Du bezahlst Gegenstände nicht nur mit Geld, sondern vor allem mit Lebenszeit. (Foto: Alexas_Fotos von Pixabay)

Time is money – Money is time – Stuff is time

Mehr Geld, mehr Kram, mehr Termine im Kalender, mehr Hamster im Rad. Unsere ach so moderne Welt ist auf Steigerung ausgelegt. Nur freie Zeit und Freizeit gibt es kaum mehr.

Wir übersehen oft, dass wir jeden Gegenstand nicht nur mit Geld, sondern vor allem mit wertvoller Lebenszeit bezahlen (seit Du diesen Artikel liest, ist eine halbe Minute vergangen). „Time is money.“ Aber auch: „Money is time.“ Und eben: „Stuff is time.“

Ist Dir ein 65-Zoll-4K-Fernseher einen Monat Arbeit wert?

Sofern Du nicht geerbt oder eine Bank ausgeraubt hast (und dabei nicht erwischt wurdest), bezahlst Du jeden neuen Gegenstand mit dem Geld, das Du verdient hast.

Um den wahre Wert einer Ware zu erkennen, empfehle ich, vor jedem Kauf auszurechnen, wie lange Du dafür zu arbeiten hast. Für die Berechnung musst Du Dein Nettogehalt pro Stunde, Tag, Monat und Jahr kennen. Wenn Du Dir die Beträge nicht merken kannst, schreibe sie auf ein Zettelchen und stecke diesen in Deinen Geldbeutel.

Angenommen Du beziehst das durchschnittliche Monatsnettogehalt in Deutschland 2018 in Höhe von 1.945 Euro, arbeitest 18 Tage im Monat und hast eine 40-Stunden-Woche. Dann verdienst Du pro Stunde 13,51 Euro und pro Jahr 23.340 Euro. Für einen 3 Euro teuren Cappuccino müsstest Du also 13 Minuten arbeiten, für eine 60 Euro teure Levi’s 501 4,5 Stunden, für einen 2.000 Euro teuren 65-Zoll-4K-Fernseher einen Monat, für einen 25.000 Euro teuren VW Golf 13 Monate und für ein 300.000 Euro teures Einfamilienhaus 13 Jahre.

Dieses Vorgehen reduziert Spontan- und Fehlkäufe auf ein Minimum. Du wirst Dir solche Frage stellen: Ist mir der 65-Zoll-4K-Fernseher wirklich so viel Arbeits- und Lebenszeit wert? Bereichert und verbessert er mein Leben? Kann ich ihn secondhand erstehen? Tut es das alte Gerät nicht noch genauso? Wollte ich nicht eigentlich mal einen Monat ohne Fernseher leben?

Auch die versteckten Folgekosten rauben Lebenszeit

In Deine Entscheidung für oder gegen einen Kauf, solltest Du miteinbeziehen, dass der Gegenstand wahrscheinlich Folgekosten verursachen wird. Diese kannst Du Dir wieder als Stunden auf der Arbeit – oder wenn Du auf den Gegenstand „verzichtest“ – als freie Lebenszeit vorstellen.

Jedes noch so kleine elektrische Gerät verbraucht Strom. Ein Auto muss versichert, versteuert, betankt oder aufgeladen, geparkt, verschönert, gewaschen, gewartet und repariert werden. Selbst Gegenstände wie eine Levi’s 501 ziehen Kosten nach sich, weil die meisten von uns Gebirge an Kram besitzen, die in Kisten, Regalen, Kommoden, Schränken, Wohnungen, Häusern, Kellern, Garagen und Selfstorages aufbewahrt werden müssen.

Jeder Gegenstand buhlt um Deine Aufmerksamkeit

Hinzukommt, dass jeder neuen Gegenstand per se Zeit frisst, denn er will verwendet, aufbewahrt, archiviert, gewartet, gepflegt, entstaubt, upgedated oder was auch immer werden. Mit Wertschätzung ist das kaum noch möglich, wenn schon so viele andere Gegenstände um Aufmerksamkeit buhlen.

