Ich habe mich auf meiner Radweltreise von Februar 2006 bis Juli 2007 in die minimalistische Lebensweise verknallt. Alles, was ich auf den 20.000 Kilometern benötigte, steckte in fünf Fahrradtaschen. Ein Mini-Haushalt auf zwei Rädern: Zelt, Schlafsack und Isomatte (Schlafzimmer), Kocher, Küchenitensilien, Lebensmittel und Wasser (Küche), Waschbeutel und Erste-Hilfe-Set (Badezimmer) sowie Laptop, Kopfhörer, Tagebuch und (Rad)reiseführer (Büro/Wohnzimmer).

Sowohl bei Planung als auch auf der Radweltreise hatte ich regelmäßig E-Mail-Kontakt mit Markus Fix. Er konnte mir viele gute Ratschläge geben. da er wenige Jahre zuvor mit seiner Reisepartnerin Sarah von Deutschland nach China pedalierte.

Als ich wieder in Deutschland war, wollte ich nicht zurück ins Hamsterrad. Nach und nach ließ ich mehr Einfachheit in mein Leben. Mit dem Schreiben fand ich meine Berufung. Hätte ich mich nicht getraut, auf Radweltreise zu gehen, würde ich wohl noch immer als Programmierer arbeiten, gelangweilt aus dem Fenster schauen und von einem anderen Leben träumen. Auch diesen Blog und die über 280 Artikel gäbe es dann nicht.

Von Markus Fix habe ich jahrelang nichts gehört – bis er mir vor vier Wochen geschrieben hat, dass er einen ausführlichen Zeitungsartikel zum Thema Minimalismus für die Mittelbadische Presse plant und deswegen mit mir telefonieren möchte. Das Ergebnis war in der Wochenendausgabe Ende November zu lesen. Auf einer Doppelseite erklärt Markus, worum es beim Minimalismus genau geht, und finden sich das Interview mit mir und mein Vorschlag für das Entrümpeln nach der Tabula-rasa-Methode.

Die Redaktion der Mittelbadischen Presse stellt nun mir und meinen Lesern und Leserinnen den Artikel zur Verfügung. Er ist sonst nur für Abonnenten und mit bo+ einsehbar. Das Dokument ist 1,7 MB groß und kann direkt im Browser gelesen werden:

Kostenloses PDF: “Mi•ni•ma•lis•mus: Substantiv, maskulin [der]; bewusste Beschränkung auf ein Minimum, auf das Nötigste”

Du kannst das PDF auch herunterladen und im Adobe Reader lesen. Klicke mit der rechten Maustaste auf das Bild oder den Link und wähle die Option “Ziel/Link speichern unter”.

Der Artikel darf natürlich weitergegeben werden – als Link, als PDF oder ausgedruckt.

Je mehr Menschen die minimalistische Lebensweise kennenlernen und umsetzen, desto eher entwickeln wir uns zu einer Gesellschaft, in denen Freiheit, Nachhaltigkeit, Empathie, Ruhe(pausen) und Zufriedenheit wieder eine wichtigere Rolle spielen.

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Die 8 cleveren Alternativen zum Neukauf

Die 8 cleveren Alternativen zum Neukauf

Kaufen, kaufen, kaufen und bloß nicht an die eigene Psyche, die Mitmenschen und die Umwelt denken. Unser Konsumverhalten ist hanebüchen. Die Lebensdauer vieler Produkte wird immer kürzer. Etwas neu zu kaufen, ist denkbar einfach geworden. Amazon & Co. sind drei Klicks, die nächste Fußgängerzone oder Einkaufsmall drei Kilometer entfernt. Politik und Wirtschaft wollen das so und wir als Konsumenten ja irgendwie auch. Wären wir nicht so geschickt im Vertuschen, Verbuddeln, Verlagern, Verbrennen und Verdrängen, würden wir im Müll und Gestank untergehen.

Wer genug hat von persönlicher Verschuldung und der vollgestopften Wohnung, von den falschen Werbeversprechungen und der geplanten Obsoleszenz, von den zwielichtigen Geschäften vieler Großbanken und dem Wachstumswahnsinn, der kann etwas ändern – und zwar praktisch täglich mit jeder Kaufentscheidung. Es gibt sie nämlich, die originellen Alternativen zum ordinären Neukauf. Ich stelle im Folgenden diese acht zukunftsfähigen Besitz- und Konsumformen vor, die eines gemeinsam haben: Sie verlängern die Lebensdauer der Produkte und reduzieren Deinen ökologischen Fußabdruck.

Natürlich bekommst Du nicht alles auf diesen alternativen Wegen. Einiges wirst Du weiterhin neu kaufen müssen. Diese Produkte sollten möglichst ökologisch, fair und verpackungsarm hergestellt worden sein. Sie sind zwar auch nicht unbedenklich, wie man uns weiß machen möchte und wir gerne glauben, aber meist ressourceneffizienter, nachhaltiger und gesünder als konventionelle Produkte.

1. “Verzichten”

Begehrst Du etwas, möchtest Du also einen neuen Gegenstand in einem Geschäft oder online kaufen, dann halte kurz inne, bevor Du das Objekt Deiner Begierde zur Kasse trägst oder in den Warenkorb klickst. Stelle Dir die folgenden Fragen: Brauche und gebrauche ich den Gegenstand wirklich? Erleichtert oder bereichert er mein Leben? Wie viele Stunden muss ich arbeiten, um mir den Gegenstand leisten zu können? Oft macht ein Neukauf bei genauerer Betrachtung wenig Sinn. Wir kaufen um des Kaufens willen. Wir kaufen aus Frust. Wir kaufen, um uns zu belohnen. Wir kaufen aus sozialem Druck. Schlafe ein paar Nächte drüber, wenn Du Dir nicht sicher bist, ob der Gegenstand nicht nur eine kurze Liebschaft ist. Oft wirst Du ihn schnell vergessen haben. Der vermeintliche Verzicht entpuppt sich dann als Gewinn – für Dich, für Deine Mitmenschen und für die Umwelt.

