Nachhaltiges Reisen: Wien und Darmstadt

Im dritten und vorletzten Teil meiner „Nachhaltiges Reisen“-Artikelserie gibt Bloggerin Doris Neubauer Tipps für eine Städtereise nach Wien und stellt die Autorin Stephanie Aurelia Runge Darmstadt vor.

Hier noch die Übersicht aller vier Artikel und acht Städte:

  1. Kempten im Allgäu und Bielefeld
  2. Lübeck und Aachen mit Eifel
  3. Wien und Darmstadt
  4. Dresden und Forchheim mit Fränkische Schweiz

Wien, Österreich – von Doris Neubauer

Wien, Wien, nur du allein – warum gerade du?! Lange war ich wegen Reisen von ihr getrennt, meiner Wahl-Heimat-Stadt, und bin dennoch oder gerade deshalb gern wieder zu ihr „nach Hause“ gegangen. Wien ist nicht nur die Hauptstadt Österreichs, sie ist mit 1,7 Millionen EinwohnerInnen (im Großraum der Stadt sind es sogar um die 2,4 Millionen) auch die bevölkerungsreichste Stadt in Österreich und vielleicht unsere einzige wirkliche Großstadt. Gelegen ist sie im Osten des Landes. Vieles bündelt sich um Wien – weshalb ein großes West-Ost-Gefälle herrscht.

Der Reiz der Stadt: Viele lieben Wien wegen seiner Geschichte, weil es eine äußerst saubere, reiche und ruhige Stadt ist. Ich persönlich mag Wien, weil sie – trotz ihrer Behäbigkeit – eine Stadt ist, in der es brodelt. Es tut sich einiges, auch wenn man vielleicht zweimal hinschauen muss, ehe man es entdeckt. Wien ist nicht aufdringlich, sondern wirkt langsam. Gerade in den letzten Jahren entstehen viele kleine, alternative, ökologische Shop- und Restaurantkonzepte sowie spannende Initiativen. Ich mag auch das Bunte und Vielfältige, weil man sowohl das alte, traditionelle als auch ein junges und alternatives Wien erleben kann. Nicht zu vergessen die vielen Parkanlagen, das Grün der umliegenden Hügel, die Erholungsgebiete der Donauinsel und des Wienerwaldes – eine Stadt mit so viel Natur ist schon etwas Besonderes.

Nachhaltiges Reisen: Wien - Foto: phil (Doris Neubauer)Über Nacht
Ich bin ja gern CouchSurfend unterwegs und schlafe bei Einheimischen, aber in Wien gibt es zwei Hotels bzw. Konzepte, die ich gern einmal testen möchte (auch wenn ich das vermutlich in „meiner“ Stadt nie tun werde).

Das Boutiquehotel Stadthalle ist eines davon. Es ist das einzige Null-Energie-Bilanz-Stadthotel weltweit. Von den 80 Zimmern befinden sich 38 im Passivhaus, die restlichen verteilen sich im Stammhaus aus der Jahrhundertwende, das komplett renoviert wurde. Im Sommer lockt mich besonders das mit Lavendel begrünte Hoteldach … Dort würde ich mich gern von Schmetterlingen und Bienen umschwirren lassen und dabei entspannen. Und all das mitten in der Stadt, im 15. Wiener Gemeindebezirk.

Spannend finde ich auch das Konzept der Urbanauts: Die Gruppe wandelt leerstehende Lofts in Apartments für Gäste um.

Anschauen
Wien ist voll von Museen, Schlössern, historischen Gebäuden – und das meiste lässt sich bei einem Spaziergang durch die Stadt erkunden. Gerade dass fast alles zu Fuß erreichbar ist, mag ich an Wien so gern. Unbedingt dabei sein muss ein Gang über den Wiener Naschmarkt, den ältesten Wiener Markt. Werft dabei einen Blick nach oben zu den Jugendstilhäusern. Nicht versäumen darf man das Museumsquartier mit dem MUMOK, dem Leopold-Museum, dem genialen Museumsquartier-Shop mit individuellen Mitbringseln und dem Innenhof, in dem sich die WienerInnen und Gäste im Sommer wie Winter tummeln.

Essen & Trinken
Wo anfangen, wenn es in Wien ums Essen und Trinken geht? Ein Muss sind natürlich die Heurigen, diese nur ab und an offen stehenden Versorgungsbetriebe, in denen man herrlichen hauseigenen Wein trinken kann. Die meisten Heurigen in Wien sind eher touristisch, doch es gibt ein paar außerhalb gelegene „Buschenschanken“, die ich empfehlen kann, etwa Zum Guten Grinzing und den Kierlinger.