Wachstumskritiker Niko Paech sagt: „Wir sind doch längst überfordert und erschöpft. Eine Studie hat ergeben, dass ein Bundesbürger durchschnittlich 10.000 Dinge besitzt. Dienstleistungen kommen noch hinzu. Wie sollen wir das verarbeiten, wenn einerseits jedes Ding seine Zeit verlangt, der Tag aber andererseits nur 24 Stunden hat?“

Der Ausweg aus dem Kram-Arbeit-Zeit-Dilemma: Lebe einfach einfach

Stell Dir vor, wie günstig Du wohnen würdest und wie viel Lebenszeit Du zur Verfügung hättest, wenn Dein gesamter Besitz in einen Rucksack und eine Tasche passen würde. Manche digitale Nomaden und „extreme“ Minimalisten leben so. Ich will damit nicht sagen, dass Du dem nacheifern musst. Ich lebe auch nicht so. Aber ich möchte veranschaulichen, dass Kram viel Zeit bindet.

(D)eine Ausweg aus dem Kram-Arbeit-Zeit-Dilemma liegt nahe: Lebe einfach einfach. Finde das für Dich passende Maß. Kaufe nur Gegenstände, die Du Dir leisten kannst und willst. Reduziere Deinen Besitz, bis Du nur noch Gegenstände hast, die Dein Leben erleichtern oder bereichern.

Wenn Dir dann danach ist, kannst Du Deine Arbeitszeit reduzieren, ein Sabbatical einlegen, eine Selbstständigkeit riskieren oder früher in Rente gehen. „Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet“, lautet eines der fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen.

Auch wenn Du Dein Arbeitspensum beibehältst, wird sich vieles zum Guten wenden – weil Du nun den wahren Wert der Gegenstände kennst, weniger konsumierst und mehr Lebenszeit mit Deinen Leidenschaften und Lieben verbringst.

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Meine Empfehlungen: Mastodon + Früher aufstehen + Kanada goes vegan + Frühjahrsputz + Aldous Harding …

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich wünsche Dir viel Vergnügen mit meinen neuen Empfehlungen – ab sofort in leicht veränderter Aufmachung.

Aufgeräumt – Wenn Du Dich für Minimalismus und Ausmisten interessiert, kommst Du an den beVegt-Podcast „Frühjahrsputz 2.0: So trennst du dich von altem Ballast“ nicht vorbei.

Bodenständig – Fliegst Du noch oder bist Du schon bodenständig? In Schweden sind der Flugzeug-Boykott und der Hashtag Flygskam gerade ein cooler Öko-Trend, den ich mir auch für Deutschland wünsche.

Erhaltenswert – Eine Million Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht, so ein aktueller UN-Bericht. Das Artensterben ist für uns so bedrohlich wie der Klimawandel. Die einfache, nachhaltige und vegane Lebensweise trägt zum Schutz der Arten und des Klimas bei. Konkrete Vorschläge, was jeder tun kann, finden sich z. B. beim Nabu und in der FAZ.

Glücklich – Alexandra vom Blog Hof Eulengrund empfindet gerade bei einfachen Dingen Glück und nennt zehn Beispiele. Und was löst bei Dir pure Lebensfreude aus?

Munter – Möchtest Du früher aufstehen? Anchu Kögl erklärt, wie Du es Dir dauerhaft zur Gewohnheit machst.

Nachhaltig – Was haben Gregor Gysi, Eveline Lemke, Cosma Shiva Hagen und ich gemein? Ihnen wurden von Nachhaltig sein in der Rubrik „nachhaltig gefragt“ je sieben Fragen gestellt.

Pflanzlich – Die kanadische Regierung hat ihre Ernährungsempfehlungen grundlegend aktualisiert. Der neue „Food Guide“ befürwortet eine pflanzliche Ernährung. Traditionelle Lebensmittelgruppen wie „Milch und Milchprodukte“ oder „Fleisch und Fisch“ sind kaum mehr zu finden. Ich bin mir sicher, dass viele Länder in den nächsten Jahren dem Beispiel folgen.

