
„Schenke mit Geist ohne List! / Sei eingedenk, / dass dein Geschenk / du selber bist!“
Joachim Ringelnatz, deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler, 1883 – 1934
Kennenlern-, Valentins- und Hochzeitstag, Geburtstage und Jubiläen, Geburten und Taufen, Mutter- und Vatertag, Einzugsfeiern, Grillpartys und Firmenfeste, Ostern, Nikolaus, Weihnachten und Silvester – unser Leben gleicht einem Karussell aus Anlässen, das selten zur Ruhe kommt. Und Geschenke drehen wie selbstverständlich mit.
Was früher eine gelegentliche Geste war, erzeugt heute oft Konsumdruck, sowohl bei Schenkenden als auch bei Beschenkten. Am Ende liegen Dinge herum, die niemand wirklich (ge)braucht. Viele von uns wünschen sich eher das Gegenteil: weniger besitzen, Zeit gewinnen und minimalistischer leben – ganz ohne Konsumpf.
Dabei ist Schenken eigentlich etwas Schönes. Es verbindet uns, zeigt Zuneigung und Aufmerksamkeit. Gerade deshalb lohnt es sich hinzuschauen, wann, warum und was wir wem schenken – und ob das tatsächlich Freude schafft oder nur Gewohnheit erfüllt.
Im Folgenden stelle ich sechsIdeen vor, wie Du schenken und beschenkt werden kannst, ohne Dich innerlich zu verbiegen.
#1 Nichts schenken
Manchmal ist bewusster Verzicht die größte Entlastung – für beide Seiten. Kein Einkaufsstress, kein Kram, der später nur im Weg steht. Ein Nein zum Schenken erfordert etwas Mut, schafft aber Raum für echte Präsenz im Miteinander. Wenn es Worte braucht, sprich offen darüber.
#2 Absprachen treffen
Minimalistisch schenken beginnt oft lange vor dem Geschenk – nämlich im offenen Gespräch. Nicht selten gibt es Erwartungen, die bisher niemand benannt hat. Nimm Deine eigenen Bedürfnisse wahr und klärt miteinander, ob überhaupt etwas geschenkt werden soll und in welcher Form. Das nimmt Druck heraus und verhindert Missverständnisse. Sehr hilfreich sind klare Absprachen: nur zu bestimmten Anlässen schenken, ein Preislimit festlegen oder vereinbaren, dass ausschließlich die Kinder etwas bekommen.
#3 Gemeinsame Zeit verschenken
Zur minimalistischen Lebensweise gehört, Zeit bewusst mit den Menschen zu verbringen, die Dir wichtig sind. Verschenke daher eine gemeinsame Aktivität – zum Beispiel einen Spaziergang mit Picknick, einen Besuch im Thermalbad, einen Kinoabend, Hilfe beim Ausmisten oder im Garten. Solche Momente zeigen echtes Interesse und schaffen Nähe. Genau das kommt im Alltag oft zu kurz.
#4 Etwas aus Deinem Fundus verschenken
Statt Neues zu kaufen, kannst Du ein gut erhaltenes Stück weitergeben – vielleicht ein Buch, das Dich begeistert hat, oder etwas aus Deiner Mathom-Box. Darin sammelst Du Gegenstände, die Du nicht mehr brauchst, die aber zu schade zum Wegwerfen oder Spenden sind. Solche Geschenke sind nachhaltig und passen wunderbar zum minimalistischen Gedanken. Und sie können persönlicher als Neuware sein, weil sie eine Geschichte mitbringen. Erkläre kurz, dass es nicht um „Resteverwertung“ geht, sondern um wertschätzendes Weitergeben. So bleibt ein Gegenstand im Umlauf und macht ein zweites Mal Freude.
#5 Selbstgemachtes verschenken
Handgemachte Kleinigkeiten haben eine persönliche Note – ob Pesto, vegane Snickers, ein Fotokalender, ein Gedicht oder ein Peeling. Du setzt vor allem auf das, was Du ohnehin zur Verfügung hast, und umgehst damit den Konsumpf. So entstehen Geschenke, die von Aufmerksamkeit und Kreativität erzählen. Sie dürfen unperfekt sein und bleiben dennoch oft länger in Erinnerung als gekaufte Produkte.
