erreicht ist.
  9. Mit Salz und Pfeffer abschmecken und servieren.

Das Ratatouille passt zu fast allem, z. B. zu Baguette, Nudeln, Polenta, Reis, Hirse oder veganen Crêpes.

Tipps:

  • Du kannst das Ratatouille nach Deinem Geschmack variieren. Ich füge oft noch etwas Rotwein und schwarze Oliven hinzu. Auch meine Ratatouille-Version mit getrockneten Tomaten und Kichererbsen hat Freunden gut gemundet.
  • Mach am besten gleich die doppelte Menge. Ratatouille schmeckt am nächsten Tag mindestens genauso gut – sowohl kalt als auch aufgewärmt.

Bon appétit!

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Warum ich seit 20 Jahren keinen Fernseher besitze

„Fernsehen bildet. Immer, wenn der Fernseher an ist, gehe ich in ein anderes Zimmer und lese.“ (Groucho Marx)

Fußball, Fahrrad, Fernsehen

Wenn meine schulischen Leistungen auf dem Gymnasium mal wieder zu wünschen übrig ließen, monierten meine Eltern gerne, dass ich mich nur für die drei „Fs“ interessiere: Fußball, Fahrrad, Fernsehen. Sie hatten recht. Gefühlt machte ich nach dem Unterricht jahrelang nichts außer auf dem Bolzplatz zu stehen, Basketball zu spielen, mit dem Rad von Sportstätte zu Sportstätte zu fahren und fernzuschauen.

Während mir das Körbewerfen immerhin die Bekanntschaft von Dirk Nowitzki und ein Angebot aus der 2. Bundesliga einbrachte, blieb vom TV-Konsum wenig übrig. Ich erinnere mich an Boris Beckers Sieg in Wimbledon 1985, kenne noch heute jede Szene aus dem Vorspann von „Ein Colt für alle Fälle“ (besonders die, in der Heather Thomas im Bikini durch die Schwingtür schreitet), war live dabei, als im November 1989 die Mauer fiel, sah Frank Rijkaard bei der WM 1990 in Rudi Völlers Locken spucken und kann mich an Helga Beimers Gesicht besser erinnern als an das meiner Lateinlehrerin. Wo ist all der Rest geblieben? Durch welches Sieb im Hirn sind zum Beispiel die 10.000 Tore gerieselt, die ich in einer Dekade Sportschau gesehen haben muss?

Glotze an, Verstand aus

Fernsehen ist Berieselung, Fernsehen ist die passivste Aktivität überhaupt. Dass das auf Dauer weder gesund sein kann noch schlau macht, ahnten wir bereits als Kinder. „Glotze an, Verstand aus“, war ein von meinem Bruder und mir oft verwendeter Spruch.

Zahlreiche Studien und Experten (z. B. hier, hierhier und hier) weisen darauf hin, dass hoher Fernsehkonsum mit Übergewicht, Bewegungsmangel, ungesunder Ernährung, Rauchen und den entsprechenden Folgeerkrankungen sowie mit niedrigem Bildungsstand, mangelnder Empathie und Aggressivität in Beziehung steht. Da ist es schon fast alarmierend, dass die durchschnittliche tägliche Fernsehdauer in Deutschland 221 Minuten beträgt. Erika und Max Mustermann versauern also 56 Tage pro Jahr und fast 12 Jahre ihres Lebens vor der Kiste. Ich möchte gar nicht wissen, wie lange die Kleinen in vielen Haushalten auf diese Weise ruhig gestellt werden.

Ohne Fernseher zu mehr Klarheit, Zufriedenheit und Positivem

Mit Anfang 20 zog ich zum Studieren nach Würzburg. Ich machte zunächst mit dem Fernsehkonsum weiter wie zuvor. Nach und nach wurde mir bewusst, dass dieser einer der größten Zeit- und Kreativitätskiller meiner Generation ist. Nachdem mein Versuch, weniger fernzuschauen, gescheitert war, zog ich die Notbremse. Ich warf den Fernseher von heute auf morgen aus meiner Studentenbude. Wie befreiend war das denn bitte? Plötzlich hatte ich unglaublich viel Zeit. Diese Zeit konnte ich für mich und mit anderen sinnvoll nutzen. Ich las wieder mehr, begann mit dem Schreiben, kam mit meinem Studium zu Potte, knüpfte neue Freundschaften, hatte Beziehungen, bewegte mich viel, reiste durch Europa und später um die Welt, entdeckte meine Liebe zur Natur – kurzum ich wurde aktiver und kreativer.