Was wäre Wien ohne seine Kaffeehäuser? Zwei meiner liebsten sind völlig unterschiedlich: Im Sommer einen Besuch wert ist das Café Rüdigerhof, das in einem wunderschönen Jugendstil-Gebäude untergebracht ist und einen großen, schattigen Gastgarten hat. Es ist ein typisches Wiener Kaffeehaus, in dem es sich schon lohnt, einfach bei einem Getränk und einem Stück Kuchen die unterschiedlichsten Charaktere zu beobachten – vom Studenten bis hin zum Journalistengrüppchen, von der feinen Wiener Dame bis zum Business-Man ist alles dabei. Anders ist das phil, eine Mischung aus Buchladen und Kaffeehaus/Restaurant, in dem auch viele biologische und fair gehandelte Köstlichkeiten serviert werden. Im phil finden sich eher die BoBos sowie die Studenten, aber es gibt kaum einen besseren Ort, einen Sonntagvormittag genussvoll zu vertrödeln.

Köstliches Bio-Essen mit französischem Touch gibt es im Café der Provinz. Der Bio-Imbiss Bizzo liefert schnelles und trotzdem gesundes Essen. Das beste (Bio-)Brot Wiens gibt es beim Joseph, der auch viele vegane Variationen im Angebot hat.

Ein spannendes Konzept hat auch der Deewan, in dem pakistanischen Essen serviert wird. Bezahlt wird, was man für richtig hält – feste Preise gibt es nicht. Gerade bei StudentInnen und dem Alternativpublikum ist das Restaurant deshalb ein gern besuchter Ort.

Nightlife
Ich habe zwei Lieblingskinos in Wien: Das alt eingerichtete Filmcasino zeigt immer wieder cineastische Schmankerl und ist gleichzeitig eine Zeitreise in eine vergangene Ära. Im Top Kino kann man zusätzlich vor oder nach dem Film in der Bar abhängen oder auch ganz gut essen. Im Sommer gibt es übrigens an jeder Ecke und zu jeder Zeit ein Open-Air-Kino.

„Entertainment & Confrontation“ ist die alternative Veranstaltungslocation Arena, wo es immer wieder Konzerte, Kinovorführungen und jeden 3. Freitag im Monat das legendäre „Iceberg“-Clubbing gibt. Die Geschichte der Arena ist lang: Vor über 30 Jahren in der Nacht von 27. Juni 1976 wurde der ehemalige Schlachthof von den sogenannten „Arenauten“ besetzt, um das Gebäude vor dem Abriss zu bewahren und zu einem Zentrum für die Jugend- und Alternativ-Szene zu machen. Bis Oktober dauerte die Besetzung, die mehr als 200 000 Menschen besucht haben sollen. Das eigenständige Kulturzentrum wurde zwar nicht im Schlachthof selbst errichtet, aber in kleinerem Umfang im benachbarten Inlandsschlachthof.

Aktiv
Man kann zum Beispiel auf den Flakturm klettern und dabei Geschichte erleben, denn die Flaktürme waren Hochbunker, die während des Zweiten Weltkriegs für Flugabwehrkanonen (Flak) und deren Feuerleitanlage errichtet wurden und zusätzlich als Schutzräume genutzt werden konnten.

Wer statt hoch hinauf lieber tief hinunter möchte, kann das in Wien ebenfalls tun, denn unter der Stadt liegt das größte unterirdische Areal, das eine Metropole zu bieten hat. Unterweltführungen macht der Verein Unterwelt – mehr dazu hier auf meinem Blog.

Ins Grüne
Wer möchte nicht in den Himmel? In Wien geht das einfach: Am Himmel kann man mit dem Bus 38A von der U4 Stadtion Heiligenstadt erreichen. Der Himmel liegt am Cobenzl, wie einer der Hügel Wiens – der 492 Meter hohe Latisberg im 19. Wiener Gemeindebezirk – für uns heißt. Nach dem Ausstieg bei der Busstation muss man ein bisschen den Hügel hinaufwandern – und bei der Kreuzung von Himmelstraße mit der Höhenstraße ist der Eingang zum Areal und dem Restaurant Oktogon Am Himmel. Ich verirre mich normalerweise immer dort oben – aber irgendwann finde ich den Eingang dann doch, also keine Angst. Nach dem Restaurant Oktogon, von dem man übrigens einen wunderschönen Blick auf Wien und die Weinberge rundherum hat, ist ein keltischer Lebensbaumkreis gelagert. Dort kann man sich ausruhen, „seinen“ Baum (je nach Geburtsdatum) suchen und vielleicht sogar mehr über sich selbst herausfinden … übrigens, ich bin eine Feige.

Buchtipp
Ich kann für Wien weder einen Roman noch einen Reiseführer empfehlen, sondern schlage einen Film vor: In „Before Sunrise“ streunen Julie Delpy und Ethan Hawke verliebt durch Wien. Ein schöneres Bild der Stadt wurde kaum je in einem Film gezeichnet und danach kann man selbst die Ecken wiedererkennen, die man im Film gesehen hat.

