Reicht uns die analoge Wirklichkeit noch aus?

31. Mai 2023 - von Johanna Katzera - 14 Kommentare
Reicht uns die analoge Wirklichkeit noch aus? - Foto: cottonbro studio auf pexels

Dieser Artikel ist bereits der sechste Gastbeitrag von Johanna Katzera auf Einfach bewusst und ein Auszug aus ihrem neuen Buch „Achtsam oder abgelenkt?“. Johanna hält auch mehrtägige Seminare auf Sylt zu den Themen Achtsamkeit und positive Lebensgestaltung.

Die Welt hinter dem Bildschirm ist faszinierend. Sie verbindet und belohnt uns unentwegt, unmittelbar und anstrengungslos; erleuchtet in bunt, zeigt sich maßgeschneidert, abwechslungsreich und grenzenlos. Wir greifen immer wieder hin, sehen nach, loggen uns ein, senden, empfangen, klicken, wischen, warten, suchen, hoffen – und finden. Kurze Clips, perfekte Bilder, schnell wechselnder Input. Wir können alles erhaschen und müssen nichts wirklich erfassen. Gefällt uns etwas, so liken wir, ansonsten swipen wir.

Was macht diese rasante Reizflut mit unserer Aufmerksamkeit?

Können wir uns trotz des digitalen Dauerrauschs noch an der analogen Welt – ganz ohne Filter – erfreuen und uns dem natürlichen Rhythmus ohne Ungeduld hingeben?

Reicht uns die analoge Wirklichkeit noch aus?

Sehnsucht nach Lebendigkeit

In unserer modernen Welt ist das Gepäck leichter, weil sich vieles digital klein falten lässt und ein einziges Gerät so viele Funktionen vereint. Und doch fühlt sich das Leben heute manchmal komplizierter an. Ich bemerke, dass die Zeit mit dem Smartphone in den Händen zwischen meinen Fingern zerrinnt und dass das Abtauchen ins Digitale oft keine echte Zufriedenheit stiften kann.

Wo sind die magischen Momente?

Wo sind die Begegnungen?

Wo ist der Austausch?

Sie leuchten heute oft als kleine Symbole auf meinem Display und können nicht ersetzen, wonach ich mich im Laufe der digitalen Jahre immer mehr sehne: Nach dem Leuchten, der Tiefe und der Lebendigkeit im echten Leben – mitten im Alltag.

Achtsamkeit für den Augenblick entwickeln

In unserer schnelllebigen Zeit mit ständiger Erreichbarkeit und absoluter Entgrenzung scheint es uns schwerzufallen, ganz im Augenblick zu sein. Diesen zu erleben, ohne ihn festhalten oder virtuell teilen zu wollen. Wenn wir das Smartphone ständig zwischen die Welt und unsere Augen halten und uns vor Augen halten, dass wir – tragen wir es bei uns – ohnehin jederzeit aus der Gegenwart gerissen werden könnten, stellen wir fest, wie selten wir uns vollkommen auf das Hier und Jetzt einlassen. Wenn wir die Gegenwart verpassen, bleiben wir unbefriedigt zurück. Es ist ein subtiles Gefühl, das nach mehr fordert, weil das Erlebte an uns vorbeirauscht und nicht in uns hineinsickert und von innen belebt. Es geht nicht um die reine Anwesenheit bei einem Sonnenuntergang. Es geht um das Erleben und Spüren. Erst die Achtsamkeit für den Augenblick stiftet Sinn und berührt viel mehr als Finger, die über ein Display streichen.

Denn wir sehnen uns nach Lebendigkeit:

Nach Momenten – nicht nach Momentaufnahmen.

Nach analogen Glücksgefühlen – nicht nach dem oberflächlichen Dopamin der digitalen Welt.

Nach Selbstbestimmung – nicht nach Ablenkung.

Nach Verbundenheit – nicht nach Verbindung.

Nach Zugehörigkeit – nicht nach Likes.

Nach Liebe – nicht nach Herzchen.

Nach Erholung – nicht nach Berieselung.