Keinen Fernseher zu besitzen, sorgt seit 20 Jahren für mehr Klarheit, Zufriedenheit und Positives in meinem Leben. Ich halte das Fernsehen für ein Medium der Extreme. Ein Leben, wie es die meisten von uns führen, hat dort wenig Platz. Gezeigt werden lieber Gewalt oder Kitsch, Vergewaltigung oder perfekter Sex, Kriege oder putzige Tierbabys, Zonk oder 1-Million-Euro-Gewinn, Bauer sucht Frau oder Deutschland sucht den Superstar. „Die Medien haben ja eine Tendenz zu Skandal, Übertreibung, Negativität und Alarmismus. Das kann uns in eine ständige Alarmbereitschaft versetzen. Wir werden angesteckt von Gefühlen, wissen aber nicht, was genau davon unsere eigenen sind.“, sagte meine Schwester kürzlich im Interview zum Thema Achtsamkeit.

Wenn mich die Fernsehlust mal wieder packt

Ich möchte das Fernsehen nicht ganz verteufeln. Es kann unterhaltsam sein, es kann informativ sein und es kann helfen, für kurze Zeit abzuschalten. Hin und wieder packt auch mich die Fernsehlust. Dann streame ich einen Spielfilm oder eine Doku auf Arte oder schaue mit Freunden Champions League in einer Kneipe.

Ein TV-Gerät kommt mir freilich nicht mehr in die Wohnung. Ich weiß, dass ich mich schnell wieder regelmäßig berieseln lassen würde. Meine Fußball-Fahrrad-Fernsehen-Phase ist also passé. Zum Glück gibt es noch andere schöne „Fs“ – Fernwandern zum Beispiel.

Bonus: Weniger Fernsehen (oder die Kiste ganz verkaufen) bedeutet …

… mehr Achtsamkeit.
… mehr Bewegung.
… mehr Fokus.
… mehr Freiheit.
… mehr Freundschaften.
… mehr Geld.
… mehr Gespräche.
… mehr Gesundheit.
… mehr Kreativität.
… mehr Leben.
… mehr Platz.
… mehr Schlafqualität.
… mehr Sex.
… mehr Werbefreiheit.
… mehr Zeit.
… mehr Zufriedenheit.

Hast Du auch keinen Fernseher, besitzt Du noch einen oder schaust Du wie Erika und Max Mustermann 221 Minuten pro Tag fern?

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Achtsamkeit bedeutet, mit sich selbst in Kontakt zu sein: Interview mit Achtsamkeitstrainerin Sabine Herrmann

Meine Schwester Sabine Herrmann ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und lebt mit ihrem Sohn in München. Sie bietet in ihrer Praxis Achtsamkeitstraining, Gesprächstherapie und Jobcoaching an. In diesem Interview beantwortet Sabine meine Fragen rund um das Thema Achtsamkeit.

Christof Herrmann: Was ist Achtsamkeit eigentlich genau?

Sabine Herrmann: Achtsamkeit bedeutet, voll und ganz bei dem zu sein, was wir gerade empfinden und womit wir uns beschäftigen. Es bedeutet, mit sich selbst in Kontakt zu sein. Achtsamkeit ist eine Art der Aufmerksamkeit, die sich jeglicher Wertung enthält und deswegen auch voller Respekt ist, egal was der Gegenstand der Achtsamkeit ist – Sinneswahrnehmungen, das eigene Innere, der Kontakt mit anderen Menschen.

Was bringt einem Achtsamkeit im Alltag?

Vieles! Ich lerne dadurch zum Beispiel, in schwierigen Situationen anders zu reagieren, weil mir die Situation, meine Gefühle und Anspannung und im besten Fall sogar der Stress meines Gegenübers bewusst sind. Das macht das Leben bedeutend leichter und heiterer. Vieles löst sich positiv oder zumindest kann ich das Problem aus einer gesunden Distanz sehen. Achtsamkeit ist auch ein Ausdruck der Selbstachtung und Wertschätzung. Und sich selbst zu akzeptieren und zu lieben, ist eine der besten Quellen von Zufriedenheit überhaupt.

Achtsamkeit ist seit längerem auch in den Medien präsent. Ist Achtsamkeit ein Trend?

Wenn man es so ausdrücken will, ja. Achtsamkeit ist ein vielbeachtetes Thema. Achtsamkeit hat es auf die Titelseiten großer Magazine gebracht. Es gibt Apps, Buchreihen, unzählige Seminare, auch Firmen beschäftigen sich inzwischen damit. Das Zukunftsinstitut nennt Achtsamkeit den Megatrend dieser Jahre.

