Ich war ein Fahrradschlauch – Upcycling als Philosophie

9. Juni 2014 - von Christiane Sever - 21 Kommentare

Upcycling als Philosophie: Tasche aus zerschlissener Jeans und Fahrradschlauch

„Zum Erfinden brauchst du eine gute Phantasie und einen Haufen Schrott.“ (Thomas A. Edison)

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Christiane Sever. Sie schreibt auf bikelovin und auf ihrer Facebook-Seite über Radfahren und über Fahrradschrott, aus dem Neues entsteht.

Mit ein paar Speichen fing alles an

Vor einem Jahr fiel mein Blick in einer Fahrradwerkstatt auf ein paar verbogene Speichen, die an einer alten Nabe hingen. Schrott, für den niemand mehr Verwendung hatte. Doch an etwas erinnerte mich dieses Metallgebilde. Ich nahm es mit nach Hause und bastelte daraus ein Windspiel. Seither sehe ich Fahrradschrott und Müll im Allgemeinen durch die „Upcycling-Brille“.

Alles schon dagewesen

Upcycling ist ein neuer Begriff für etwas ganz und gar nicht Neues. Es geht um Wertschätzung, um das Erkennen der Möglichkeiten im vermeintlich Unnützen, Gebrauchten, Aussortierten. Eine Wahrnehmung, die durch den Überfluss um uns herum häufig getrübt ist. Vieles wurde kommerzialisiert, manches geriet in Vergessenheit. Warum Selbermachen, wenn Neues immer billiger zu haben ist?

Dabei war es noch vor wenigen Jahrzehnten selbstverständlich oder sogar notwendig, Dinge wieder zu verwenden: Kleidung aus Decken oder Kartoffelsäcken, Patchwork-Jacken aus alten Jeans, Flickenteppiche aus Stoffstreifen, Bucheinschläge aus Comicheften, bunte Ketten aus gerollten Papierperlen … Upcycling gehörte für unsere Großeltern zum Alltag. In den Müll kam nur, womit gar nichts mehr anzufangen war. Ich erinnere mich noch genau an den zum Wischlappen umfunktionierten Hemdfetzen meiner Oma, der mehr Löcher hatte, als ich zählen konnte. Und an die Seifenkisten, die wir aus alten Kinderwagengestellen und Fundstücken aus Kellern und Garagen zusammenbauten.

Es geht um Nachhaltigkeit

Seit einigen Jahren liegt Selbermachen wieder im Trend. Immer mehr Kreative verarbeiten bewusst Dinge, die sonst im Müll gelandet wären. Lange genug haben wir unser Gewissen damit beruhigt, all der Müll sei in Recyclinganlagen gut aufgehoben. Mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass das Umwandeln in höherwertige Dinge nachhaltiger und sinnvoller ist als ein energieaufwändiger Recyclingprozess, an dessen Ende Produkte von meist niedrigerer Qualität stehen.

Geprägt wurde der Begriff Upcycling vom Ingenieur Reiner Pilz, der 1994 sagte: „Recycling‚ ich nenne es Down-cycling. Sie schlagen Steine kaputt, sie schlagen alles kaputt. Was wir brauchen, ist Up-cycling, bei dem alte Produkte einen höheren Wert erhalten, keinen geringeren.“

Upcycling ist die kreative Aufwertung von Abfall.
Upcycling ist ein Statement gegen die Wegwerfgesellschaft.
Upcycling ist notwendig.

Upcycling als Philosophie - Gürtel aus Stoffresten und Fahrradschlauch

Gründe für Upcycling

Wenn Du aussortierte Dinge wieder verwertest …

… schonst Du die Umwelt, weil Du gebrauchtes Material direkt in etwas Neues umwandelst und es nicht mit Energieaufwand und Emissionen recycled wird oder gar auf der Müllkippe landet.
… schonst Du Ressourcen, denn das vermeintlich unnütze Material ist ein Rohstoff.
… sparst Du Geld, weil Abfall nichts kostet.
… entstehen Dinge, die durch ihre Gebrauchsspuren einzigartig sind und ihre eigene Geschichte erzählen.
… verändert sich Dein Blick auf das, was sonst entsorgt wird. Du wirst zuvor als nutzlos betrachtete Dinge wert-schätzen.

Upcycling kann jeder!