2. In den eigenen vier Wänden “shoppen”

Wenn Du nicht schon einen minimalistischen Haushalt mit einem übersichtlichen Hausrat führst, ist es wahrscheinlich, dass Du Dinge besitzt, die Du nicht mehr auf dem Schirm hast. Anstelle einen neuen Krimi zu kaufen, könntest Du zunächst alle Krimis zusammentragen, die Du in Deinen vier Wänden (dazu gehören auch die Garage, der Keller und der Speicher) findest. So bekommst Du einen Überblick über Deinen Fundus. Vielleicht ist ein Krimi dabei, den Du noch nicht gelesen hast oder noch einmal lesen möchtest. Bei der Gelegenheit kannst Du die Bücher aussortieren, die Dich nicht mehr interessieren. Dieses „Shoppen“ daheim wird auch in anderen Bereichen für „Wusste-gar-nicht-dass-ich-das-habe“-Ausrufe sorgen, z. B. bei Klamotten, Kosmetikartikeln und Lebensmitteln.

3. Reparieren (lassen)

Wegschmeißen und neu kaufen oder reparieren, das ist hier die Frage. Innerhalb weniger Jahrzehnte haben wir uns zu einer Wegwerfgesellschaft entwickelt. Die Ursachen sind vielfältig. Es steht aber außer Frage, dass wir so nicht weitermachen können, wenn wir nicht auch unseren Planeten wegschmeißen wollen. Wenn das nächste Mal ein Gegenstand kaputt geht, dann versuche ihn zu reparieren. Reparaturanleitungen findest Du bei iFixit, Wikihow und diybook. Kommst Du nicht weiter, solltest Du nicht zögern, Dir helfen zu lassen. Vielleicht kennst Du in Deinem Umfeld jemanden, dem Du die Reparatur zutraust. Im nächsten Schritt bietet sich der Besuch eines Repair-Cafés an. Diese Selbsthilfe-Initiativen erfreuen sich großer Beliebtheit und gibt es sogar in kleineren Städten. Die Termine sind hier und hier aufgeführt. Was noch nicht repariert werden konnte, erledigt der Schumacher, die Änderungsschneiderei oder der Handy-Reparatur-Service vor Ort.

4. Selber machen

Etwas selber oder zusammen mit anderen herzustellen, macht Spaß und ist meist günstiger und öko-logischer als ein Neukauf. Und jeder kann es (probieren), denn neben zahlreichen Büchern und Zeitschriften gibt es im Internet kostenlose Anleitungen und Videos zu praktisch allem, was man herstellen kann. Zum Einstieg in die Do-it-yourself-Welt empfehle ich Smarticular, Talu, Deavita, Utopia und Plantura. Eine tolle Variante des Selbermachens ist das Upcycling. Dabei erschafft man aus Materialien, die eigentlich in den Müll wandern sollten, Unikate von Wert und Bestand. Es ist schon erstaunlich, in was man mit etwas Kreativität und Geschick eine alte Europalette verwandeln kann. Ebenfalls hervorheben möchte ich den Urbanen Gartenbau, der in den letzten Jahren in Form von Guerilla Gardening, Gemeinschaftsgärten und Interkulturellen Gärten aufgeblüht ist. Die Projekte freuen sich über neue Mitglieder – und sind nur eine Ecosia-Suche entfernt.

5. Ausleihen oder mieten

Hast Du Dir schon mal überlegt, dass Du eigentlich keine Bohrmaschine besitzen musst, sondern nur ein Loch in der Wand haben möchtest? Und wusstest Du, dass eine Bohrmaschine durchschnittlich nur 13 Minuten ihres Lebens gebraucht wird? Was für eine Verschwendung! Leihen und teilen statt kaufen lautet das Credo. Dieser kollaborative Konsum, auch Ko-Konsum, Shareconomy, peer-to-peer und p2p bezeichnet, verwandelt den Alleinbesitz in gemeinschaftliches Nutzerglück. Im Freundes- und Familienkreis oder in der Nachbarschaft geht das schon immer unkompliziert, ohne Anmeldung und unentgeltlich. Wenn Du minimalistisch lebst und nur wenige Dinge zum Verleihen hast, kannst Du Dich mit Zeit und Know-how revanchieren, also z. B. mit den Hunden des Nachbarns spazieren gehen oder bei der Steuererklärung helfen. Wer in seinem persönlichen Umfeld nicht fündig wird, kann sein Glück in einem Leihladen, über Pumpipumpe, auf einer Nachbarschafts-Plattform wie nebenan oder bei einem der bekannten Online-Anbietern versuchen. Diese teilweise gemeinwohlorientierte, teilweise gewinnorientierte Anbieter verleihen oder vermieten Schlafplätze und Ferienhäuser, Autos, (Lasten-)Fahrräder und Mitfahrgelegenheiten, Gabelstapler und Bohrmaschinen, Ballkleider und Beamer, Bücher, Filme und vieles mehr. Carsharing von privat für privat wird z. B. über Dirvy und Snappcar organisiert.

