Julische Alpen in Sicht. (Foto: Stephanie Spörl, 2013)

“Auf die Berge will ich steigen.” (Heinrich Heine, deutscher Dichter, 1797 – 1856)

Von Salzburg nach Triest auf optimierter Route

Ich bin aufgeregt wie ein Kind vor der Bescherung. Morgen in aller Frühe geht es mit dem Zug nach Salzburg. Dort beginnt meine Wanderung über die Alpen nach Tolmin in Slowenien und weiter nach Triest an der italienischen Adria. Stephi und ich haben uns die Route letztes Jahr ausgedacht und sie dann in 23 anstrengenden Etappen gemeistert. Für 2014 habe ich die Route optimiert.

Eine Alpenüberquerung etabliert sich

Leider kann Stephi diesmal nicht mitkommen. Ganz ohne Begleitung werde ich trotzdem nicht über die Berge steigen. Rund 25 Wanderer sind heuer auf der Alpenüberquerung Salzburg-Triest unterwegs. Einige wollen sogar den kompletten Weg gehen. Allein am morgigen Sonntag starten neun Abenteuerer. Als unverbindlichen Treffpunkt haben wir den Mirabellgarten im Salzburger Zentrum ausgemacht. Ansonsten sieht man sich wohl auf dem Weg oder in der Unterkunft, hängen doch als Erkennungszeichen rote Bändchen an unseren Rucksäcken (Rot ist die Farbe, die in den Flaggen der vier Länder Österreich, Deutschland, Italien und Slowenien vorkommt).

Es haben bereits mehrere angekündigt, 2015 die neue Route zu gehen. Ich freue mich über das Interesse und erhoffe mir reichlich Feedback, schließlich möchte ich 2016 einen Wanderführer über die Alpenüberquerung Salzburg-Triest veröffentlichen.

Alpenüberquerer auf dem Traumpfad München-Venedig. (Foto: Christof Herrmann, 2012)

Wenig Gepäck und wenige Aufgaben

Ich werde die nächsten vier Wochen sehr minimalistisch leben. Dazu gehört, dass ich mich auf wenige Aufgaben konzentriere. Tagsüber werde ich wandern. Abends werden ich mir Notizen zur Route machen und einen Erlebnisbericht veröffentlichen. Nachts werde ich regenerieren.

Auch mein Gepäck ist auf das Nötigste reduziert. Alles, was ich brauche, passt in einen 32-Liter-Rucksack. Würde ich nicht vegan über die Alpen laufen, käme ich mit einem kleineren Rucksack aus, da ich weniger Proviant benötigen würde.

Vegan über die Alpen

Ich ernähre mich seit Anfang des Jahres vor allem aus ethischen Gründen rein pflanzlich. Die Alpenüberquerungen 2012 und 2013 habe ich als Vegetarier absolviert. Vor ein paar Wochen bin ich als Veganer im Mittelgebirge auf dem Fränkischen Gebirgsweg unterwegs gewesen.

Nun möchte ich zum ersten Mal vegan über die Alpen kommen. Ich gehe davon aus, dass auf manchen Berghütten nur Gerichte mit tierischen Produkten auf der Karte stehen. Ist in der Küche viel los, wird man keine Extrawurst für mich braten. Um mich jederzeit selbst versorgen zu können, werde ich ausreichend Proviant einpacken. Ich leiste mir sogar den Luxus, Olivenöl und einen 6-fach Gewürzstreuer mitzunehmen, damit das Tomatenbrot nicht zu fad schmeckt. Für die ersten Tage sind Energieriegel und Hummus griffbereit, die ich vorhin selbst gemacht habe.

Sorgen bereiten mir die Wegabschnitten, in denen ich tagelang an keinem Supermarkt vorbeikomme und die Kommunikation schwierig ist. Einen Sprachführer für Slowenien habe ich auf dem Handy, einen für Italien in der Seitentasche meines Rucksacks. Nur das Wort vegan ist darin nicht zu finden.

Grandioser Blick vom Kärlingerhaus im Steinernen Meer. (Foto: Christof Herrmann, 2013)

Hin zu Fuß, zurück mit dem Zug

Ich versuche meinen ökologischen Fußabdruck möglichst klein zu halten. Seit Anfang des Jahres konnte ich diesen weiter verringern, indem ich auf eine vegane Ernährung umgestellt habe, mein Auto verkauft habe und mit Stephi zusammengezogen bin.