Seit ich mit Fahrradschrott experimentiere, trage ich die Upcycling-Brille. Ich sehe Müll mit anderen Auge. Alles, was nicht mehr gebraucht wird, ist Material, bei dem ich überlege, ob ich es irgendwie verbasteln kann. Und weil es auf meinem Blog ums Radfahren geht, spielen bei meinen Upcycling-Projekten alte Schläuche, Speichen und Schrauben die entscheidende Rolle. Ich bin selbst immer wieder überrascht, welche Möglichkeiten in diesen Dingen stecken, besonders in Kombination mit anderen „Wertstoffen“.

Man muss dafür kein Bastelprofi sein, sondern braucht nur ein bisschen Phantasie. Meine Projekte entstehen im Kopf. Erst wenn ich ein ziemlich genaues Bild von einer Sache habe, wird die Idee mit möglichst einfachen Mitteln umgesetzt. Am Anfang steht fast immer das Material, von dessen Möglichkeiten ich mich leiten lasse.

Zahnpastatube leer? Super! Aufschneiden, Schlauch drüber und fertig ist die Blumenvase.
Jeans zerschlissen? Macht nix! Abschneiden, zunähen, Schlauch dran und schon hat man eine praktische und bequem tragbare Tasche.
Und wer zufällig eine alte Kühlschranktür rumstehen hat, kann sich ein Aufbewahrungsdings basteln, bei dem auch noch Verpackungsmaterial eine neue Verwendung findet.

Upcycling als Philosophie - Aufbewahrungsdings aus altem Kühlschrank

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21 Kommentare für “Ich war ein Fahrradschlauch – Upcycling als Philosophie”

  1. Huhu, Christiane + Christof
    Herzlichen dank für diese Artikel und die Iden darin. Ich bastel viel, allerdings hole ich mir das Material meist im Bastelladen. Geht oft ganz schön ins Geld. Werde versuchen mehr mit vorhandenem Material und Schrott zu basteln. Habe schon eine Idee. Eine Tasche aus einer alten Cordhose.
    Herzliche Grüße Anja

    1. Hallo Anja,
      Cordhose wird Tasche – das klingt super! Und wenn man erstmal anfängt, mit gebrauchten Dingen zu werkeln, findet man immer neue Möglichkeiten. Den Bastelladen kannst du dir in Zukunft wahrscheinlich sparen…
      Liebe Grüße
      Christiane

  2. Danke für den Artikel. Alte Dosen als Vasen oder Stifteköcher zu nutzen kannte ich (kann man gut mit Acrylfarbe bemalen oder mit Serviettentechnik bekleben), aber die Fahrradschläuche! Was für eine super Idee! Werde ich gleich mal ausprobieren. Habe noch Alte liegen! Vielen Dank für diesen tollen Artikel.

  3. Hallo Marion,
    wie schön, dass du direkt ein paar Schläuche zum Experimentieren da hast! Wenn du sonst gern Farbe verwendest, kannst du auch die Schläuche mit ganz einfach Mitteln bunt machen. Versuch´s mal mit Lochmustern oder eingewebten T-Shirt-Streifen. Sicher fällt dir noch viel mehr ein.
    Liebe Grüße
    Christiane

  4. Bin jetzt voll angefixt mit dieser Upcycling-Idee ;-) Ich habe einen schönen großen Kaffeesack aus Brasilien. Hat jemand eine Idee, was ich damit machen könnte? Sollte nur nicht zu kompliziert sein, da ich kein Bastel-Genie bin :(

    1. Hallo Tanja,
      Kaffeesack wird Kochschürze – die Idee gefällt mir supergut!
      Und aus den Resten ließe sich dann auch noch was machen… Man könnte Dosen, Tetrapaks und anderes in Kaffeesackstücke „kleiden“ (ganz easy mit doppelseitigem Klebeband) und daraus ein Utensilo machen. In meinem aktuellen Blogpost siehst du was ähnliches, das kann man beliebig variieren.
      Liebe Grüße
      Christiane

      1. Hallo Christiane,

        du animierst mich zum Fahrradklau. :) Ich hätte gerne einen BMX-Reifen als Taschenumrandung. Sofort! Fragst du in Fahrradläden oder wo kriegst du das Material her?

        lg
        Tanja

      2. Hallo Tanja,
        meinen Fahrradschrott hole ich mir tatsächlich aus dem nächsten Fahrradladen – da fällt genug an und die sind froh, wenn ihnen jemand was abnimmt.
        Ein BMX-Reifen als Taschenumrandung – WOW! Ich übe ja immer noch ziemlich erfolglos die Fahrradschlauch-Näherei und frag mich grad, wie du wohl einen Reifen vernähen willst. Hast du eine spezielle Nähmaschine oder willst du es von Hand nähen?
        Liebe Grüße
        Christiane