6. Tauschen

Beim Tauschen erledigst Du zwei Dinge in einem Rutsch. Du gibst etwas ab, was Du nicht mehr benötigst, und bekommst dafür etwas, was Du (ge)brauchst. Im Netz finden sich spezielle Tauschbörsen wie Tauschgnom und Bambali. Wenn Du Dich lieber überraschen lassen möchtest, was Du nach Hause trägst, empfehle ich Dir, eine Kleidertauschparty zu besuchen, die mittlerweile in vielen Städten stattfinden. Natürlich kannst Du auch im privaten Rahmen tauschen oder eine Tauschparty organisieren – unter Freunden oder für die Öffentlichkeit.

7. Sich beschenken lassen

Bettwäsche, Babyklamotten, Einmachgläser, Fondue-Sets – die Chancen stehen nicht schlecht, dass jemand in Deinem Freundes- oder Familienkreis solche und andere Gegenstände umsonst abzugeben hat. Fragen kostet nichts. Oft entsteht eine Win-Win-Situation, da Du etwas bekommst, was die andere Person gerne losbekommt. Darüberhinaus existieren zahlreiche Projekte und Einrichtungen, bei denen Du nach kostenlosen Gegenständen stöbern kannst. Das schont den Geldbeutel, spart Ressourcen und verringert den Ausstoß von CO2 und anderen Schadstoffen. Bücher findest Du z. B. in Öffentlichen Bücherschränken und bei BookCrossing, Lebensmittel bei Foodsharing und Mundraub sowie unzählige Gegenstände von der Antenne bis zur Zipfelmütze im Freecycle-Netzwerk, in Umsonstläden und in der “Zu verschenken”-Rubrik bei eBay Kleinanzeigen.

8. Secondhand kaufen

Bist Du Dir sicher, dass Du den Gegenstand benötigst, und konntest Du ihn nicht auf den oben beschriebenen Wegen besorgen, bietet es sich an, nach Secondhandware zu suchen. Das ist in den meisten Fällen günstiger, nachhaltiger und origineller als ein Neukauf. Andrea vom Blog treibholzeffekt nennt sogar 15 gute Gründe für Secondhand. Neben den bekannten großen Secondhand-Online-Marktplätzen, gibt es viele spezialisierte, oft liebevoll gestaltete Portale wie Kleiderkreisel, Mamikreisel, Booklooker, ubup und Stuffle. Ich möchte aber vor allem eine Lanze brechen, Secondhand vor Ort zu kaufen. Das verhindert Fehlkäufe, reduziert den Paketversand, der längst ungesunde Ausmaße angenommen hat, und fördert die Gemeinschaft, da da Menschen offline und wahrhaftig aufeinandertreffen. Besuche doch mal wieder einen Flohmarkt, einen Secondhand-Laden oder einen Garage sale in Deiner Nähe.

Welche dieser acht Alternativen zum Neukauf wendest Du öfter an? Kennst Du weitere nützliche Webseiten und Initiativen, die ich im Artikel aufnehmen soll?

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Fotoimpressionen: Deutschland der Länge nach

Ich bin nun wieder zweieinhalb Monate von meiner Fernwanderung vom südlichsten zum nördlichsten Punkt Deutschlands zurück.

Mein E-Book “Deutschland der Länge nach – 73 Tage und 1735 km von den Allgäuer Alpen bis nach Sylt” gibt es schon eine Zeitlang exklusiv auf meinem Blog. Ich freue mich sehr über das viele Lob. Cathrin H. hat mir folgendes gemailt: “Ich habe dich total gerne begleitet und mich an deinen Berichten und Fotos erfreut!” Susanne M. plant sogar, auf meinen Spuren zu wandeln: “Tolle Fotos. Mal ernste, mal amüsante, aber immer ehrliche Beschreibungen. Die GPS-Tracks und die Bewertung der Etappen sind für mich besonders hilfreich, da ich die schönsten Abschnitte nachlaufen möchte.”

Aber auch wenn Du mein Werk nicht gelesen hast, möchte ich Dir heute ein paar Fotos daraus präsentieren. Deutschland ist groß und vielfältig. Vor allem die Alpen und die Mittelgebirge sind immer eine Fußreise wert. Um etwas zu sehen, zu erleben und zu lernen, muss man nicht weit reisen oder gar fliegen. Das geht auch in hiesigen Gefilden und ist nachhaltiger, minimalistischer, achtsamer und stressfreier als Touren in der Ferne.

Die Bildunterschriften sind kurze Auszüge aus dem E-Book.

“Ich hätte nicht gedacht, dass Deutschlands Südspitze so abgeschieden und idyllisch ist. Blumenwiesen und Latschenkiefern entzücken das Auge und verströmen einen feinen Bergduft. Ein Murmeltier pfeift nervös. Im Nachbarland sind hohe Berge zu sehen, an deren Hängen noch etwas Schnee liegt. Das nennt man wohl einen Auftakt nach Maß.” (1. Tag)

“Nach dem Frühstück haben wir Gelegenheit, uns mit Katharina zu unterhalten. Sie erzählt, dass sie hier oben eine schöne Kindheit hatte – aufgrund der Abgeschiedenheit zum 12 km entfernten Oberstdorf. Als junge Frau zog sie nach Stuttgart und flog als Stewardess um die Welt. Katharina kehrte nach Einödsbach zurück, weil sie ihre Kinder hier aufwachsen sehen möchte. Unsere Frage, wie sich die Gäste im Laufe der Jahrzehnte verändert haben, beantwortet sie so: ‘Jeder hat ein Handy, viele fragen nach WLAN. Die Gäste bleiben meist kürzer als früher, wollen aber mehr erleben. Auch am Berg zählen mittlerweile Taktung und Leistung. Für die Naturschönheiten wie die Blumen am Wegesrand nehmen sich die wenigsten Zeit.'” (2. Tag)