Darmstadt, Hessen – von Stephanie Aurelia Runge, www.textbausatz.de

Die Stadt Darmstadt lebt im Spannungsfeld von Kunst und Wissenschaft. Sie ist jung und lebendig – nicht nur wegen der rund 18.000 Studenten. Um 1900 blickte die Welt wegen der Jugendstil-Künstlerkolonie nach Darmstadt. Heute weckt das Kontrollzentrum der Weltraumorganisation ESA international Aufmerksamkeit, wenn Europa mal wieder einen Satelliten ins All schießt. Außerdem hat sie den wunderbaren Odenwald direkt vor der Tür.

Nachhaltiges Reisen: Darmstadt - Foto: Mathildenhöhe (Stephanie Aurelia Runge)Über Nacht
Jugendherberge Darmstadt. Gut geeignet für jeden, der es gesellig mag. Darmstadts beliebtester Badesee, der Woog, liegt direkt daneben. Von hier aus ist es ein Katzensprung auf die Mathildenhöhe, die Rosenhöhe oder ins belebte Martinsviertel. Auch die Innenstadt ist zu Fuß flott zu erreichen. Die Jugendherberge ist bei Halb- und Vollpension auf Vegetarier, Veganer und nach Voranmeldung auch auf muslimische Wünsche eingestellt. Die 2- bis 6-Bett-Zimmer verfügen über moderne sanitäre Anlagen und sind mit Stockbetten bestückt – eben typisch Jugendherberge. Das komplette Haus hat WLAN. DZ 29,90 EUR/Person, inkl. Frühstück.

Anschauen
Darmstadt ist eine der großen Jugendstilmetropolen. Deshalb ist die Mathildenhöhe mit ihrer Künstlerkolonie ein Muss! Das Ensemble entstand zwischen 1901 und 1914. Im großen Ausstellungsgebäude werden wechselnde, namhafte Werkschauen präsentiert. Das Museum Künstlerkolonie mit seinem prunkvollen Portal bietet einen Einblick in den Darmstädter Jugendstil. Im Platanenhain am Fuße des Hochzeitsturms – er ist das Wahrzeichen der Stadt – sind regelmäßig Boule-Spieler aktiv. Am Wasserbecken vor der Russischen Kapelle, die zu Ehren der Gattin des letzten Zaren errichtet wurde, vertreiben sich bis in die Nacht hinein die Menschen ihre Zeit. Das Jugendstiljuwel verdankt die Stadt übrigens dem letzten Großherzog von Hessen-Darmstadt, Ernst-Ludwig, der ein Enkel der englischen Königin Victoria war.

Essen & Trinken
Suppkult Elisabeth. Befindet sich im Herzen der Stadt, nahe der Stadtkirche, und ist berühmt für die leckeren Suppen, die täglich frisch gekocht werden. Da ist für jeden Geschmack etwas dabei. Der kleine Laden liegt in einem Hinterhof mit französischem Flair, umgeben von kleinen, reizvollen Geschäften. Und weil die Atmosphäre so schön und das Angebot so appetitlich ist, bekommt man zur Mittagszeit oftmals keinen Platz mehr. Dann wartet man am besten die Rush Hour ab und gönnt sich hinterher in Ruhe einen Kaffee oder ein Dessert.

Nightlife
Weststadtcafé. Relaxt dem Sonnenuntergang und den vorbeifahrenden Zügen zuschauen. Die alte Wagenhalle der Bahn in der Nähe des Hauptbahnhofs hat nur zur warmen Jahreszeit (bis Ende September) geöffnet und ist am besten mit dem Auto oder Fahrrad zu erreichen. Es können mitgebrachte Steaks gegrillt werden. An Wochenenden legen oft DJs auf.

Aktiv
Hoch über dem Boden, über Seile und wippende Bretter, aber stets gut gesichert – die Parcours des Kletterparks verlangen von manchem Besucher etwas Mut, machen aber mächtig Spaß. Bei schlechtem Wetter sind die Wände der Kletterhalle eine Alternative, die allerdings deutlich mehr Sportlichkeit erfordern.

Ins Grüne
Am östlichen Stadtrand nahe der Rosenhöhe liegt der letzte Bauernhof der Stadt, das Hofgut Oberfeld. Durch das Engagement der Initiative Domäne Oberfeld e. V. ist dieses Kleinod erhalten geblieben. Hier lernen Kinder, woher Milch und Eier kommen. Es gibt ein beliebtes Hofcafé und einen Hofladen mit Saison abhängigem Angebot, das u. a. vom benachbarten Oberfeld stammt. Bewirtschaftet wird nach Demeter-Richtlinien. Die Wege rings um die Felder sind ein begehrtes Ziel von Spaziergängern. Dahinter befinden sich im Wald der Freizeitpark Oberwaldhaus am Steinbrücker Teich und jede Menge Wanderwege.