Gibt es einen Grund, dass Achtsamkeit gerade jetzt wichtiger zu werden scheint? Das Thema an sich ist ja schon sehr alt.

Unser heutiger, immer schneller werdende Lebensstil mit den unzähligen Möglichkeiten sich abzulenken, wirkt genau entgegengesetzt: Er verführt dazu, mehrere Dinge gleichzeitig zu machen, mit den Gedanken in der Zukunft zu sein und jedes unangenehme Gefühl sofort mit einer Aktivität oder Kommunikation zu verdrängen. Dieser Zustand hinterlässt uns letztlich unzufrieden und unerfüllt.

Aber ist es nicht besser, sich mit den angenehmen Seiten des Lebens auseinanderzusetzen, und auf die unangenehmen zu verzichten? Man hört doch oft den Ratschlag, dass man sich ablenken und es sich gut gehen lassen soll, wenn man zum Beispiel Liebeskummer oder Ärger im Job hat.

Das kann man schon mal machen, wenn man es gar nicht aushält. Aber alles, was ich verdränge, hat eine besonders starke Wirkung auf mich. Erst wenn ich ein schwieriges Gefühl und schwierige Umstände annehme, komme ich auf fruchtbare Lösungen. Erst dann kann sich etwas in mir zum Guten verändern. Das ständige Abwehren verbraucht viel Lebenskraft. Es verhindert ein tieferes Verständnis der Sache und damit auch eine ganzheitliche Lösung.

Was an unserem Lebensstil hältst Du für besonders problematisch?

Das Internet überreizt unseren Sinn für Nah und Fern, für Bindung und Kontakte, für das Wichtige und das Unwichtige. Die Medien haben ja eine Tendenz zu Skandal, Übertreibung, Negativität und Alarmismus. Das kann uns in eine ständige Alarmbereitschaft versetzen. Wir werden angesteckt von Gefühlen, wissen aber nicht, was genau davon unsere eigenen sind. Überfordert werden wir auch kommunikativ. Menschen sind von der Evolution dazu geprägt, in überschaubaren Gruppen zu leben. In einer solchen sozialen Größe können wir authentisch kommunizieren, stabile und verbindende Beziehungen aufbauen. Wer ununterbrochen kommuniziert, und dann auch noch digital, kann sich irgendwann selbst nicht mehr spüren.

Kommen wir also als achtsame Menschen auf die Welt? Babys und kleine Kinder können sich ja noch ganz in eine Sache vertiefen, scheinen mit sich selbst in Kontakt zu sein.

Auf jeden Fall! Kleine Kinder haben noch kaum Gedanken, sie halten nichts fest, sind offen für alles um sie herum. Sie leben völlig im und für den Moment. Doch bei jedem emotionalen Schmerz, und der passiert auch, wenn jemand mit ärgerlicher Stimme zu dem Kind spricht, geht die Tür ein kleines bisschen zu. Die Natur hat Kindern viel Kraft mitgegeben, und auch die Fähigkeit, Abwehrmechanismen zu entwickeln, um mit möglichst wenig Beschädigung unseres Selbstwertgefühls durchzukommen. Diese Abwehrmechanismen nennen sich dann später Persönlichkeitsstruktur. Als Mutter oder Vater sollten wir uns immer aufs Neue bemühen, selbst achtsam mit uns und unseren Kindern zu sein, uns immer wieder einzufühlen in unsere Kinder und ihre Welt und unsere eigenen Emotionen achtsam unter Kontrolle zu bekommen. Perfekt gelingen wird uns das nie.

Wie können wir nun konkret achtsamer werden?

Wir können uns für formelle Achtsamkeitsübungen Zeit nehmen, zum Beispiel achtsame Körperübungen oder Achtsamkeitsmeditationen machen. Es gibt viele Anleitungen in Büchern, CDs und natürlich auch im Internet. Zugleich sollten wir die Achtsamkeit mehr und mehr in unseren Alltag einfließen lassen, zum Beispiel beim bewussten essen oder gehen. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten. In der Achtsamkeit erkennt man seine eigenen Stressmuster. Es sind ja fast nie die Tatsachen, die uns stressen, sondern die Bewertung dieser Tatsachen. Durch die Achtsamkeit und die dadurch geförderte Selbstbeobachtung bekommen wir eine gesunde Distanz zu dieser stressauslösenden Umwelt. Diese Distanz bewirkt, dass wir uns weniger gestresst fühlen. Regelmäßige Achtsamkeitsübungen verbessern außerdem das Immunsystem und weitere Körperfunktionen. Wir können dann irgendwann zur Erkenntnis kommen, dass die Welt letztlich doch einfach und nicht überfüllt oder überreizt ist.