“Unvergesslich wird mir der Sonnenuntergang vom Kreuzberg aus bleiben. Den hätte ich verpasst, wenn mich die beiden herzlich-hilfsbereiten Herbergsmütter der Pilgerherberge Scheidegg nicht dorthin geführt hätten. Den Schlafsaal habe ich wie auch anderntags in der Pilgerherberge in Lindau für mich allein. Ruhiger, günstiger und seliger kann man kaum nächtigen.” (6. Tag)

“Heute schaffe ich anstelle der geplanten 25 km bis Friedrichshafen nur 11 km. In Wasserburg ziehen dunkle Wolken auf, wenig später blitzt und donnert es und regnet es wie aus Kübeln. In Nonnenhorn habe ich trotz Regenklamotten keinen trockenen Faden mehr am Leib. Ich könnte mich unterstellen und umziehen und nach dem Regen weitermarschieren. Stattdessen gehe ich ins nächste Hotel. Die Empfangsdame hat Mitleid mit Pudelnassen. Sie gewährt mir einen Rabatt auf den Zimmerpreis und setzt Teewasser auf.” (8. Tag)

“So ziehe ich weiter allein durchs Land. Mit einer Ausnahme: Oft begleiten mich beiß- und stichwütige Flugobjekte. Zecken haben mich noch nie gemocht. Wenn ich mit meinem Vater wandere, findet meine Mutter bei ihm abends ein halbes Dutzend Zecken, während ich komplett verschont bin. Bremsen und Stechmücken stehen umso mehr auf mich. In Kung-Fu-Manier fuchtel ich herum, erlege das eine oder andere Tier. Vegan ist das nicht. Aber selbst der Dalai Lama sagt, dass er sich wehrt, wenn Moskitos ihn angreifen. Das Geheimrezept aus Kokosöl und Zitronengrasöl hilft null. Ich hatte den Eindruck, dass der Mix die UFOs, die unerwünschten Flugobjekte, sogar anzieht. In einer Apotheke empfiehlt man mir Anti Brumm Natural. Das hilft tatsächlich, wenn ich es zwei-, dreimal am Tag aufsprühen. Mit der Apothekerin führe ich mit 13 Minuten das längste Gespräch, seit ich mit Victor in Lindau Kaffee trinken war. Sie interessiert sich für meine Tour und kann kaum glauben, dass ich so wenig Gepäck habe.” (13. Tag)

“Diese Nacht sollte ich besonders gut schlafen. Ich bin in einem ehemaligen Bauwagen untergekommen, der zu einem rustikalen Tiny House ausgebaut wurde. Der Ausblick auf eine Weide und das größte Waldgebiet der Schwäbischen Alb ist idyllisch. Nur der Hahn hinterm Häuschen bereitet mir etwas Sorgen.” (16. Tag)

“Die Route am aussichtsreichen Albtrauf ist vom Schwäbischen Albverein vorbildlich markiert. Gestern komme ich trotzdem vom rechten Weg ab. Zunächst bestelle ich in einem Lokal einen halben Liter Apfel-Birnen-Most, ohne zu wissen, dass da Alkohol drin ist. Was solls. Lieber den Magen verrenkt, als dem Wirt was geschenkt. Betüddelt steige ich in der Mittagshitze zurück Richtung Albhochfläche. Auf halber Strecke beschließe ich, die Route zu ändern. Ich möchte ein Gehöft umgehen und stattdessen einen Gipfel mitnehmen, den ich in der OSM-Karte auf meinem Handy entdeckt habe. Der anfänglich breite Weg wird schnell schmaler. Schließlich ist er kaum mehr zu erkennen und führt durch ein blühendes Gestrüpp. Als es zu spät ist umzukehren, tauchen mannshohe Brennnesseln auf. Ich kämpfe mich weiter und erreiche mit Quaddeln übersät den Gipfel. Dort gibt es keine Aussicht, nur einen Mobilfunkmast. Ich nehme es mit Humor. Das Gestrüpp war schön, Brennnesseln fördern die Durchblutung und der Handyempfang war spitze.” (19. Tag)

“Es geht entlang des verkarsteten Tals der Schandtauber ins Taubertal, sofort steil hinauf und durchs Spitaltor nach Rothenburg ob der Tauber. Die sehr gut erhaltene mittelalterliche Altstadt ist ein Schmuckstück, das man gesehen haben muss. Ich bin 30 km östlich in Ansbach aufgewachsen, war schon zigmal in Rothenburg. Dort zu übernachten, ist für mich eine Premiere. Ich streife durch die Gassen und über die Plätze, blicke von der Stadtmauer hinab ins Taubertal, sitze lange in einem Biergarten, danach vor dem Rathaus. Als ich gegen Mitternacht zurück ins Hotel gehe, habe ich die Altstadt fast für mich allein. Rothenburg schläft.” (23. Tag)

“Bei Ramsthal tauchen zu meiner Überraschung Weinberge auf. Sie gehören zum Weinbaugebiet der Fränkischen Saale, dem nördlichsten Anbaugebiet Frankens. Im nächsten Ort stößt meine Freundin Moni dazu. Gemeinsam wandern wir auf dem Panoramaweg Wein & Stein, an der Fränkischen Saale und durch Parkanlagen nach Bad Kissingen. Die unterfränkische Stadt ist bayerisches Staatsbad, ältester Gradierstandort Europas und besitzt das größte Ensemble historischer Kurbauten, die v. a. unter Ludwig I. im bayerischen Klassizismus errichtet wurden.” (31. Tag)