Sinnvoll – Bist Du auf der Suche nach einem grünen, fairen und sinnvollen Job? Dann könnte Dir diese Übersicht mit den besten Stellenportalen weiterhelfen.

Vernetzt – Nachdem ich mich von WhatsApp, web.de, Pinterest, Google+ und meinem privaten Facebook-Account getrennt habe, möchte ich irgendwann Facebook und Twitter komplett den Rücken kehren. Im Gegensatz zu diesen großen Plattformen ist Mastodon als dezentrales Netzwerk konzipiert, in dem Datenschutz und Freiheit an erster Stelle stehen. Hinter Mastodon stecken kein Risikokapital, keine Investoren und kein Vorstand. Deswegen gibt es keine Werbung und werden die Nutzer nicht ausspioniert. Falls Du Dich auf Mastodon mit mir verbinden möchtest, findest Du mich unter https://social.tchncs.de/@einfachbewusst.

Weitläufig – „Meine“ Alpenüberquerung Salzburg – Triest ist eine von 39 Traumtouren, die in dem gerade erschienenen Buch „Die schönsten Trekkingrouten Europas“ vorgestellt werden. Fast alle der Fernwanderwege sind mit Bus und Bahn zu erreichen. Nachhaltiger kann man wohl nur auf Balkonien Urlaub machen.

Zukünftig – Postwachstumsökonom Niko Paech versucht unsere Art zu leben mit den Grenzen unseres Planeten in Einklang zu bringen. Wie das klappen könnte, hat er mir vor gut vier Jahren erklärt. Tilo Jung von Jung & Naiv hat Niko Paech nun ausführlicher und in Farbe interviewt.

Filigran – Mein Musiktipp ist diesmal die neuseeländische Singer-Songwriterin Aldous Harding. Auf ihrem aktuellen Album „Designer“ versammeln sich neun fulminante filigrane Folk-Oden, die die Harding im Stile einer Folk-Sängerin der 1970er Jahre ins Mikrophon haucht.

Vielen Dank für Deine Aufmerksamkeit!

Ich freue mich, wenn Du auch meine Empfehlungen der letzten Quartale anschaust.

Einfach bewusste Grüße

Christof

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Urlaub auf Balkonien: So klappt's mit den Ferien zuhause

Ich bleib dann mal hier

Strapazen auf der An- und Abreise, im Hotel miesepetriges Personal, in der Dusche fremde Haare. Volle Liegen und leere Versprechen. Nichts als Lärm und viel Lärm um nichts. Die schönsten Wochen im Jahr können ganz schön scheußlich sein. Wer das schon erlebt hat oder von vornherein auf den Trubel verzichten möchte, verkündet: „Ich bleib dann mal hier.“

Urlaub auf Balkonien heißt das salopp. Im Englischen gibt es die netten Neologismen stacation und holistay. Nach meiner Definition muss man dafür nicht unbedingt einen Balkon, eine Terrasse oder einen Garten besitzen. Du verbringst einfach die Ferien zuhause, unternimmst Ausflüge in der näheren Umgebung und schläfst im eigenen Bett.

5 Gründe, Urlaub auf Balkonien zu machen

Balkonien statt Bali beeindruckt im Büro und auf Instagram höchstens die Ökos und Selbstbestimmten. Es bedarf also etwas Mut und die eigene Überzeugung, dass es zu Hause genauso schön ist. Dann spricht einiges dafür.