Buchtipp
Odenwald mit Bergstraße, Darmstadt, Heidelberg von Stephanie Aurelia Runge, Michael Müller Verlag, 1. Auflage, 2013, 16,90 EUR

Um keine Artikel zu verpassen, kannst Du Dich hier mit mir verbinden: Newsletter, RSS-Feed, Facebook, Twitter, Google+, Pinterest

Ich freue mich auch, wenn Du den Artikel mit Deinen Freunden teilst oder einen Kommentar hinterlässt.

{ 7 Kommentare }

  • Roland 30. April 2013

    Großes Lob für diese tolle Artikelserie!

    Insbesondere an Doris, die ja einen richtigen Fundus an Tipps zusammengestellt hat. Ich habe Wien bisher links liegen lassen, offensichtlich zu unrecht. Da scheint es abseits der ausgetrampelten Touri-Pfaden einiges zu entdecken zu geben.

    Noch mal danke Dir, Christof, und den Autoren.

    Gruß Roland

    Antworten
  • Doris 30. April 2013

    Roland, freut mich sehr, dass ich dir Wien ein bisschen schmackhaft machen konnte :) Die Stadt hat tatsächlich einiges auf dem Kasten – das merke ich auch Tag für Tag! Liebe Grüße, Doris

    Antworten
  • Christof Herrmann 1. Mai 2013

    Bin auch etwas überrascht wie trendy und vielfältig Wien (geworden) ist. Ich war vor über zehn Jahren mal dort, habe aber eher die üblichen Verdächtigen wie Hofburg, Prater und Schloss Schönbrunn angeschaut. Muss da wohl noch mal hin. Nicht umsonst heißt es ja „Wien sehen … und sterben!“ ;)

    Darmstadts Jugendstil-Sehenswürdigkeiten interessieren mich auch. Könnte ich mit dem Odenwald kombinieren, den ich noch nicht kenne und durch den ja auch ein paar Fernwanderwege führen.

    Schönen 1. Mai Euch. Ich geh jetzt wandern!

    Christof

    Antworten
  • Robert 1. Mai 2013

    Wien und Darmstadt, das ist ja eine heiße Mischung. Wann i des les wui i wieda nach Wean, war vor 20 Jahren zuletzt da… Zeit für ein update! Danke für die vielen tollen Tipps. Durch Darmstadt bin ich einmal durchgefahren und habe mir eingebildet, da gäbe es keinen Grund zum Aussteigen. Fehler! Wer weiß schon, dass es da so viel Jugendstil gibt. Weiter so, freue mich schon auf die nächste Folge der Serie….

    Antworten
  • Steff 1. Mai 2013

    Hi ihr,
    nachdem ich es jetzt endlich mal geschafft habe, alle Artikel aus der Nachhaltiges-Reisen-Serie zu lesen, bin ich echt begeistert und muss mir eingestehen, dass ich doch so manches Vorurteil so mancher Stadt gegenüber hatte. Fand Kempten sehr schön, Wien – klar, das hab ich schon oft gehört, dass es dort hinreißend sein soll :) – aber eigentlich sind alle Städte in der Serie sehr schön beschrieben und machen Lust auf mehr! Finde es nur schade, dass es nicht noch mehr Autoren aus weiteren Städten sind, die bei der Serie mitmachen…Coole Idee auf jeden Fall, Christof! Und viele Grüße an dich, Doris! ;)
    Cheers,
    Steff

    Antworten
  • Christof Herrmann 2. Mai 2013

    Vielleicht sollten wir alle zusammen nach Wien fahren und uns von Doris die Geheimtipps der Stadt zeigen lassen ;) Doris schreibt ja, dass sie bei couch surfing mitmacht ;)

    Der vierte und letzte Teil kommt dann nächste Woche. Das sollte erst mal genügen mit den Städten. Bin selbst ja eher in der Natur unterwegs, wo es mir einfacher erscheint minimalistisch und nachhaltig zu reisen und ich mich auch eher entspannen kann. In gut zwei Wochen gehts wieder los, mit dem Rucksack auf dem Rücken und von meiner Haustür aus …

    Viele Grüße aus der Fränkischen,

    Christof

    Antworten
  • Doris 2. Mai 2013

    Gute Idee, Ihr seid herzlich in Wien willkommen! Und meine Couch ist tatsächlich so ein 1 – 2 – 3 – 4-Mann/Frau-Ding, also passt Ihr sicher alle drauf :) liebe Grüße noch aus Jordanien, Doris

    Antworten

Hinterlasse einen Kommentar