“”Der Hochrhöner zählt zu den schönsten Fernwanderwegen, die ich bisher in Deutschland gegangen bin. Schattige Wälder, vulkanisch entstandene Gipfel mit Fernblicken bis über die Grenzen der Rhön hinaus, Wiesen auf der Hochfläche, eindrucksvolle Moore, eine reiche Tier- und Pflanzenwelt (von denen ich zumindest die Wildkatzen, Rotmilane, Silberdisteln, Orchideen und Hutebuchen nennen möchte), Geschichte(n) und Kultur am Wegesrand sowie die Zeugnisse der ehemaligen innerdeutschen Grenze sorgen für Abwechslung und Wow-Ausrufe. Mit dem UNESCO-Biosphärenreservat soll dieser besondere Lebensraum für Mensch und Natur erhalten bleiben.” (33. Tag)

“Unterkünfte hingegen gibt es in ausreichender Anzahl. Was einen dort genau erwartet, weiß man vorher nicht. In Birx schlafen wir für 25 Euro pro Person in einer Pension mit hanebüchenen hygienischen Zuständen und werden dann noch des Diebstahls des Hausschlüssels bezichtigt. In der Pension Schmidt in Zella zahlen wir einen ähnlichen Preis und werden wir behandelt wie alte Freunde. Wir dürfen die Waschmaschine und die Küche benutzen, bekommen einen Eimer Ontariopflaumen aus dem Garten und zahlreiche Tipps für den Weiterweg. Am nächsten Morgen kann sich Moni Zeit lassen. Herr Schmidt fährt sie auf den Gläser, damit sie sich zumindest einen Anstieg in der anhaltenden Gluthitze spart. Ich will / muss freilich jeden Meter gehen. Ich mache das mittlerweile in meiner kurzen Badeshorts. Ob das Sinn macht oder die Sonne mein Hirn aufgeweicht hat, wird sich zeigen.” (35. Tag)

“Die Wegführung haut mich nicht vom Hocker. Vor Eisenach passe ich die Route so an, dass ich durch die rund drei Kilometer lange und an der engsten Stelle nur 68 Zentimeter breite Drachenschlucht komme. Am zweiten Tag von Eisenach nach Creuzburg folgt der Lutherweg dem Werratal-Radweg. Wer denkt sich so einen Unsinn aus?” (39. Tag)

“Einen Abstecher kurz vor dem Tagesziel lasse ich mir nicht entgehen: Den Mittelpunkt Deutschlands. Es gibt mehrere solcher Punkte in Thüringen, Hessen und Niedersachsen, da man sie nach unterschiedlichen Methoden berechnen kann. Meiner liegt in Flinsberg und stellt den Punkt mit dem minimalsten Abstand zur Staatsgrenze dar. Die Stelle an sich ist unspektakulär. Ich habe sie ganz für mich allein. Ich lasse mir eine halbe Stunde Zeit, den Mittelpunkt wirken zu lassen und auf meine bisherige Wanderung durch Deutschland zurückzublicken. Sie verlief nicht immer rund. Es sind Dinge in meinem Leben und meinem Umfeld passiert, über die ich nicht schreiben konnte oder wollte. Hier spüre ich Sicherheit und Kraft. Liegt es an der Mitte Deutschlands, dass ich wieder zu meiner Mitte finde? Oder wächst einfach die Zuversicht, diese Projekt zu schaffen? Die Mitte meiner Wanderung habe ich schon letzte Woche erreicht.” (43. Tag)

“Als besonderer Ort wird mir der Klosterhof Brunshausen bei Bad Gandersheim in Erinnerung bleiben. Es gibt einige Gründe vorbeizuschauen: Ein Café mit Innenhof, einen Garten mit Keramiken und Skulpturen des Künstlers Bernhard Löning, Kurse für Holzhandwerk, den Haus & Hof Laden sowie ein Gästehaus. Dort schlafe ich so gut wie ein Mönch – und das für 35 Euro inkl. Frühstück.” (47. Tag)

“Fünf Tage lang bin ich nun schon auf der Via Scandinavica, dem Jakobsweg von Fehmarn in Schleswig-Holstein nach Eisenach in Thüringen. Pilgerfeeling? Fehlanzeige! Es gibt keine Pilger, keine Infotafeln, kaum Markierungen, nur wenige Herbergen (in denen man Isomatte und Schlafsack mitzubringen hat) und meist verschlossene Kirchen. Zum Strecke machen ist die Via Scandinavica durchaus geeignet. Zwischen 27 und 37 km schaffe ich pro Tag, ohne mich zu überanstrengen.” (48. Tag)

“Am nächsten Morgen führt Alexander Moni und mich durch die pittoreske (hier ist das Wort mal angebracht) Altstadt. Da Celle im Zweiten Weltkrieg unbeschadet geblieben ist, finden sich dort über 450 Fachwerkhäuser überwiegend aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert.” (53. Tag)

“Ich will Dich nicht länger im Dunkeln lassen. Wir haben sie gesehen, die Grauen Gehörnten Heidschnucken. Die Schafe sind die wichtigsten Landschaftspfleger der Lüneburger Heide. Die Lämmer schauen besonders schnuckelig aus. Sie werden schwarz geboren. Im zweiten Lebensjahr färben sich die Haare gräulich. Beine, Schwanz und Kopf bleiben schwarz.” (56. Tag)