  1. Mehr Geld. Ein Monatsgehalt geht im Urlaub für An- und Abreise, Unterkunft, Mietwagen, Restaurants und Eintritte schnell drauf. Bleibst Du daheim, tust Du etwas für Dein finanzielle Freiheit – sofern Du nicht in den Konsum(pf) der Fußgängerzonen und Webshops versinkst.
  2. Mehr Umweltschutz. Balkonien ist der nachhaltigste Urlaubsort von allen. Der CO2-Ausstoß ist gering, denn die Reisewege sind denkbar kurz und das eigene Heim existiert ja schon.
  3. Mehr vom Urlaub, denn Vorbereitungen wie das Buchen der Reise, Impfungen und das Kofferpacken und die Hin- und Rückfahrt fallen komplett weg.
  4. Mehr Erholung. Du hast viel freie Zeit, bist in einer vertrauten Umgebung und hast bekannte Gesichter um Dich herum. Die Chancen stehen gut, auf Balkonien zu entschleunigen und zu entspannen. Das gilt besonders für Familien. Kleinen Kindern ist es egal, ob sie im nächsten Baggersee oder in der Südsee plantschen.
  5. Mehr Heimatverbundenheit. Die Ferien daheim lassen sich wunderbar nutzen, Deine Region mit all ihren Facetten besser kennenzulernen und die Kontakte zu den Menschen in Deiner Nähe zu pflegen. Das wirkt auf das Wohlbefinden im Alltag. Was man kennt und versteht, schätzt und achtet man viel eher.
Urlaub auf Balkonien: So klappt's mit den Ferien zuhause (Foto: Christof Herrmann, 2018)

In 7 Schritten zu den Traumferien zuhause

Wie jeder Urlaub birgt auch der auf Balkonien ein paar Risiken. Wer den Kopf nicht frei bekommt, ständig erreichbar ist und den alten Trott nicht durchbricht, wird am ersten Arbeitstag schon wieder urlaubsreif sein.

Die Kunst liegt darin, die Annehmlichkeiten des Zuhauses mit der freudigen Aufgeregtheit einer Reise zu verschmelzen. Die folgenden Schritte und Tipps können Dir dabei helfen.

  1. Vor dem Urlaub Wohnung, Balkon und Garten in Schuss bekommen. Je weniger aufzuräumen, zu putzen und zu waschen ist, desto eher kommt Urlaubsfeeling auf.
  2. Lagerservice der Post einrichten. Die Post sammelt Deine Rechnungen, Werbebriefe und all den Rest und stellt sie gebündelt nach Ende des Balkonien-Urlaubs zu.
  3. Arbeiten ist tabu und Du solltest dafür nicht erreichbar sein – weder telefonisch noch per E-Mail und schon gar nicht persönlich.
  4. Private Verpflichtungen so weit wie möglich reduzieren. Auf Balkonien jagt endlich kein Termin den anderen und darf man sich rar machen. Wem das schwer fällt, notiert sich Regeln wie z. B. „Kein Terminkalender“ oder „E-Mails nur einmal am Tag checken“.
  5. Einfach mal nichts tun. Naturbad oder Hängematte, Eistee oder Weißweinschorle, das sind hier die Fragen.
  6. Den Lieblingsbeschäftigungen nachgehen, die sonst oft zu kurz kommen. Dazu zählen auch Verabredungen – mit Menschen, die einem wichtig sind und gut tun.
  7. Neues sehen, ausprobieren und lernen. Stillstand und Routine tun auf Dauer nicht gut. Es gibt vor jeder Haustüre unendlich viel zu unternehmen und entdecken. Das trägt dazu bei, dass Balkonien als unvergesslicher Urlaub in Erinnerung bleibt. Wie wäre es hiermit: Die eigene Stadt mit anderen Augen sehen, sich in der Nachbarschaft engagieren, das Umland erwandern, die fünf interessantest Museen des Bundeslands besuchen, sich eine neue Fertigkeit aneignen …

Fazit: Sogar für Kurzurlaube zu allen Jahreszeiten geeignet

Balkonien ist das nächstgelege, minimalistischste, nachhaltigste und günstigste Urlaubsziel überhaupt. Hat Du den Dreh raus, eröffnet das eine interessante Möglichkeit: Balkonien ist derart leicht zu erreichen, dass man sich dorthin auch über ein Wochenende oder die Feiertage zurückziehen kann – und zwar ganz spontan und zu allen Jahreszeiten.