Auch die Alpenüberquerung soll nachhaltig ausfallen. Ich reise mit der Bahn an, laufe ab Salzburg jeden Meter und fahre von Triest mit der Bahn oder dem Bus zurück in die Heimat. Geschlafen wird in einfachen Berghütten und Pensionen im Tal. Auf der Toni-Lenz-Hütte am ersten Abend wäscht man sich am Brunnen. Wer braucht schon Duschen?

Allabendliche Tagesberichte

Wie schon auf meinen letzten Touren werde ich auch diesmal über die kleinen Abenteuer, die netten Begegnungen und die unvermeidlichen Schwierigkeiten berichten. Jeden Abend schreibe ich auf meinem Smartphone einen Text, den ich auf meiner Facebook-Seite veröffentliche. Um diesen zu lesen, brauchst Du keinen Facebook-Account. Falls ich einmal keinen Empfang habe, reiche ich den Bericht am nächsten Tag nach. Ich würde mich freuen, wenn Du “mitwanderst”.

Hier geht es zu den allabendlichen Tagesberichten!

Der Golf von Triest ist das Ziel der Alpenüberquerung Salzburg-Triest. (Foto: Stephanie Spörl, 2013)

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Warum Wandern minimalistisch ist

Warum Wandern minimalistisch ist - Foto: Rapsfelder in der Fränkischen Schweiz. (Christof Herrmann, 2014)

“Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.” (Johann Wolfgang von Goethe, deutscher Dichter, 1749 – 1832)

Plötzlich auf dem Jakobsweg

Gestern war ich mit meinem Vater zum Wandern verabredet. Wir trafen uns am Bahnhof Eggolsheim und liefen in drei Stunden zum Kreuzberg bei Hallerndorf. Nach der Einkehr im Bierkeller fuhr mein Vater mit Bus und Bahn zurück. Ich wollte mich noch mehr bewegen, fühlte mich gut und hatte ausreichend Wasser dabei. Also entschloss ich mich spontan, weiter zu wandern, nach Hause, um genauer zu sein. Ich hatte nämlich an der Wallfahrtskirche auf dem Kreuzberg die Markierung des Jakobsweges entdeckt, der direkt an unserer Haustür vorbeiführt.

Dieser Blogartikel entstand beim Wandern

Ich sollte meinen Entschluss nicht bereuen. Der Gang durch den angenehm temperierten Wald war ein Genuss. Bis zu den ersten Häusern von Forchheim hatte ich all die Kleinode der Natur für mich allein. Unterwegs stellt ich mir die Frage, warum ich so gerne wandere. Neben dem Naturerlebnis, der reinen Luft und der Bewegung kam mir ein Grund in den Sinn: Weil Wandern minimalistisch ist! Ich erkannte zu meiner Überraschung, dass ich schon immer diese Einfachheit am Wandern geliebt habe. Am späten Nachmittag traf ich etwas müde, aber ziemlich zufrieden zuhause ein. Ich hatte 28 km in den Beinen und diesen Blogartikel im Kopf.

5 Gründe, warum Wandern minimalistisch ist

Der Zusammenhang zwischen Bewegung und Hirnleistung ist wissenschaftlich nachgewiesen. Kein Wunder, dass mir gestern eine Reihe von Gründen eingefallen ist, warum Wandern minimalistisch ist. Hier die fünf wichtigsten:

  • Gehen ist die ursprünglichste und natürlichste Fortbewegungsart des Homo sapiens. Und Wandern ist nichts anderes als Gehen in der Landschaft. Rennen, Radeln, Zug fahren und Autofahren hingegen sind gescheiterte Versuche, etwas Perfektes zu verbessern.
  • Beim Wandern wird niemand ausgeschlossen, denn gehen kann fast jeder. Wer es aus körperlichen oder Altersgründen nicht schafft, muss nicht unbedingt in die Röhre gucken. Es gibt Baby-/Kindertragen, geländetaugliche Kinderwagen und barrierefreie Wanderwege.
  • Gutes Schuhwerk, Sonnen- und Regenschutz, ausreichend Wasser – viel mehr braucht man nicht, um zu starten. Erst wenn man tagelang durchs Flachland oder Mittelgebirge marschieren oder über die Alpen steigen möchte, sollte man sich mehr Gedanken über die Ausrüstung machen. Auch dann gilt: Weniger ist mehr.
  • Wandergebiete gibt es überall. Weite Anreisen sind nicht nötig. Selbst in Großstädten finden sich Möglichkeiten wie der Englische Garten in München, Havel und Wannsee in Berlin oder der Alsterwanderweg in Hamburg. Oft bietet es sich an, direkt von zuhause loszulaufen. Meine bisher längste Tour führte mich von meiner Haustür in Franken in 52 Tagen nach Venedig.
  • Wandern ist nicht nur minimalistisch, sondern lehrt uns auch im Alltag einfacher zu leben. Wir werden unterwegs so reich beschenkt, dass es uns an nichts fehlt, so wenig wir auch mitnehmen. Sind wir mit allen Sinnen dabei, kann uns das Naturerlebnis zu unseren Wurzeln und dem, was für uns wichtig ist, führen. Der US-amerikanische Philosoph und Schriftsteller Ralph Waldo Emerson brachte dieses Erlebnis im 19. Jahrhundert mit den wunderschönen Worten zum Ausdruck: “Abends ging ich hinaus in die Dunkelheit, da sah ich einen schimmernden Stern und hörte einen Frosch quaken. Die Natur schien zu sagen: Nun? Ist das nicht genug?”

Das Gehen geht auch kompliziert

Wir Menschen haben den hanebüchenen Hang, Einfaches kompliziert zu machen. Diese Gefahr besteht auch beim Wandern. Man kann ans Ende der Welt fliegen, um einen Trail zu gehen, den man angeblich einmal im Leben gemacht haben muss. Man kann sich zu Tode schleppen. Man kann vor lauter Ausrüstungsfetischismus nicht mehr zum Wandern kommen. Man kann wandern, obwohl man keine Lust dazu hat …

Mach es einfach, im doppelten Sinne

Keep it simple! Ich empfehle, auf wenige, aber hochwertige Ausrüstungsgegenstände zu setzen. Und dann einfach machen: Raus in die Natur. Die Luft einatmen. Staunen. Wandern. Genießen.

Warum Wandern minimalistisch ist - Foto: Stephi geht den Anstieg zum Hundstein an, im Hintergrund das Steinerne Meer. (Christof Herrmann, 2013)

Bist Du auch der Meinung, dass Wandern minimalistisch ist? Fällt Dir ein weiterer Grund ein, warum das so ist?

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Gelesen im Juli: No meat athlete, Die Reise der Pinguine, Der Boxer …

Ich hatte diesen Monat offensichtlich wieder ein paar Gründe zu lesen. Es sind fünf Bücher und über 900 Seiten zusammengekommen.

Mein Buch des Monats ist Matt Fraziers “No meat athlete”. Vegane Sportler und alle, die es werden möchten, kommen daran einfach nicht vorbei.

Aber auch “Der Boxer – Die wahre Geschichte des Hertzko Haft” von Reinhard Kleist ist jedem ans Herz gelegt, der erfahren möchte, wie spannend und anspruchsvoll eine Graphic Novel sein kann.

Fach- und Sachliteratur

  1. No meat athlete von Matt Frazier (Erscheinungsjahr: 2014, meine Bewertung: 5 von 5 Sternen)
    Matt Frazier betreibt seit vier Jahren den erfolgreichsten englischsprachigen Blog für vegane Läufer. Sein Buch “No meat athlete” ist nun auch auf deutsch erschienen. Zwar merkt man manchen Texten an, dass sie ursprünglich für den Blog geschrieben wurden, aber das tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Ernährungsgrundlagen, Kochrezepte, Motivationstipps, Trainingsmethoden, Trainingspläne – “No meat athlete” ist eine Fundgrube für Anfänger und für erfahrene Läufer gleichermaßen. Die meisten Ratschläge lassen sich auch für andere Sportarten und fürs Wandern anwenden.
  2. Die Reise der Pinguine von Luc Jacquet  (2005, 4 Sternen)
    Reich bebildertes Buch zum gleichnamigen Dokumentarfilm über die beschwerlichen Wanderungen der Kaiserpinguine zu ihren Brutstätten und Jagdrevieren in der Antarktis.