  5. Hallo Christoph,
    kannst du nähen?
    Wie wäre es dann mit dem „Klassiker“ Sofakissen?
    Dazu bräuchtest du nur eine Schere sowie Nadel und Faden bzw. eine Nähmaschine. ;)
    LG,
    Denise

    1. Hallo Denise,
      ein Sofakissen wäre vielleicht sogar ohne Näherei machbar, wenn der Sack die Breite einer Kissenfüllung hat (Christof???) – dann kann man die überschüssige Länge einfach nach innen krempeln :-)
      Die Kissenidee bringt mich aber auf was anderes: Kaffeesack als Stuhlpolster – auch ganz einfach, man braucht nur nen Tacker.
      Liebe Grüße
      Christiane

  6. Hallo Christiane, Tanja und Denise,

    danke für Eure Vorschläge. Finde sie alle drei toll! Nähen kann ich leider (noch) nicht, eine Nähmaschine könnte ich mir aber borgen. Der Stoff ist nur sehr dick und rau. Mal sehen, was draus wird …

    Alles Jute

    ChristoF

    1. Hallo Christof,
      gerade bin ich über Deinen blog gestolpert, als ich für unsere website ein Zitat zum Minimalismus gesucht habe. Es ist immer wieder schön auf Menschen zu treffen, die ähnlich ticken. Schau mal auf unsere Seite, was wir so aus Kaffeesäcken zaubern….Ein tolles Material! Aber zum drauf sitzen??? Aua! Liebe Grüße aus Berlin Annett

  7. Hallo zusammen,

    aus Fahrradschrott kann man auch ein Iglu basteln wie dieses hier im urbanen Garten Hirschgrün in Aachen:

    Fahrradschrott-Iglu im urbanen Garten Hirschgrün in Aachen

    Viele Grüße

    Hans

  8. Hallo Christiane,

    Nähmaschinen und ich sind natürliche Feinde. Leider. Von Hand würde ich das nähen mit roten Nähten. Mit Holzvorbohrer kommt man ja überall rein. :) Ein Utensilo und eine Tasche wären ein schönes Abschlussprojekt für meine plastikfreie Wohnung, wenn ich mal fertig bin. Der Papa von meiner Tochter macht auch viel Recycling. Ein Fahrradrahmen als Balkongeländer. Eine Kletterwand aus Fahrradschläuchen. Kühlschranktüren als Utensilo. Gewächshaus aus alten Fenstern mit Zimmermann auf der Walz errichtet. Am liebsten würde ich da einziehen. :) Darf keine Bilder machen. :( Internetscheu.

  9. Hey,
    bin gerade eben auf diese tollen Internetseite gestoßen. Der Grund dafür: Bitte-keine-Werbung-Aufkleber zum Ausdrucken, da ich gerade fast unter der Last von Werbung zusammengebrochen wäre. ;) Echt schrecklich wie viel davon in den Briefkasten wandert! Also dachte ich mir ich änder das mal schnell. Übrigens danke für die weiterleitenden Links dazu! Bald klebt so ein Teil an unserem Briefkasten. :)

    Nun ja, so bin ich auf diese Seite hier gestoßen und bin bis jetzt davon begeistert! Und bin jetzt schon darin vertieft Artikel durchzulesen. Das Thema „Upcycling“ hat mich schon immer interessiert, bloß hatte ich bis jetzt noch nie so richtig den „Blick“ dazu irgendetwas Neues in einem alten Gegenstand zu sehen… okay eine alte Verpackung zu nutzen um Stifte und Sonstiges darin aufzubewahren viel mir schon des Öfteren auf. Doch so richtig Kreatives ist bis jetzt bei mir noch nicht daraus geworden. Deshalb suche ich recht gerne im Internet nach Ideen um sie vielleicht irgendwann einmal zu realisieren… doch fehlten mir leider immer die „Rohstoffe“ dazu. Was mich wirklich sehr reizen würde sind diese Euro-Paletten. Doch habe ich die bis jetzt noch nirgends einfach so „zum Mitnehmen“ gefunden. Und um sie irgendwo abzuholen, fehlen mir die nötigen Transportmittel… Tja, mit 16 irgendwo hin zu kommen ist schon recht schwierig… erst recht wenn man schwere Sachen durch die Gegend schleppen will……

    Viele liebe Grüße Chiara

    PS: Ups, der Text ist wohl doch ein bisschen lang geworden… Ich schätze das sind noch die Auswirkungen von der Deutsch-Abschlussprüfung… :)

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