Urlaub auf Balkonien: So klappt's mit den Ferien zuhause

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So vermeidest Du in den Alpen volle Berghütten

Matratzenlager im Kärlingerhaus (Foto: Christof Herrmann, 2014)

„Muss man denn auf den Hütten lange vorher reservieren?“, lautet eine der häufigsten Fragen, die mir zur Alpenüberquerung Salzburg – Triest gestellt werden.

Meine Antwort lautet: Es kommt drauf an, wo und wann Du unterwegs bist und wie flexibel Du bist.

Ich reserviere ungern lange im Voraus, weil mir das viel Spontanität und Freiheit raubt. Das Wetter, die Tagesform, die Mitwanderer und die Wegbeschaffenheit haben Einfluss darauf, wie weit ich an einem Tag komme oder gehen möchte. Dies Tage oder Wochen vorher abzuschätzen, ist schier unmöglich.

Ich habe auf meinen fünf Alpenüberquerungen und vielen weiteren Fernwanderungen Strategien entwickelt, um in den Berghütten und in anderen Unterkünften nicht lange im Voraus reservieren zu müssen. Nur einmal wurde ich ins Notlager geschickt (wo ich herrlich geschlummert habe, weil ich allein war).

In der Einleitung der 2. Auflage meines Wanderführers „Alpenüberquerung Salzburg – Triest“ erkläre ich, wie man volle Berghütten vermeiden kann. Hier im Blog ist Platz, weitere Tipps hinzuzufügen und das ganze ausführlicher darzustellen.

1. Möglichst früh oder möglichst spät in der Saison gehen

Die Zeit, wenn der Frühling noch da ist bzw. der Herbst vor der Tür steht, habe ich oft als beschaulich und ruhig erlebt – unterwegs wie in den Hütten. Auf der Alpenüberquerung Salzburg – Triest sind manche Abschnitte bereits im Mai möglich. Willst Du die gesamten 500 Kilometer gehen, kannst Du in den meisten Jahren schon Mitte Juni bzw. solltest Du spätestens Anfang September starten.

2. Nicht am Wochenende starten

Wenn Du die erste Etappe einer bekannten Fernwanderung oder Alpenüberquerung unter der Woche gehst, vermeidest Du wahrscheinlich einen größeren Pulk an Wanderern. Die meisten starten an einem Samstag oder Sonntag, um die Urlaubstage optimal auszunutzen. Das ist gut an der Teilnehmerliste der Alpenüberquerung Salzburg – Triest zu erkennen.

3. Die Starttage der Bergschulen meiden

Besonders populäre Routen wie der E5 von Oberstdorf nach Meran werden von Bergschulen als Touren angeboten. Erkundige Dich vorab, an welchen Tagen diese Gruppen starten.

4. Azyklisch gehen

Auf meinen Alpenüberquerungen und meinem Jakobsweg habe ich festgestellt, dass sich viele Fernwanderer an die Etappeneinteilung in den Wander- und Pilgerführern halten. Deswegen kann es Sinn machen, azyklisch zu gehen, also in Hütten und Talorten zu übernachten, die zwar auf der Route, aber nicht am Ende der vorgeschlagenen Etappen liegen.

5. Alternative Routen wählen

Du musst Dich nicht immer an die Hauptroute halten. In vielen Wanderführern – so in meinem – werden Varianten vorgestellt. Zuweilen reicht auch ein Blick auf die Karte, um die Route auf eigene Faust anzupassen. In etwas abseits gelegenen Berghütten geht es oft ruhiger zu.