Deshalb sollten wir wieder öfter in der analogen Wirklichkeit suchen, was wir in eine Suchmaschine eingeben, und die Bedürfnisse hinter den digitalen Streifzügen analog erfüllen. Wir sollten unsere Sinne schärfen, unsere Leidenschaft leben und uns aus der digitalen Komfortzone hervorwagen – und öfter als Eindrücke auf dem Display Erlebnisse in der Realität teilen. Denn das Eintauchen ins Hier und Jetzt vertieft unser Sein und stiftet Ruhe und Sinn in unserer hektischen Welt. Um die Ästhetik und die besonderen Augenblicke im Alltäglichen zu entdecken, brauchen wir keine Filter. Wir müssen filtern – in der Reizüberflutung selektieren – und unsere Aufmerksamkeit wieder selbst lenken lernen.

Die Sinnhaftigkeit der analogen Normalität

Es sind die alltäglichen Momente, die unser Leben ausmachen, die sich jedoch zum Teil genau dann ereignen, während wir auf das Smartphone blicken und uns das Leben der anderen ansehen. Wir müssen da wieder rauskommen. Aus den merkwürdigen Automatismen und Gewohnheiten. Aus den Leben der anderen. Aus den unerfüllten Versprechungen des digitalen Dopamins und der nebensächlichen Interaktion mit der virtuellen Welt. Wir dürfen uns nicht so sehr herauslösen aus unserer Umgebung und sollten unseren Platz im analogen Leben und im großen Ganzen wieder einnehmen. Denn es gibt ein größeres und schöneres Universum als das digitale. Und deshalb benötigen wir mehr Weitblick als ständig irgendein Display als Horizont.

Das Ursprüngliche, Greifbare und Unverstellte wird in einem digital entgrenzten und entwurzelten Dasein immer bedeutungsvoller. Es geht um das neue Erlernen und Erleben der alten Langsamkeit. Um echte Verbundenheit inmitten konstanter Vernetzung. Um Bodenhaftung trotz virtueller Ausflüge. Um das Spüren und Mitfühlen, das wohlwollende Füreinander-Dasein und echte Miteinander. Es geht um analoge Tiefe anstelle digitaler Oberflächlichkeit. Um ungeteilte Aufmerksamkeit, anstatt permanenter Zerstreuung. Es geht um etwas, das länger bleibt als bis zum nächsten Swipe, und darum, in der Vielfalt der Möglichkeiten, die uns von uns wegdriften lassen, wieder bei uns selbst anzukommen.

Dafür müssen wir die digitalen Geräte nicht radikal aus unserem Leben verbannen. Im Gegenteil: Wir müssen sie richtig nutzen lernen. Die Hintergründe und Zusammenhänge verstehen und die wohltuende Ruhe des Abschaltens wiederentdecken. Es ist so einfach und scheint so schwer, weil es uns vermeintlich abkoppelt von der Verbindung zum Rest. Doch es bringt uns zurück in die Verbundenheit.

Wir verpassen nichts, wenn wir die digitale Welt zeitweise ausschalten.

Wir verpassen etwas, wenn wir nicht hier sind.

Denn Glück kommt nicht aus einem Display.

Wir erleben es in der Welt um es herum.

Es entsteht aus Präsenz.

Aus wahrer Verbundenheit mit sich selbst, anderen Menschen und dem größeren Netz, das uns umwebt.

Nach echtem Glück können wir nicht greifen.

Wir spüren es.

Und entdecken es in uns selbst.

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14 Kommentare für “Reicht uns die analoge Wirklichkeit noch aus?”

  1. Den Satz „Glück kommt nicht aus dem Display“ sollte man rahmen oder als Postkarte drucken lassen!
    Es gibt so viele schöne Momente, die wir gar nicht wahrnehmen, wenn wir uns ständig in der digitalen Welt ablenken lassen. Dabei haben wir völlig verlernt, mit unseren Gedanken alleine zu sein oder anderen wirklich zuzuhören. Beides sollte man bewusst üben.
    Ein schöner Artikel, der einen daran erinnert. Danke!

