Weniger Meinung, mehr Gelassenheit

30. November 2025 - von Christof Herrmann - 33 Kommentare
Autor Christof Herrmann sitzt am Ufer der Isar und blickt über den Fluss zu den Bergen.

„Alles ist Meinung, und diese hängt ganz von dir ab. Räume also, wenn du willst, die Meinung aus dem Wege, und gleich dem Seefahrer, der eine Klippe umschifft hat, wirst du unter Windstille auf ruhiger See in den sicheren Hafen einfahren.“ (Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, 12.22)

Meinungen sind nicht die Wirklichkeit

Wir bilden uns ständig Meinungen. Über das Wetter, die Nachrichten, Social-Media-Beiträge, über Menschen, ihre Blicke, Worte und Lebensweise. Und auch über uns selbst.

Klar, Meinungen geben Halt, sie sortieren unsere Welt. Aber sie können auch Kraft ziehen, uns einengen und Situationen schwerer machen, als sie sein müssten.

In diesem Text geht es nicht um äußere Kontrolle – sondern um unsere Urteile. Das Zitat oben aus Marc Aurels gut 1800 Jahre alten „Selbstbetrachtungen“ erinnert daran, dass unsere Meinungen nicht die Wirklichkeit sind. Sie sind Deutungen, gefärbt von Erfahrungen und Stimmungen. Wir müssen unseren Meinungen nicht folgen. Wie ein Seefahrer, der um einen Felsen steuert. Gelassenheit entsteht oft dort, wo wir nicht sofort dagegenhalten.

Was wir sehen – und was wir dazudichten

Aus einer Bemerkung wird eine „Frechheit“, aus Regen „schlechtes Wetter“, aus Zögern „Desinteresse“, aus einem Missverständnis eine „Kränkung“ und aus einer Nachricht das „Ende der Welt“.

Unser Nervensystem reagiert selten auf Tatsachen, sondern meist auf das, was wir darüber denken. So entstehen tosende Wellen – innen wie außen.

Manchmal genügt ein einfacher Gedanke, um die See zu glätten:

„Ich muss das nicht bewerten.“

„Vielleicht ist es ganz anders.“

„Ich beobachte erst einmal.“

Beobachten statt bewerten

Beobachten heißt wahrnehmen, ohne es gleich einzuordnen. Es ist weder Rückzug noch Gleichgültigkeit, sondern eine Form der Präsenz. Ein Blick auf die Welt, bevor wir eine Geschichte daraus machen.

Wenn wir nicht gleich bewerten, entsteht eine kleine Verzögerung – ein stiller Moment, in dem Freiheit und Gelassenheit liegen. Wir müssen nicht alles verstehen und bewerten. Manchmal genügt ein inneres Zurücklehnen.

Minimalismus im Kopf

Diese Haltung passt wunderbar zur minimalistischen Lebensweise. Wenn weniger Besitz äußeren Raum schafft, dann schaffen weniger Meinungen inneren Raum. Je seltener wir Geschichten über andere erfinden, desto leichter werden Begegnungen. Je öfter wir Deutungen beiseiteschieben, desto klarer und freundlicher wird unser Blick auf die Welt.

Natürlich raten Marc Aurel und die anderen Stoiker nicht dazu, ganz auf Meinungen zu verzichten. Es geht um den bewussten Umgang damit: Dort urteilen, wo es hilfreich oder nötig ist. Dort schweigen, wo es Frieden verspricht.

Ein gelassener Blick auf die Welt

Vielleicht gelingt heute ein Moment ohne Meinung.

Ein Blick, der nur ein Blick bleibt. Eine Nachricht, die nicht sofort bewertet wird. Ein Gespräch mit offenem Ohr. Eine Begegnung ohne Schubladen. Ein Spaziergang im Regen.

Manchmal zeigt er sich genau dann – der sichere Hafen, der näher liegt, als wir glauben.

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33 Kommentare für “Weniger Meinung, mehr Gelassenheit”

  1. Lieber, lieber Christof,

    manche Worte wehen wie ein Wind durch unseren Geist und nehmen das Verstaubte mit und machen alles frisch und das Herz spürt es und hüpft vor Freude. So geht es mir mit deinen Worten und dem wunderbaren Zitat von Marc Aurel.
    Mir begegnete gestern erneut das folgende Zitat von Viktor Frankl, das ich so liebe: „“Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit“.
    Ich liebe diesen Möglichkeitsraum, der da entsteht und über den ich früher mit meiner schnellen Antwort oft übergebügelt habe….und nun kann ich ihn erkunden und ganze Welten tun sich auf.
    DANKE DANKE DANKE für dein Sein und dein großzügiges Teilen.
    Herzliche Grüße Jela

    1. Danke, danke für Deine wohltuenden Worte.

      Frankls Zitat mag ich auch – diesen Gedanken sollten wir uns öfter zu Herzen nehmen. Und gleichzeitig gehen Marc Aurel und mein Artikel noch einen Schritt weiter: Manchmal braucht es keine Reaktion, kein Einordnen, kein Urteil.