Auf vielen Berghütten wird es abends gemütlich. (Foto: Christof Herrmann, 2014)

6. Bei schlechtem Wetter nicht ins Tal fliehen

In einem Jahr hatten wir in den Berchtesgadener Alpen nichts als Wolken und Regen. Unserer Stimmung tat das keinen Abbruch. Die Bergwelt wirkte mystisch, wir hatten den Nationalpark quasi für uns allein und auf den Hütten bekamen wir Doppel- und 4er-Zimmer, weil viele Gäste nicht auftauchten.

7. An den Wochenenden die Hot Spots vermeiden

Bei gutem Wetter geht es an den Wochenenden in manchen Alpenregionen zu wie in einem Taubenschlag. Auf der Alpenüberquerung Salzburg – Triest ist das v. a. am Königssee, im Nationalpark Berchtesgaden, im Nationalpark Triglav und in Tolmin so.

8. Je fitter, desto flexibler bist Du

Ist Dir auf einer Hütte zu viel Trubel oder gefällt Dir ein Ort nicht, kannst Du eine halbe oder ganze Etappe dranhängen. Ich habe das schon mehrmals gemacht. Dafür brauchst Du natürlich noch Schmackes in den Beinen und sollte es nicht zu spät für den Weiterweg sein.

9. Morgens zeitig starten

Gerade in den Alpen empfiehlt es sich, den Wandertag früh zu beginnen. So sicherst Du Dir am Ziel einen guten Schlafplatz, gerätst nicht am Nachmittag in die häufig aufziehenden Gewitter oder kannst ggf. noch weitergehen.

10. Nach einem Zimmer fragen

Einer schnarcht immer. Und wenn keiner schnarcht, dann müffelt es. In einem vollen Matratzenlager zu schlafen, ist nicht jedermanns Sache. Ich frage bei der Ankunft den Hüttenwirt gerne nach einem Platz in einem Zimmer. Damit hatte ich sogar in vermeintlich ausgebuchten Hütten Erfolg, weil jemand kurzfristig abgesagt hat.

Bonus: Und was ist mit dem Zelten oder Biwakieren?

Manch einer nimmt ein Zelt oder einen Biwaksack mit, um unabhängig von den Berghütten zu sein und jederzeit eine ruhige Nacht inmitten der Natur verbringen zu können. Du solltest wissen, dass das Zelten in fast allen Schutzgebieten (so in den drei Nationalparks auf der Alpenüberquerung Salzburg – Triest) und auch außerhalb dieser Gebiete abgesehen von offiziellen Campingplätzen oft verboten ist. Das geplante Biwakieren wird außerhalb der Schutzgebiete teilweise geduldet. Darüberhinaus erhöht sich das Gewicht des Rucksacks schnell um mehrere Kilogramm, da neben dem Zelt oder Biwacksack weitere Ausrüstung wie Isomatte, Schlafsack, Kocher, Wasser und Proviant hinzukommen. Ich bin lieber mit leichtem Gepäck unterwegs.

Das Arthur-von-Schmidt-Haus in der Ankogelgruppe. (Foto: Christof Herrmann, 2013)

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Meine Radweltreise 2006/2007: Zeitungsartikel "In der Einsamkeit Australiens" in der Fränkischen Landeszeitung vom 9. August 2006

Auf dem Fahrrad 515 Tage und 19.455 km durch 3 Kontinente

Von Februar 2006 bis Juli 2007 bin ich mit meiner damaligen Partnerin Dagmar durch Deutschland, Italien, Griechenland, die Türkei, Syrien, Jordanien, Australien, Neuseeland, Singapur, Malaysia, Thailand, Laos und China geradelt.

Bisher habe ich diese Radweltreise auf meinem Blog nur hier und da erwähnt. Da ich immer wieder darauf angesprochen und angeschrieben werden, veröffentliche ich nun meine Zeitungsartikel von damals. Wie sehr die Erfahrungen unterwegs mein weiteres Leben geprägt, ja sogar auf den Kopf gestellt haben, erfährst Du im zweiten Teil dieses Blogartikels.