    1. Liebe Queen All,
      ich finde auch, dass wir uns gar nicht oft genug daran erinnern können, dass das wahre Leben mit allen Gefühlen in der analogen Wirklichkeit passiert. Vor allem, weil sich vieles immer weiter ins Digitale verlagert.
      Die Idee mit den Postkarten trage ich schon in meinen Gedanken : ).
      Liebe Grüße
      Johanna

  2. Es ist eigentlich fast unmöglich sich diesem Digitalem zu entziehen. Es geht ja fast nix mehr ohne. Wenn dann vollends der letzte Wochenprospekt abgeschafft wird – ok Papier Rohstoffe die andere Sache – .

    Analog wird Zug und Zug abgeschafft.

    Aber man kann es sich trotzdem bewahren. Sich selbst Grenzen setzen oder Auszeiten. Ich hab kein FB, kein Twitter, ab und an Instagram wegen ein paar wenigen Dingen. Ich hab es auch oft eine Woche deaktiviert.

    Ich sehne mich oft nach analog und hab im Wald zwar das Handy dabei aber aus oder wenn ich einen Ausflug mache. Habe nur sehr wenige Apps. Oder zu Hause liegt das Handy in der Tasche. Aber da sind auch wieder die Momente, es ist einfach es mit in die Waschküche zu nehmen und Musik während dem Bügeln zu hören oder mal eben die Kontostände anschauen, Überweisungen machen – analog kostet es ja Gebühren.

    Jeder muss seinen Weg finden. Ob mehr oder weniger digital ob mehr oder weniger analog.

    Danke für den Tollen Post.
    LG
    Rosa

    Diese Reizüberflutung ist einfach zu viel.

    1. Liebe Rosa,
      wie schön, dass du für dich einen Umgang gefunden hast, der dir guttut.
      Vermutlich stehen wir hinsichtlich der digitalen Entwicklung erst ganz am Anfang. Aber wir bleiben Menschen mit menschlichen Bedürfnissen und das Glück werden wir weiter im Analogen finden. Daher ist es so wichtig, ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen und sich selbst zu positionieren.
      Ich wünsche uns allen, dass es uns ganz individuell gelingt, die Vorteile zu nutzen.
      Liebe Grüße
      Johanna

  3. Liebe Johanna,

    der bewusste Umgang mit digitalen Geräten ist ein wirklich wichtiges Thema.

    Ich selbst bin froh, dass ich noch ohne Smartphone und Social Media aufgewachsen bin. Gerade als Teenager auf Identitätssuche vergleicht man sich ohnehin ständig mit anderen. Doch damals waren es fiktive Helden oder Superstars, die wir bewunderten. Sie waren unerreichbare Vorbilder, das war uns allen klar, denn sie lebten in ihrer eigenen Welt.

    Heute wird uns dagegen vorgegaukelt, dass jeder ein Social-Media-Star sein könnte, weil jeder Zugang zur digitalen Welt hat. Wie frustrierend muss es dann für junge Menschen auf der Suche nach Anerkennung sein, diesen Vorbildern nachzueifern, es aber nicht zu schaffen, eine digitale Berühmtheit aufzubauen. Da sind furchtbare Komplexe doch vorprogrammiert, die eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung langfristig behindern.

    Jugendliche wie Erwachsene verlieren sich im Bann der digitalen Traumwelten und wissen am Ende gar nicht mehr, wer sie selbst eigentlich sind. Sie übernehmen die Träume anderer und machen sie zu ihren eigenen.

    Danke, dass du dazu ermutigst, öfters mal bewusst abzuschalten, im wahrsten Sinne des Wortes. :-)

    Viele Grüße

    Annabel

    1. Liebe Annabel,
      vielen Dank für deine Gedanken. Tatsächlich hat – neben dem permanenten Vergleich mit anderen – der Vergleich mit dem gefilterten Selbst starke Auswirkungen auf das Selbstbild und Selbstbewusstsein. Es sind große Herausforderungen, die wir aber meistern können, wenn wir alle gut auf uns und unsere Kinder achten.