“Vier weitere Etappen wandern Moni und ich auf dem Heidschnuckenweg. Wir sind hin- und hergerissen. Die Heideflächen mit der mal mehr mal weniger blühenden Besenheide, den Wacholderbäumen und den Sandwegen sind lohnens- und lobenswert. Am besten gefallen uns die 40 km zwischen Niederhaverbeck und dem Naturschutzgebiet Brunsberg.” (57. Tag)

“Auf dem Weg dorthin wird mir die Größe der Freien und Hansestadt Hamburg bewusst. 1,8 Millionen Menschen leben hier. Und ich sehe so einiges: Die Stadtteile Harburg und Wilhelmsburg, die Alte Harburger Elbbrücke, den Wilhelmsburger Inselpark, den riesigen Hafen sowie den Alten Elbtunnel von 1911, der mich unter die Nordelbe zur Landungsbrücke in St. Pauli bringt.” (59. Tag)

“Auch kulinarisch kann ich endlich wieder aus dem vollen Schöpfen. An jeder Ecke gibt es Pflanzenkost (nicht nur ‘das Gras vor der Tür’, das ich ‘fressen soll’, wie mir ein Wirt in Kärnten vor ein paar Jahren anbot) und zwar meist köstlich zubereitet. In der kurzen Zeit in Hamburg testen wir neun Lokale. Die drei Kilogramm, die ich seit dem Allgäu verloren habe, sind vermutlich wieder drauf. Meine Top 3 für vegane Schleckermäulchen: Golden Temple Teehaus, Loving Hut und Froindlichst.” (61. Tag)

“Wie die Menschen hier oben so ticken? Zwei Anekdoten: 1. An einer Imbissbude schnappe ich folgendes Gespräch auf: ‘Moin.’ ‘Moin’. ‘Zieht weiter.’ (gemeint sind die dunklen Wolken über uns) ‘Jo.’ ‘Tschüss.’ ‘Tschüss.’ 2. Als sich Moni nach der Deichwanderung in einer Pfütze akribisch die Schafskötteln aus den Schuhprofilen wäscht, beobachten ein Mann und ein Hund auf dem Deich regungslos und schmunzelnd die mehrminütige Prozedur.” (64. Tag)

“Die touristische Überraschung auf diesem Abschnitt ist Friedrichstadt. Bauwerke der niederländischen Backsteinrenaissance sowie Grachten prägen das Bild der 2500-Einwohner-Stadt. Manche Ecken erinnern mich an Amsterdam.” (67. Tag)

“Als bei Ebbe das Wasser abläuft, betreten wir das Watt. Welch einmalige Chance über den Meeresgrund zu laufen. Was für ein origineller Weg zur Insel Föhr. Welch Naturerlebnis. Es ist meine erste Wattwanderung. Wir kämpfen uns durch tiefen Schlick, gehen über weiche Sandbänke und pieksende Muschelfelder und waten knietief durch Prielen. Frau Matthiesen erklärt immer wieder etwas. Mir war bisher nicht bewusst, dass so viele Tier- und Pflanzenarten im Ökosystem Watt leben. Die Wattwürmer (und ihre charakteristischen Kothaufen) und das essbare Fuchsschwanzgewächs Queller (salzig, aber für mich wohlschmeckend) kannte ich bis dato nicht.” (69. Tag)

“Dann bin ich plötzlich da, an der nördlichsten Spitze Deutschlands. Es ist ein unspektakuläres, aber stimmungsvolles Plätzchen. Der Strand ist breiter als die Kilometer zuvor, die Düne etwas niedriger. Nur vier Kilometer weiter nördlich leuchten die Sandstrände der dänischen Insel Rømø. Ich habe den Moment des Ankommens für mich allein. Erst nach ein paar Minuten kommen Spaziergänger vorbei. Ich bin tatsächlich jeden möglichen Meter vom Haldenwanger Eck in den Allgäuer Alpen bis zum Ellenbogen auf Sylt gegangen. 1735 Kilometer in 73 Tagen. Das geschafft zu haben, stimmt mich glücklich und erfüllt mich mit Stolz. Es war ein weiter Weg durch Landschaften und Ortschaften, die mir mal mehr, mal weniger gefallen haben. Manchmal habe ich mir gewünscht, andere Fernwanderer zu treffen. Umso mehr habe ich die 30 Tage genossen, in denen mir meine Freundin oder Freunde Gesellschaft geleistet haben. Wie immer am Ende einer langen Tour schwingt etwas Wehmut mit. So frei und belebt wie unterwegs fühle ich mich daheim nicht immer. Das ist nicht schlimm, weiß ich doch, dass nach der Fernwanderung vor der Fernwanderung ist.” (73. Tag)

Was ich in den zehneinhalb Wochen sonst noch alles gesehen, erlebt und gelernt habe, erfährst Du in Wort und Bild in meinem E-Book “Deutschland der Länge nach – 73 Tage und 1735 km von den Allgäuer Alpen bis nach Sylt”

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Wirsingsuppe mit Kürbiseinlage

Wirsingsuppe mit Kürbiseinlage

Vegan, preiswert, nachhaltig, glutenfrei – Zeit: 25 Min. – Schwierigkeit: leicht

Im letzten Monat habe ich in einem Blogartikel ausführlich beschrieben, was für mich eine minimalistische Ernährung ausmacht.

Ein gutes Beispiel dafür ist meine Wirsingsuppe. Sie wird mit wenigen regionalen und saisonalen Lebensmitteln – Wirsing, Kürbis und Lauch haben gerade Saison – zubereitet, gelingt problemlos, ist nach nicht mal einer halben Stunde auf dem Tisch und erfreut jedesmal meine Nase und Gaumen. Lässt Du die Kürbiseinlage weg erhältst Du ein besonders simples One-Pot-Gericht.