Meine Zeitungsartikel zum Online-Lesen oder Herunterladen

Während der Radweltreise habe ich etwa alle 5 Wochen einen Artikel für die Fränkische Landeszeitung (FLZ) und die Aachener Nachrichten (AN) geschrieben.

Die Artikel aus der FLZ stehen nun als PDFs auf meinem Blog zur Verfügung. Du kannst sie im Browser lesen, indem Du mit der linken Maustaste auf die folgenden Links klickst. Oder lade die PDFs herunter und lese sie im Adobe Reader. Dazu mit der rechten Maustaste auf die Links klicken und die Option „Ziel/Link speichern unter“ wählen.

  1. „Mit schwerem Gepäck unterwegs nach Syrien“ (12. April 2006, 6 Wochen, Deutschland, Italien & Griechenland)
  2. „Unterwegs unter südlicher Sonne“ (7. Juni 2006, 6 Wochen, Griechenland & Türkei)
  3. „Im Radsattel durch die Wüste“ (6. Juli 2006, 4 Wochen, Syrien & Jordanien)
  4. „In der Einsamkeit Australiens“ (9. August 2006, 6 Wochen, Australien)
  5. „Schweinekotelett zum Frühstück“ (16. September 2006, 6 Wochen, Australien)
  6. „Gegenwind und Granitfelsen“ (3. November 2006, 5 Wochen, Australien)
  7. „Im Sattel auf der Great Ocean Road“ (30. November 2006, 4 Wochen, Australien)
  8. „Zwischen Kühen und Lkw in Neuseeland“ (4. Januar 2007, 4 Wochen, Neuseeland)
  9. „Mächtige Berge und Regenwald“ (14. Februar 2007, 8 Wochen, Neuseeland)
  10. „Viel Gastfreundschaft in Malaysia genossen“ (16. April 2007, 6 Wochen, Signapur & Malaysia)
  11. „Bei 38 Grad im Schatten am Mekong“ (9. Mai 2007, 7 Wochen, Thailand)
  12. „Traumroute in Laos“ (15. Juni 2007, 4 Wochen, Laos)
  13. „Verheerendes Erdbeben in China miterlebt“ (24. Juli 2007, 5 Wochen, China)
  14. „Über dem tosenden Jangtse“ (15. August 2007, 4 Wochen, China)
  15. Bonus: „Ich gebe mich heute sicher mit weniger zufrieden als vor der Tour“ (27. Oktober 2007, Interview nach der Radweltreise)

Hier gibt es alle Zeitungsartikel in einem PDF (ca. 31 MB groß).

Auf der Halbinsel Mani in der griechischen Region Peloponnes (Foto: Dagmar Dillen, 2006)

Was ich unterwegs gelernt habe und mein Leben auf den Kopf gestellt hat

Die Radweltreise hat mir so viele neue Impulse gegeben und mich so verändert, wie nichts zuvor und wohl auch danach. Ohne diese Erfahrung hätte ich mich wahrscheinlich nie selbstständig gemacht. Und ich wäre nicht auf die Idee gekommen, dass der einfache, nachhaltige und vegane Lifestyle in mir viel mehr Wohlbehagen auslöst als mein „normales“ Leben zuvor.

Die folgenden Erkenntnisse gewann ich (oder hatten zumindest ihren Ursprung) während der 515 Tage „on the road“.