      Liebe Grüße
      Johanna

  4. Liebe Johanna,

    was für wunderschöne Worte! Vielen Dank ❤️ Sie erinnern mich daran, dass wir nicht immer dort etwas finden, wo wir suchen. Und bestätigen das komische Gefühl, dass die digitale Welt nur ein dünnes Hologramm der analogen bleibt.

    Nach einer Stunde in den sozialen Medien fühle ich mich wie leergesaugt – und möchte doch wieder dorthin zurück. Es ist Zeit, das Handy mal wieder bewusst abzuschalten und dann hoffentlich achtsamer wieder einzuschalten!

    Liebe Grüße
    Rebecca

    1. Liebe Rebecca,

      vielen Dank für deine ehrlichen Worte. Ich denke – und aus meinen Gesprächen weiß ich es – dass es sehr vielen so geht. Ich glaube, wir dürfen uns immer wieder daran erinnern und dann das Smartphone bewusst beiseite legen und das Leben genießen.
      Viele Grüße
      Johanna

  5. Liebe Johanna,
    ich „schaue“ mein Leben regelmäßig „an“ und versuche mir nochmal bewusst zu machen, was die wirklich glücklichen, tollen, besonderen, intensiven Momente/Erlebnisse für mich waren. Wenn ich das tue, dann merke ich, dass diese immer im analogen Leben stattfinden – Begegnungen mit Freund*innen, in der Natur, beim Wandern, beim Singen, bei kulturellen Ereignissen wie Theater, Konzert, Kino, etwas Feines kochen und essen…
    So nutze ich die digitalen Möglichkeiten vor allem, um mir diese „analogen“ Highlights meines Lebens zu planen, zu organisieren und lebe mein eigentliches Leben als analoger Mensch weiterhin in der analogen Welt…damit bin ich rundum zufrieden.

    Liebe Grüße Robert

    1. Lieber Robert,
      das liest sich nach einer sehr achtsamen und vorteilhaften Nutzung. Wenn uns das so gelingt, bringen die digitalen Medien eine echte Erleichterung auf vielen Ebenen.
      Weiterhin viel Freude beim Sammeln der analogen Glücksmomente.
      Herzliche Grüße
      Johanna

  6. Danke, liebe Johanna,

    für diese wundervollen Worte, die genau berühren, wo nach sich meine Seele sehnt: nach tiefem Leben, in Resonanz mit mir, den Menschen in meinem Leben, der Natur und unserer Welt.

    Ein Zitat, das ich gerne teilen möchte:

    “The real problem of humanity is the following: We have Paleolithic emotions, medieval institutions and godlike technology. And it is terrifically dangerous, and it is now approaching a point of crisis overall.”
    ― Edward O. Wilson

    Ich empfinde auf die Aufmerksamkeits-Ökonomie und deren Antreiber manchmal die Wut einer Bären-Mama, die ihr Bären-Baby schützen will. Die dürfen einfach mal echte Verantwortung übernehmen. Meine Energie bekommen Sie jedenfalls nicht ;-) Achtsamkeit ist dafür ein Segen – gepaart mit klarer Entscheidungskraft und Mitgefühl mit einem selbst sind eine unglaublich starke Energie.

    Für mich heißt’s Back to the roots, nicht als Regression, sondern Entwicklung. Mit mehr Herz, Hirn, Präsenz, mit tiefer Verbundenheit & digitaler Autonomie – echter Zugehörigkeit zum Leben. Danke für dein Schaffen, welch eine Freude, den Geist hinter deinem Schreiben zu fühlen.

    Gutes Neues Jahr euch allen und herzliche Grüße aus München
    Andi

    1. Lieber Andi,

      wie schön, auf diesem Weg von dir zu lesen und dass deine Zeilen in Resonanz mit dir gehen.
      Vielen Dank auch für deine Worte. Ich freue mich immer, wenn ich den Geist Gleichgesinnter spüre und bemerke, wie viele Menschen sich nach Tiefe, Lebendigkeit und Einfachheit sehnen.

      Liebe Grüße in den Süden und ein gesundes Jahr 2024 mit vielen erfüllten Momenten im analogen Leben
      Johanna

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