#6 Geld für einen guten Zweck sammeln
Wenn Du Gäste empfängst, kannst Du sie bitten, auf Geschenke zu verzichten und stattdessen einen Betrag in einen Spendentopf zu geben. Das geht auch anonym. Die gesammelte Summe spendest Du anschließend an ein gemeinnütziges Projekt. Lege vorher fest, wer unterstützt wird, oder entscheidet gemeinsam. So entsteht Verbundenheit nicht über Dinge, sondern weil etwas Gutes ins Rollen kommt.
Ich wünsche Dir, dass sich Dein Karussell aus Anlässen und Geschenken künftig langsamer dreht – und vielleicht sogar einmal stillsteht.
PS: Mehr zum Thema findest Du im Kapitel „Wie feiern und schenken Minimalisten?“ in meinem Ratgeber „Das Minimalismus-Projekt“ (6. Auflage, erschienen bei Gräfe und Unzer).

Hallo Christoph
Ich habe deine Seite gestern entdeckt und bin begeistert! Du schreibst über Themen, die mich interessieren, abgesehen vom Wandern, das ich altersmäßig nicht mehr machen kann.
Zum Thema: Das Schenken und beschenkt werden belastet mich mehr als es mich erfreut. Eine passende Lösung habe ich noch nicht gefunden. Ich werde es mit deinem Rat versuchen mit der Familie und den Freunden darüber zu sprechen. Vielleicht sind sie offen das Schenken ein wenig zu reduzieren.
LG
Margaret aus München
Hallo Margaret,
willkommen auf meinem Blog und viel Freude beim Stöbern!
Vielleicht geht es Deinen Liebsten ähnlich und sie freuen sich über Deinen Impuls, das Schenken ein wenig zurückzufahren.
EBG
ChristoF
Lieber Christof,
dieses Jahr habe ich es endlich geschafft, dass alle mitziehen beim „Wir-schenken-uns nix!“! Meine Schwestern und ich feiern immer noch jedes Jahr einen Tag zusammen und bis jetzt war es nicht möglich, das Schenken sein zu lassen. Dieses Jahr haben wir uns darauf einigen können. Die Kinder sind schon groß und – wie eine meiner Schwestern immer sagt: „Die tollsten Geschenke sitzen am Tisch!“ Wir wohnen nicht in unmittelbarer Nähe und so sehen wir uns nicht so oft. Und es ist doch Geschenk genug, wenn jede von uns dreien für Vorspeise, Hauptgang und Dessert verantwortlich ist und das zubereitet für alle anderen. Es wird ein rauschendes Fest – ohne anschließende Stehrümchen :-)
Herzlichen Dank für Deine Anregungen – immer wieder…
Andrea
Liebe Andrea,
wie schön, dass Ihr es dieses Jahr gemeinsam geschafft habt. Euer Fest klingt nach echtem Zeit- und Herzenswohlstand.
Den Spruch „Die tollsten Geschenke sitzen am Tisch“ merke ich mir.
Herzlichen Dank für Deine Kommentare – immer wieder …
Christof
Zu: Wir schenken uns nichts.
Ich liebe es, mir Gedanken zu meinen Mitmenschen zu machen und schenke sehr gerne sehr individuelle Dinge (gerne auch gemeinsame Aktivitäten, selbstgemachte Dinge oder Dinge, von denen ich weiß, dass der Gegenüber sich wirklich darüber freut, weil es an einen gemeinsamen Moment erinnert oder er es sich wirklich wünscht). Dafür höre ich das ganze Jahr gut zu und habe meine Geschenke oft lange vor Weihnachten zusammen.
Mein Mann kommt dann eigentlich immer freudestrahlend kurz vor Weihnachten an mit dem Satz: „Ich habe mit der Familie gesprochen: Wir schenken uns dieses Jahr nichts!“
Ich könnte jedes Mal in Tränen ausbrechen, weil ich das nicht mag. Ich freue mich genauso wie meine Freunde über Geschenke, die zeigen, es hat sich jemand über mich Gedanken gemacht. Aber so bekomme ich aus lauter Verlegenheit manchmal ein Duschgel, das ich nicht nutze oder eben wie ungefragt vereinbart nichts.
Dieses Jahr wird es wieder so sein und es macht mich jetzt schon traurig.