Der Clou: Die drei Hauptzutaten Wirsing, Kürbis und Lauch enthalten viele Vitamine und Mineralstoffe, vor allem Vitamin C, Vitamin B, Eisen, Folsäure, Kalium, Calzium und Magnesium. Deren antioxidative, antibakterielle und das Immunsystem stärkende Wirkung hält Dir in der kalten Jahreszeit die Erkältung vom Leib.

Für 4 Portionen:
½ Stange Lauch
3 EL Pflanzenöl
1 kleiner Wirsing (ca. 750 g)
1,5 l Gemüsebrühe
½ Hokkaido-Kürbis (ca. 500 g)
Salz
Pfeffer

Wirsingblätter für die Wirsingsuppe in Streifen schneiden

  1. Die halbe Lauchstange putzen, waschen und in Ringe schneiden.
  2. Die Lauchringe in einem Topf in 1 EL Pflanzenöl dünsten.
  3. Den Wirsing vierteln und den Strunk herausschneiden. Die Blätter in Streifen schneiden und waschen.
  4. Die Wirsingstreifen tropfnass in den Topf geben und mitdünsten, bis sie zusammenfallen.
  5. Die heiße Gemüsebrühe zugießen, zum Kochen bringen und etwa 15 Minuten köcheln lassen.
  6. Den halben Kürbis entkernen, in Streifen oder Stücke schneiden und in einer Pfanne im restlichen Öl anbraten.
  7. Die Suppe mit einem Stabmixer pürieren, mit Salz und Pfeffer abschmecken.
  8. In tiefe Teller geben und mit den Kürbisstücken als Einlage servieren.

Tipps:
– Wandle die Wirsingsuppe nach Deinem Geschmack ab. Wie wäre es mit Chinakohl anstelle Wirsing, einer Zwiebel anstelle Lauch, ein Stück Chilischote für eine leicht feurige Note oder einen Schuss Zitronensaft.
– Um den Kohlgeschmack zu mildern, kannst Du etwas Wirsing mit einer Kartoffel ersetzen.
– Ich beträufel das Gericht am Ende gerne mit etwas Kürbiskernöl.
– Auch geröstete Kürbiskerne oder Sonnenblumenkerne passen als Topping.

Guten Appetit!

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Kann weg

Kann weg - Foto: pixabay.com - Monfocus

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Sabrina Demmeler. Den Text schrieb sie im Rahmen eines Seminars an der “Akademie der bayerischen Presse”. Aktuell arbeitet sie als Volontärin in einem Verlag im Allgäu. Du kannst den Text auch hier als PDF lesen, herunterladen und ausdrucken.

Immer mehr Menschen leben mit immer weniger Dingen. Minimalismus ist nicht nur ein Nischentrend, sondern Vorbote eines gesellschaftlichen Wandels.

In Christof Herrmanns Second-Hand-Regal aus hellem Holz stehen 50 Bücher. Für manche sind 50 Bücher viel, für Christof ist es wenig. Vor zehn Jahren besaß er insgesamt 3.000 Romane, Nachschlagewerke und Reclam-Hefte. Sein altes Schlafzimmer teilte er mit 5.000 CDs und Schallplatten. Heute sind alle weg und er lebt nur mit Dingen, die er wirklich braucht.

“Ich war damals ein Sammler”, sagt Christof Herrmann über sein jüngeres Ich. Der Minimalist kauft nur noch das Nötigste. “Minimalismus bedeutet für mich ein Leben ohne Ballast und jeder Mensch definiert selbst, was Ballast ist.” Für Herrmann sind es unnötige Dinge, vermeintliche Verpflichtungen, negative Gedanken und Beziehungen, die ihm nicht gut tun. Auf seiner Website www.einfachbewusst.de teilt er unter anderem Tipps für das Ausmisten. Mittlerweile schreibt Christof Herrmann den meistgelesenen Blog zum Thema Minimalismus im deutschsprachigen Raum. Über 60.000 Menschen besuchen seine Homepage pro Monat. Zu seinen 13.000 Newsletter-Abonnenten kommen täglich zehn neue hinzu.

Minimalismus gewinnt an Bedeutung

Die steigenden Leserzahlen von Herrmanns Blog zeigen, dass immer mehr Menschen praktische Anleitungen suchen, um sich von ungeliebtem Ballast zu befreien. Viele wünschen sich mehr Klarheit, Einfachheit und Ruhe. Aber Ballast müssen nicht immer 5.000 Tonträger sein. “Alle Dimensionen menschlicher Existenz sind vollgepfropft”, findet Professor Niko Paech von der Universität Siegen. Das reiche von Wohnungen, Häusern und Terminkalendern bis zu Möglichkeiten beruflicher Entfaltung. Paech ist Volkswirt und forscht insbesondere zur Nachhaltigkeit. Minimalismus ist für ihn der Vorbote eines gesellschaftlichen Wandels. Denn der aktuelle Wirtschaftsstil sei auf Wachstum ausgerichtet, der wiederum auf steigendem Konsum aufbaue. Das lässt sich laut Paech so nicht fortsetzen ohne Umwelt und Menschen zu schaden. “Das Angebot an Optionen ist geradezu explodiert, der Tag hat aber nach wie vor nur 24 Stunden. Das führt zu einer Verwendungskonkurrenz um die nicht vermehrbare Ressource Zeit”, erklärt Paech. Dadurch habe sich Zeit in den letzten Jahren zu einer der kostbarsten Ressourcen entwickelt – noch wertvoller als materieller Besitz.