      Viele liebe Grüße

      Christof

  2. Vielen Dank lieber Christof für diese Anregung und das schöne Zitat.

    Es ist immer gut, sich bewusst zu machen, nicht zu viel oder zu schnell zu bewerten – und manchmal eben auch gar nicht!

    Liebe Grüße

  3. Danke Christof, so durch die Welt zu gehen macht vieles einfacher, besonders das Miteinander. Wieder ein Impuls von dir an sich zu arbeiten. Das tut immer gut. Mach weiter so.

  4. Lieber Christof,
    dein Artikel erinnert mich an The Work von Byron Katie. Dabei werden die eigenen Gedanken mit Hilfe von 4 Fragen sozusagen auf den Prüfstand gestellt und man kann letztendlich erkennen, dass es sich „nur“ um Gedanken – Geschichten, die man sich selbst erzählt – handelt, denen man keinen Glauben schenken muss.
    Hilfreich und sehr praktikabel finde ich deine drei „einfachen Gedanken“. Vielen Dank dafür.
    Herzllichen Gruß
    Chris

  5. Das sind wichtige Gedanken in einer nicht einfachen Zeit.
    Nun sollte es uns gelingen, leichter auf Mitmenschen zuzugehen. Weniger VORurteil, mehr Verzeihen und Versöhnen…
    Allen Lesern eine gute friedliche Zeit
    wünscht Karin

  6. Heute erst erlebt und das Zurücklehnen „geübt“…. mit dem imaginären Popcorn in der Hand 😉
    Es gelingt immer öfter immer besser.
    Danke für diesen tollen Text und die Ermutigung! ❤️

  7. Danke für diesen Text! Ein ganz wichtiges Thema, von dem ich mir erhoffen würde, dass es nicht nur einzelne Menschen – individuell – glücklicher macht, sondern dass diese Weisheiten die Menschheit prägt und somit uns zu einer besseren Menschheit macht. Schon zu Aurels Zeiten war das nicht der Fall und trotz seiner Popularität und Wirkmächtigkeit hat sich da nicht viel zum Besseren verändert.

    Wie können wir diese Weisheit über das Individuum hinaus zu einem gesellschaftlichen Fortschritt führen?

    1. Schön, mal wieder von Dir zu lesen, lieber Gilbert! Wir können wohl nur an uns selbst arbeiten – und das weitertragen, was uns gut tut und was wir gelernt haben. Alles andere wächst von allein oder bleibt liegen, bis die Zeit reif ist.

      1. Ja, verstehe … das ist generell unsere individualistisch-kapitalistische Herangehensweise an globale Probleme und wir scheitern damit immer wieder, nicht erst seit Aurel. Und es ist auch gar nicht einfach, bessere Ansätze zu finden.

        So ein bisschen ist das auch meine Kritik an Lifestyle-Buddhismus, Achtsamkeit, Meditation etc., dass diese Ansätze nicht das Individualistische unseres liberalen Kapitalismus durchbrechen, sondern geradezu daran andocken und somit dieses problematische System sogar stärken (weil sie die Symptome leicht bessern). Einige Aspekte wie Minimalismus widerum lassen sich direkter skalieren und machen gesellschaftliche Veränderung hin zu weniger Konsum denkbar. Aber auch damit müsste man aus seinem privaten, individuellen Raum ausbrechen und das in weitreichendere Aktionen und am Ende in Norm- oder sogar Gesetzgebung überführen.

        Na gut, wir werden diese Probleme mit unseren Blogs nicht lösen, aber immerhin können wir verschiedene Lösungsansätze andenken und andeuten. Vielen Dank an dich, dass du das hier machst. Ich finde das wichtig.

  8. Lieber Christof…
    erwischt! Ich bin oft mit Überschallgeschwindigkeit unterwegs und lasse mich von den Dingen im Außen zu sofortigen Reaktionen oder Äußerungen hinreißen – weil ich werte. Dein Artikel heute hat mich derbe getroffen. Da werde ich mich wohl mal ans Üben machen – meinem inneren Frieden zuliebe ;-)
    Herzlichst,
    eine sehr nachdenkliche Andrea
    PS und danke an Jela für das Frankl-Zitat! (ja – die Kommentare lese ich auch alle)

  9. Lieber Christof,
    danke für die Möglichkeit des Innehaltens – ich hatte in diesem Jahr ziemlich viel „um die Ohren“ und jetzt kann ich endlich mal wieder schöne Sachen lesen (u.a. von dir). Und gerade gestern hätte ich in einem Treffen besser mal innegehalten statt sofort zu bewerten. Ich werde beim nächsten Treffen daran denken.
    Dir noch eine schöne Zeit und liebe Grüße nach Nürnberg
    Katharina

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