Manche Menschen freuen sich über Geschenke. Und auch, wenn du schreibst: man soll das absprechen: Soll man dann sagen: „Doch! Ich will aber, dass ihr mich beschenkt!“? Wie wirkt das denn? Sicher trauen sich viele dann nicht, etwas zu sagen. Es ist nicht jeder Minimalist. Es hat auch mit Wertschätzen und Gesehenwerden zu tun.
Nur so als Gedankenanstoß
Sabine
Danke Dir für Deinen Kommentar – der ergänzt meinen Text sehr schön.
Was Du beschreibst – dieses Wertschätzen und Gesehenwerden durch ein durchdachtes, persönliches Geschenk – schätze ich selbst sehr. Ich schenke auch selbst und lasse mich gerne beschenken.
Mir geht es in dem Artikel also nicht um ein striktes Plädoyer gegen das Schenken. Im Gegenteil: Deine Beispiele (Zuhören übers Jahr, Selbstgemachtes, gemeinsame Zeit) sind für mich fast schon die Essenz von bewusstem Schenken.
Kritisch sehe ich aber die automatisierte Schenkerei: die unausgesprochene Verpflichtung, immer etwas mitbringen zu müssen, und die vielen Verlegenheitsgeschenke, die am Ende niemand wirklich nutzt oder braucht.
Viele Grüße
Christof
Liebe Sabine,
deine Worte haben mich sehr berührt und deine Traurigkeit war so deutlich spürbar. Das bewegt mich auch dazu, dir dazu etwas zu schreiben – denn ich glaube, in deinem Fall geht es genau darum, dass du mit den entsprechenden Menschen sprichst. Vielelicht auch übers Jahr in Einzelgesprächen oder kleineren Runden? Wahrscheinlich wird es dann einige geben, die es sehen wie du und mit denen du in Freude Geschenke austauschen kannst. Die, die nichts schenken wollen, sind dann auch frei in ihrer Entscheidung. Es müssan ja nicht immer alle gleichziehen. Eine freundliche, wohlwollende Kommunikation ist auch ein wichtiges Geschenk.
Mit einer herzlichen Umarmung (wenn du sie möchtest) Amrita
Ich kann Dich sehr gut verstehen, denn mir geht es mit selbstgemachten Dingen und Geschenken einfach ähnlich und freue mich dazu, hier und dort mit Aktivitäten zu verbinden, denn das Schenken ist sicherlich „menschlich“ und gehört einfach „zum Leben“ dazu, wie ich finde. :)
Jedenfalls wollte ich kurz eine kleine Anregung zu „Tombola“ hinterlassen, denn so machen wir es in der Familie seit ein paar Jahren und alle Beteiligten freue sich jedes Mal darauf, denn es ist einfach stressfrei und lustig, wenn es soweit ist.
Als Beispiel zu Weihnachten: Kleine Kinder bis etwa 12 J. bekommen Geschenke vom Weihnachtsmann (Eltern organisieren). Der Rest der Familie bzw. der anwesenden Runde, zieht schon eine Zeit vorher jeweils ein Los (Nummer). Hinter der Nummer ist ein Name hinterlegt, um für diese jeweilige Person nun dann ein Geschenk zu organisieren. Es darf und sollte eher etwas Einfaches, Lustiges, Besonderes oder gar Persönliches sein. Bei uns steht Freude und Humor an erster Stelle. :D
Beim Auflösen wird der Reihe nach ein Geschenk geöffnet und die Person erraten (mit mehreren Versuchen möglich, aber irgenwann kann man unterstützen). So ist der Moment doch sehr Besonders, und nicht die Geschenkgröße und deren Wert, weil alles ganz ohne Erwartungen war.
Alles Gute.
Lieber Christof, danke für deine Gedanken und das Plädoyer für bewusstes Schenken. Wir machen das seit Jahren und es ist sehr entlastend. Nur die Enkel oder sonstige Kinder kriegen etwas geschenkt und die 11jährige meinte auf die Frage was sie sich wünscht zu ihrem Geburtstag, „dass ihr mich besucht und wir das Wochenende zusammen verbringen“. Zwischen uns liegen über 500km und wir haben uns riesig gefreut über diesen Wunsch, den wir sehr gerne erfüllen. Ein anderes Geschenk, das richtig gut ankam und uns selbst auch große Freude machte, war das gemeinsame Einpflanzen eines Obstbaumes im Garten des Beschenkten.