  1. Schreiben ist meine Leidenschaft. Beim Arbeiten an meinem Reiseblog und den Zeitungsartikeln habe ich viel Freude und Erfüllung erfahren. So etwas kannte ich während meines Informatikstudiums und als Webprogrammierer gar nicht. Im Radsattel reifte der Wunsch in mir, mit dem Schreiben meine Brötchen zu verdienen. Nach der Rückkehr sollte es noch über fünf Jahre dauern, bis ich mich als Autor und Blogger selbstständig machte, und weitere drei Jahre, bis ich davon leben konnte.
  2. Ich brauche nicht viel, um glücklich zu sein. Auf der Radweltreise lebte ich aus fünf Fahrradtaschen. Ich schlief im Zelt oder in schlichten Unterkünften und kochte auf einem kleinen Benzinkocher oder aß mit den Einheimischen in Garküchen. Mein einfaches Nomadendasein stellte das Essentielle in den Mittelpunkt: Den Alltag auf dem Fahrrad, die Begegnungen mit den Menschen am Straßenrand, die Exotik ferner Länder. Wieder in Deutschland wollte ich nicht zurück in meine alte vollgestopfte Existenz. Ich löste mich vom äußeren und inneren Ballast. Heute lebe ich meinen Minimalismus, der mich vor vielen Problemen bewahrt.
  3. Beim Wandern ist man richtig in der Natur. Im Laufe der Monate hat mich eines am Radreisen zusehends gestört. Man fährt oft auf Straßen durch dicht besiedeltes oder landwirtschaftlich genutztes Gebiet. Mit allen Sinnen richtig in der Natur waren wir meist nur auf Tageswanderungen, die wir immer mal wieder einstreuten. So kam es, dass ich nach der Rückkehr nur noch eine mehrtägige Radreise unternahm und stattdessen das Fernwandern lieben lernte.
  4. Tierliches essen gehört sich nicht. In dem Blogartikel „Der Tag, an dem ich tötete“ beschreibe ich, wie 2007 in China ein Pfiff aus meinem Mund ein Leben beendete und meines veränderte. An dem Tag wurde ich Vegetarier im Geiste, der aus Gewohnheit noch manchmal Fleisch aß, es aber nicht mehr genießen konnte. Zwei Jahre später ließ ich das Fleisch weg (Fisch und Meerestiere noch nicht), 2012 wurde ich Vegetarier, seit 2014 bin ich Pflanzenfresser.
  5. Nachhaltigkeit fängt bei jedem einzelnen an. Luft-, Lärm- und Lichtverschmutzung, der fortschreitende Flächenverbrauch, die Abholzung der Regenwälder, erodierte Böden, Berge an Müll, die Folgen des Klimawandels … Auf den 19.455 km hatte ich den katastrophalen Zustand unserer Erde so oft vor Augen wie nie zuvor. Ich musste mir eingestehen, dass ich mit meinem hohen Konsum, Verzehr an tierlichen Lebensmitteln und den vielen Flügen Teil des Problems bin. Und ich erkannte, dass ich wie jeder einzelne Teil der Lösung sein kann, indem ich nachhaltiger lebe.
  6. Ohne Mut keine Veränderung. Entgegen der Befürchtungen und Prophezeiungen wurden wir weder ausgeraubt noch überfahren und kamen wir auch nicht krank und pleite zurück. Manchmal muss man Altes zurücklassen und etwas riskieren, um persönlich weiterzukommen. Ich bin dankbar, dass wir damals den Mut für diese Reise aufgebracht haben. Denn seitdem fürchte ich mich nicht vor Veränderungen und fällt es mir leicht, auch beruflich völlig neue Wege zu gehen. 2007 machte ich mich mit einem Webshop für Second Hand Vinyl, 2013 dann als Autor selbstständig.
  7. Nichts währt für immer. Auf der Radweltreise wurde mir zum ersten Mal so richtig die Vergänglichkeit von allem bewusst. Besonders schmerzhaft erfuhr ich sie nach der Rückkehr. Dagmar wollte meinen Weg zu mehr Einfachheit und Achtsamkeit nicht mitgehen. Sie trennte sich nach zehn gemeinsamen Jahren von mir und wanderte mit einem belgischen Diamantenhändler nach Hongkong aus. So lautet meine letzte Erkenntnis: Lerne aus der Vergangenheit, lebe mit Freude und Genuss in der Gegenwart – aber bitte so, dass die Zukunft für Dich und möglichst viele andere lebenswert bleibt.
Kurz vor der laotisch-chinesischen Grenze (Foto: Dagmar Dillen, 2007)

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