Belletristik

  1. Sandsturm, Liebesstille von Bianca Savcenco (2014, 3 Sterne)
    Dieser Roman handelt vom Leben deutscher Expats in Tripolis vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Libyen Anfang 2011. Spannend wird es erst im letzten Viertel, wenn der politische Umsturz die Protagonisten zur Ausreise zwingen. Davor erfährt man für meinen Geschmack zu viel über die Problemchen und Liebschaften wohlhabender Auslandsdeutsche. 
  2. Das literarische Kaleidoskop von Regina Kehn (Illustratorin und Herausgeberin) (2013, 4 Sterne)
    Regina Kehn erweckt Poesie und Prosa bedeutender Autoren wie Theodor Storm, Christian Morgenstern, Franz Kafka und Daniil Charms zu neuem Leben, indem sie die Texte Satz für Satz illustriert. Bezaubert sowohl Kinder als auch Erwachsene!

Comics

  1. Der Boxer – Die wahre Geschichte des Hertzko Haft von Reinhard Kleist (2012, 4,5 Sterne)
    Hertzko Haft musste in Schaukämpfen im Konzentrationslager Jaworzno um sein Leben boxen. Als das KZ wegen der heranrückenden Roten Armee aufgelöst wurde und die noch lebenden Häftlinge auf Todesmärsche geschickt wurden, gelang Haft die Flucht. 1948 wanderte er in die USA aus und wurde Profiboxer. Nachdem er einen von der Mafia manipulierten Kampf gegen den späteren Schwergewichtsweltmeister Rocky Marciano verlor, beendete er seine Karriere und machte sich als Gemüsehändler selbstständig. Auf Basis dieser verstörenden Erinnerungen gestaltete Reinhard Kleist einen Comic, der von April bis September 2011 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und 2012 als Album-Ausgabe im Carlsen Verlag veröffentlicht wurde.

Und was liest Du gerade? Welches Buch kannst Du mir und meinen Lesern empfehlen?

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Sommersalat mit Champignons, Röstkernen und Steirischem DressingVegan, vollwertig, nachhaltig – Zeit: 20 Min. – Schwierigkeit: leicht

Vor ein paar Jahren reiste ich in die Steiermark und besuchte meine Freunde Verena und Andreas (mit denen ich im letzten Jahr auch in der Fränkischen Schweiz wandern war). Gleich am ersten Abend aß ich in einem Lokal bei Graz etwas Einfaches, aber Köstliches: Pilzgröstl mit einem Dressing aus Kürbiskernöl und Apfelessig.

Zurück in Deutschland wurde das Pilzgröstl schnell zu einem meiner Standardgerichte. Mittlerweile hat es mich zu einem Sommersalat mit gebratenen Champignons, frischen Kräutern und gerösteten Kernen inspiriert. Der nussig-fruchtig-säuerliche Geschmack des Dressings passt hervorragend dazu.

Blattsalate haben bei uns in den warmen Monaten Saison und gibt es dann auch aus regionalem Anbau. Die Kräuter stammen am besten aus dem eigenen Garten oder Balkon.

Selbstverständlich kann man dieses Rezept ganz nach Gusto, Geldbeutel und Kühlschrank variieren. Ich verpasse dem Sommersalat gerne einen zusätzlichen Vitamin-Kick, indem ich Tomatenviertel, Paprikastreifen oder geraspelte Möhren hinzufüge. Als Topping machen sich frische Sprossen oder Keimlinge gut.

Für 4 Portionen:
250 g Blattsalate, z. B. Endivien-, Eichblattsalat, Lollo rosso, Lattughino, Rucola, junger Spinat
1 Handvoll Salatkräuter, z. B. Petersilie, Schnittlauch, Basilikum, Gartenkresse
6 EL Kerne, z. B. Sonnenblumen-, Kürbis-, Pinienkernen, Sesam
150 g Champignons
2 EL Olivenöl
3 EL Apfelessig
Salz
Pfeffer
6 EL Kürbiskernöl

Steirisches Dressing passt hervorragend zu einem Sommersalat

  1. Blattsalate waschen, trocken schleudern und ggf. zerkleinern.
  2. Salatkräuter waschen (falls nötig) und hacken.
  3. Kerne in einer Pfanne ohne Öl anrösten.
  4. Champignons putzen, in dünne Scheiben schneiden und in einer Pfanne in Olivenöl anbraten.
  5. Für das Steirische Dressing Essig mit Salz und Pfeffer verrühren, bis sich das Salz aufgelöst hat. Dann nach und nach das Kürbiskernöl zugeben und zu einer Emulsion verschlagen.
  6. Blattsalate, Kräuter und Champignons mit dem Dressing mischen.
  7. Auf Tellern anrichten und mit den Röstkernen bestreut servieren.