Dir wünsche ich für 2026 weiter gute Gedanken und keine weitere Krankenhauserfahrung.
Herzliche Grüße Katharina
Liebe Katharina,
danke für Deine wunderbaren Beispiele für bewusstes Schenken. Zeit miteinander und gemeinsame Erinnerungen sind oft die schönsten Geschenke. Und wie weise Eure 11-Jährige schon ist – unglaublich.
Dir und Deinen Liebsten nur das Beste für 2026!
Christof
Hallo Christof,
mittlerweile (mit 60) habe ich gelernt, meine Wünsche zu kommunizieren. Meine Freunde sind dankbar dafür und halten sich daran. Ich habe mir zum 60. (im Oktober 25) einen Beitrag zu einem Schmuckstück gewünscht. Alle haben zusammengelegt und ich freue mich sehr über einen Ring, den ich trage und der mich immer an diesen wunderbaren Tag und Abend mit einer Feier mit allen Lieben erinnern wird. Ja, ist materialistisch aber für mich mit tiefer Bedeutung und Freundschaft verbunden.
Alles Gute für 2026 wünscht
Karin
Hallo Karin,
das ist doch ein weiteres Beispiel dafür, wie bewusstes Schenken aussehen kann. Du nennst es materialistisch – für mich klingt es nach einem für Dich sehr sinnvollen Geschenk, das Eure Freundschaft sichtbar macht und Dich mit Freude begleitet. Genau das macht den Unterschied.
Dir ebenfalls alles Gute für 2026!
Christof
Vielleicht kommt es überhaupt nicht darauf an was man verschenkt, sondern darauf, mit welcher Absicht geschenkt wird. An viele Geschenke sind Erwartungen geknüpft. Wir erwarten zumindest, dass der andere sich freut, das Geschenk regelmäßig nutzt… oder ganz schlimm: uns ewiglich dankbar dafür ist. Wenig schön und friedensstiftend sind auch die Geschenke, mit denen der Beschenkte manipuliert werden soll. Da werden z. B. Bücher verschenkt, damit der Bub mal was Gescheites macht in seiner Freizeit; Kochbücher oder Kurse an Mitmenschen, damit die sich nicht immer den ungesunden Fertigprapps aus dem Supermarkt reinziehen; Werkzeug und Bastelkram für Menschen mit zwei linken Händen, weil Übung ja schließlich den Meister macht… Da ist der Ärger doch schon vorprogrammiert. Oder? Dieses Schenken sollten wir uns – um des lieben Friedens willen – dann doch lieber schenken.
Gegen Schenken einfach so, absichtslos und ohne Hintergedanken ist absolut nichts einzuwenden. Da ist es dann auch egal, ob das Geschenk klein oder groß, günstig oder teuer oder sonstwas ist, das gerade nicht dem Mainstream entspricht.
Ich schenke mir am 01.01.2026 ein Kauf-Nix-Jahr. Und darauf freue ich mich so richtig. Das wird mich aber nicht daran hindern einem anderen Menschen etwas zu kaufen, wenn mir ein wirklich passendes Geschenk oder Herzenswunsch über den Weg laufen sollte oder ich weiß, dass da jemand ist, der ganz dringend etwas braucht, was er sich selbst nur schwer leisten kann.
Vielen Dank für Deinen Kommentar.
Absichtslos und ohne Erwartungsdruck zu schenken, kann viel Leichtigkeit bringen. Gleichzeitig denke ich, dass Geschenke durchaus Impulse setzen dürfen. Entscheidend ist das Wie: respektvoll, freiwillig und mit Feingefühl statt belehrend oder manipulierend. Dann sind auch Bücher oder Kurse Einladung statt Zumutung.
Viel Freude bei Deinem Kauf-Nix-Jahr!
Christof
Hallo Christof, sehr inspirierender Artikel. Es ist schwierig einen Kompromiss zu finden zwischen (noch) konsumliebenden Kindern und meinem Drang nach Minimalismus. Ich arbeite dran :-)
Alles Liebe
Stephanie
Hallo Stephanie,
ich freue mich sehr über Dein Lob.
Du hast die Herausforderung erkannt und nimmst sie an – vielleicht habt Ihr damit ja schon einen für Euch stimmigen Kompromiss gefunden. Den kann man dann Schritt für Schritt weiterentwickeln und verfeinern.
Viele liebe Grüße
Christof