Auch Christof Herrmann wünschte sich mehr Zeit. Er arbeitete als Programmierer und hatte oft das Gefühl, sinnlose Aufgaben zu erledigen. 2006 kündigte er Job und Wohnung, um verschiedene Länder auf seinem Fahrrad zu bereisen. Seine Habseligkeiten stellte er bei den Eltern unter. Über ein Jahr fuhr Christof Herrmann um die Welt und vermisste keines seiner eingelagerten Sammlerstücke. “In jeder der fünf Fahrrad-Taschen hatte ich ein Zimmer dabei. Das Badezimmer war im Kulturbeutel, die Küche bestand aus einem Camping-Kocher und etwas Geschirr. Der Kleiderschrank waren ein paar T-Shirts und Hosen.” Zurück in Deutschland erschlug ihn die Masse an losem Kram in den Umzugskartons. Er wollte lieber mit dem leichten Gefühl von fünf Fahrrad-Taschen als mit über 5.000 Tonträgern in seine neue Wohnung einziehen. Also verkaufte oder verschenkte Christof Herrmann alles, was er nicht mehr brauchte. Heute hat der Blogger zwar wenige Dinge, aber diese schätze er umso mehr.

Konsumstress plagt viele Menschen

Für Volkswirt Paech ist Christof Herrmanns Lebensstil ein Beispiel für die Befreiung vom Überfluss. “Damit Konsumaktivitäten überhaupt Nutzen stiften können, muss ihnen ein Minimum an eigener Zeit gewidmet werden”, so Paech. Sei das nicht der Fall, gerieten Menschen unter Stress. Wer das fünfzigste T-Shirt kauft, weil es so günstig war, holt sich viele Optionen an Kleidungsstücken ins Haus. Laut einer Greenpeace-Studie liegen aber 40 Prozent ungetragen im Schrank. Damit stresst der halbe Kleiderschrank seinen Besitzer unterbewusst und verkompliziert die Antwort auf die Frage “Was ziehe ich nur an?”. Wer aber seinen Konsum bewusst beschränkt, schützt sich laut Paech vor einer Reizüberflutung.

Diese kann unter anderem von den 10.000 Dingen ausgehen, die der Durchschnittseuropäer laut Statistischem Bundesamt besitzt. Vielen fällt es schwer, den Überblick über all die Besitztümer zu behalten. Christof Herrmann schaffte es mit verschiedenen Tricks, seine Wohnung von unnötigem Wohlstandsballast zu befreien. Auf seinem Blog erklärt er unter anderem die “Tabula-Rasa-Methode”. Dabei wird ein Bereich, zum Beispiel der Kleiderschrank, komplett leer geräumt. In den folgenden Tagen und Wochen wandern nur die Jeans, Blusen oder Hemden zurück, die man wirklich getragen hat.

Aufräum-Coaches helfen beim Ausmisten

Manche Menschen brauchen jedoch mehr praktische Unterstützung beim Ausmisten. Mittlerweile können Aufräum-Coaches zum gemeinsamen Ausräumen beauftragt werden. Angela Ludwig gehört dazu und ist auch bekannt als “Frau Ordnung”.

Die Diplom-Bibliothekarin ist seit zwei Jahren selbstständig und mistet Wohnungen rund um Stuttgart aus. Sie hat schon viele gesehen und bestätigt, was Christof Herrmann fühlte und Paech kritisiert: “Die Menschen ersticken an ihrem Zeug.” Angela Ludwig kennt alle Ausreden von “das hat mal Geld gekostet” bis zu “es war ein Geschenk”. Aber beides seien keine Gründe, um Dinge zu behalten, die keinen Nutzen im Haushalt stiften. Trotzdem ermutigt sie ihre Kunden nur das wegzugeben, wozu sie bereit sind. “Wenn jemand 3.000 Bücher hat und jedes Mal glücklich ist, wenn er hinsieht, sollte er sie behalten.” Für Ludwig ist Minimalismus immer eine Frage der Definition, denn was für eine vierköpfige Familie minimalistisch sei, sei für den Single-Haushalt vielleicht schon zu viel.

Disziplin fehlt, Bewusstsein ist vorhanden

Kunden überlegen sich nach einer  Sitzung mit “Frau Ordnung” genau, was sie kaufen und wirklich brauchen. Diese Disziplin vermisst Paech noch bei vielen anderen, aber das Bewusstsein sei bereits vorhanden. Für Christof Herrmann geht die minimalistische Denkweise über den Kleiderschrank hinaus. Er setzt sich nicht mehr unter Druck, überall dabei sein zu müssen. Und in seinem Mail-Posteingang gibt es nur einen Ablageordner, der “Behalten” heißt statt komplexe Ordnerstrukturen. “Durch den Minimalismus fühle ich mich freier, selbstbestimmter und habe mehr Zeit”, fasst der Blogger zusammen. Das bestätigt auch Paech, denn Ballast abzuwerfen bedeute auch Stressfreiheit.

Manchmal erreichen Herrmann Fotos seiner Leser. Darauf präsentieren sie Vorher-Nachher Bilder von Ausmistaktionen mithilfe seiner Tipps. “Es ist erstaunlich, wie Leute mich daran teilhaben lassen und ich bin jedes Mal begeistert.” Auch Aufräum-Coach Angela Ludwig freut sich, dass keiner ihrer Kunden das Loslassen des Wohlstandsmülls mit ihrer Hilfe je bereut hat. “Aber wenn ich abends das Zeug meiner Klienten wegfahre und sie alleine zurückbleiben, kann es passieren, dass sie erst mal weinend auf der Couch liegen.”

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