Kann eine minimalistische Lebensweise zu mehr Achtsamkeit führen?

Die beiden Begriffe gehen auf jeden Fall Hand in Hand. Schon allein dadurch, dass viele Ablenkungen wegfallen, wird man in Richtung Achtsamkeit gelenkt. Und weil ich mich durch eine minimalistische Lebensweise auf das für mich Wesentliche konzentriere, bin ich schon nah an meinen echten Bedürfnissen und damit im achtsamen Kontakt zu mir. Andersherum natürlich auch: Je mehr ich Achtsamkeit praktiziere, desto einfacher und unkomplizierter werde ich auch leben. Übrigens hat die Achtsamkeit ganz sicher auch Auswirkungen auf das, wie wir essen. Achtsam Fleischstücke aus der Massentierhaltung mit all seinen Auswirkungen zu essen, das passt nicht zusammen. Ich will nicht sagen, dass jeder, der Achtsamkeit praktiziert, Vegetarier oder Veganer wird, aber einen Zusammenhang gibt es natürlich.

Sind all diese Erkenntnisse wissenschaftlich belegt?

Oh ja, es gibt eine sehr große Anzahl von Studien, die nachweisen, dass es schon nach einigen Wochen von Achtsamkeitspraxis und Achtsamkeitsübungen positive gesundheitliche Effekte gibt, die Wahrnehmung von Stress gemindert wird und das allgemeine Wohlbefinden steigt.

Welche Grenzen hat die Achtsamkeit?

Achtsamkeit selbst kann im Prinzip immer weiter vertieft und verfeinert werden, ist damit fast grenzenlos. Allerdings sehe ich Achtsamkeit nicht als Allheilmittel für alle Probleme, die wir mit uns tragen. Oft ist es so, dass wir tiefsitzende Muster und Blockaden nicht nur durch Achtsamkeit und Meditation lösen können, sondern dass es dazu meist die Begleitung durch andere Menschen braucht. Wenn wir früher durch ungute Erfahrungen mit unseren Bezugspersonen Schaden genommen haben, kann dies auch nur durch positive Beziehungserfahrungen mit anderen Menschen geheilt werden.

Wie verhilfst Du Menschen in Deiner Praxis zu mehr Achtsamkeit?

In meiner Arbeit mit Menschen ist Achtsamkeit die Basis für alle Themen, egal ob es um die Wünsche bei einem neuen Job geht, um Probleme mit dem pubertierenden Kind oder um tieferliegende Lebensängste. Es geht bei mir viel um die Achtsamkeit in Bezug auf die eigenen Gefühle. Hier steckt der größte Zündstoff. Hier gibt es viel Verdrängtes. Bei schwer erträglichen und deshalb verdrängten Gefühlen – und die haben wir alle – kann man nicht achtsam sein, denn man fühlt sie (noch) nicht. Sie sind aber trotzdem da und wirken aus dem Unterbewussten: Bei unseren Reaktionen auf Menschen und Situationen, bei unseren Stressmustern, und vor allem auch bei unserem Umgang mit uns selbst. Aus meiner Sicht braucht es hier die Begleitung durch jemanden, der diese Gefühle mittragen kann, sonst kommen sie nicht an die Oberfläche. Es hat gute Gründe, warum wir vieles nicht fühlen wollen. Und doch liegt hier der Schlüssel zur inneren Freiheit. Wenn wir uns durch so einen Prozess wieder mehr Gefühle zutrauen und zu unseren Bedürfnissen stehen können, wächst auch wieder die Achtsamkeit in unserem Alltagsbewusstsein. Dann wird unser Leben erfüllter, leichter und freudiger.

Als Therapeutin kann ich durch Achtsamkeit und Mitgefühl Menschen unterstützen, wieder ein klareres Bild von sich zu bekommen, besser zu spüren, worum es einem wirklich geht, und damit den persönlichen Zielen und dem ersehnten Lebensgefühl näherzukommen. Ich selbst lerne bei jedem Weg, den ich begleiten darf. Das ist das Schöne an dieser Arbeit.

Vielen Dank für das Gespräch, Sabine.

Ich sage ebenfalls Danke und bis bald.

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