Tipps:
- Dieser Sommersalat schmeckt auch als Rohkost. Dafür einfach aufs Anbraten der Champignons und Kerne verzichten.
- Kürbiskernöl und Kürbiskerne gelten als wahre Gesundmacher. Sie haben antioxidative, entzündungshemmende, cholesterinsenkende und gefäßerweiternde Wirkung. Zudem werden ihnen positive Effekte bei gutartiger Prostatavergrößerung nachgesagt.

An guaden!

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Unser Garten in der Kriegs- und Nachkriegszeit (Foto: Hedwig Herrmann, 1943)

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von meinem Vater, der schon immer gerne draußen war und seit seiner Pensionierung sieben Wanderführer geschrieben hat.

In den letzten Kriegsjahren des Zweiten Weltkriegs und in der Zeit nach 1945 war die Versorgungslage in Deutschland sehr eingeschränkt. Lebensmittel erhielt man auf behördlich ausgegebene Lebensmittelkarten, die nur notdürftig zum Leben reichten. Verhungert ist damals bei uns wohl kaum jemand. Anderenorts war das anders. In der von deutschen Truppen belagerten Stadt Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg, gab es unvorstellbares Leid. Während der 871 Tage langen Blockade erlitten über eine Millionen Menschen den Hungertod.

Untergewichtige sah man in diesen Jahren in Deutschland schon in großer Zahl. Ein eigener Garten war von unschätzbarem Wert. Wir besaßen einen solchen am Südhang unterhalb der Veste Coburg. Er bot mir von frühester Kindheit an für viele Jahre die herrlichsten Spielmöglichkeiten. Und er verschaffte uns die erwünschte Ergänzung zu der knappen Nahrungszuteilung. Da in dem Garten Wasser nur in einer Regentonne vorhanden war, konnte man Gemüse kaum anbauen. Kartoffeln waren aber möglich. Wir brieten sie im offenen Holzfeuer. Das verbrannte Äußere entfernte man, das Innere schmeckte abenteuerlich nach Rauch und Wildem Westen. .

In unserem Garten standen viele alte Obstbäume, die der obstsortenkundige Eigentümer Jahre zuvor gepflanzt hatte. Da waren eine Menge Zwetschgenbäume dabei, deren eher kleine Früchte meist Ende September oder erst im Oktober reif wurden. Ihren herb-säuerlichen Geschmack habe ich noch heute auf der Zunge. Meine Mutter kochte sie im Gasbackofen zu Zwetschgenmus ein. Das dauerte viele Stunden und es roch herrlich in der ganzen Wohnung. Ungefähr 100 große Gläser war die Ausbeute eines Herbstes. Das reichte fast bis zum Sommer des nächsten Jahres.

Auch ein uralter Birnbaum stand im Garten. Meine Mutter hat ihn mit nicht ungefährlicher Kletterei abgeerntet. Die Sorte hieß Die Köstliche von Charneux. Diese Birnen waren wirklich köstlich. Beim Hineinbeißen lief süßer Saft heraus. Lagerfähig unter den damaligen Gegebenheiten war die Sorte nicht, so dass man sie bald verbrauchen musste. Eine beliebte Zwischenmahlzeit war eine Brotscheibe mit Birnenschnitzen.

Apfelbäume fanden sich in größerer Zahl auf dem Grundstück. Sie reiften in der Zeit zwischen Juli (Kornäpfel) und Mitte Oktober (Lederapfel, wohl eine Art Boskop). In den Monaten dazwischen konnte man den schönen roten Danziger Kantapfel und den Gelben Edelapfel ernten, Sorten von ausgezeichnetem Geschmack, die heute kaum einer mehr kennt. Die Äpfel wurden überaus vorsichtig auf einem Leiterwägelchen nachhause gefahren und auf Obsthürden im Keller bis zum Ende des Winters gelagert. Das war ein wertvolles Besitztum. Man musste darauf achten, dass es einem nicht schon im Garten durch Diebstahl entzogen wurde. Die aus dem Krieg zurückgekehrten Väter organisierten sogar eine Art nächtlichen Wachdienst, um unerwünschte Gäste fernzuhalten. Heutzutage ist Obstdiebstahl ein höchst seltenes Delikt geworden.

Ich bin froh, dass ich eine solche Kindheit im Garten – und später auch auf vielen Streifzügen mit Freunden durch Feld und Flur – erleben durfte und ohne Fernsehen, Computer und Smartphone aufgewachsen bin.

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