Lass Dich öfter bei schönen Tätigkeiten unterbrechen (und weniger bei unangenehmen)

Lass Dich öfter bei schönen Tätigkeiten unterbrechen (aber nicht bei unangenehmen) - Foto: Amirali Mirhashemian von Unsplash

Fehler #1: Drei Wochenenden für die Steuererklärung

Ist Dir schon aufgefallen, dass wir eine Tätigkeit gerne unterbrechen, wenn sie uns unangenehm ist und keinen Spaß macht?

Statt auf der Arbeit endlich den Bericht zu verfassen, lassen wir uns zunächst von den Kollegen, dann vom Kaffeeautomaten und schließlich in den Weiten des Internets ablenken. Beim Putzen der Wohnung kommen wir nicht ohne längere Pausen am Kühlschrank, am Smartphone oder am Bücherregal vorbei. Und mit der Steuererklärung, die eigentlich an einem Nachmittag erledigt wäre, plagen wir uns drei Wochenenden ab.

Fehler #2: 5,4 Minuten für den Liebesakt

Bei schönen Tätigkeiten hingegen lassen wir uns nicht gerne unterbrechen.

Eine Tafel Schokolade ist im Nu verputzt. Der Liebesakt dauert im Durchschnitt 5,4 Minuten. Und die Weihnachtsgeschenke reißen wir noch vor dem Festmahl auf.

Wir handeln so, weil wir davon überzeugt sind, dass Unterbrechungen unser Glück stören und den Genuss schmälern.

Besser: Angenehme Tätigkeiten unterbrechen und auskosten

Es ist aber genau andersherum!

Bei unangenehmen Tätigkeiten vermindert jede Unterbrechung die Gewöhnung (in der Psychologie spricht man von Habituation) und lässt uns noch mehr leiden, wenn wir zum Unangenehmen zurückkehren. Außerdem verlieren wir Zeit, da wir uns wie beim Multitasking nach jeder Unterbrechung neu orientieren und hineindenken müssen.

Wir können also das Phänomen der Gewöhnung für uns nutzen, indem wir die unangenehme Tätigkeit nicht unterbrechen. Da sie ihren negativen Reiz verliert, je länger wir sie am Stück ausführen, erscheint sie immer weniger lästig. Ein weiterer Vorteil ist, schneller mit der unangenehmen Tätigkeit fertig zu werden.

Schönen Tätigkeiten hingegen sollten wir öfter unterbrechen. So vermeiden wir die Gewöhnung. Nach jeder Unterbrechung freuen wir uns wieder auf die Tätigkeit. Wir haben also viel länger etwas davon und können es mehr genießen.

Umsetzung: Nicht einfach, aber mit viel Übung wirds zur Gewohnheit

Probiere es selbst aus! Putze Deine Wohnung ohne Unterbrechung in zwei Stunden. Erledige die Steuererklärung an einem Nachmittag. Iss alle drei Stunden eine Rippe Schokolade (Fortgeschrittene: ein Stück Schokolade). Öffne jeden Abend nur ein Geschenk, damit Du bis ins neue Jahr etwas von Weihnachten hast.

Klingt logisch, oder? Die Umsetzung ist aber nicht so einfach. Es benötigt viel Übung und Disziplin, Dich bei unangenehmen Tätigkeiten nicht mehr und bei schönen Tätigkeiten öfter unterbrechen zu lassen. Bis Dir das zur festen Gewohnheit wird, können zwei bis drei Monate vergehen.

Nach meiner Erfahrung gibt es eine kleine Einschränkung. Wenn Dir eine Tätigkeit so unangenehm, schwierig oder umfangreich erscheint, dass Du sie immer wieder aufschiebst oder sogar zu scheitern drohst (und Du sie nicht streichen oder delegieren kannst), solltest Du sie in mehrere Abschnitte aufteilen. Nach jedem Abschnitt legst Du eine Pause ein. So wirst Du zwar länger damit beschäftigt sein, kommst aber zumindest voran. Als extra Anreiz kannst Du Dich in jeder Pause für den absolvierten Abschnitt belohnen – zum Beispiel mit einer Rippe (oder auch einem Stück) Schokolade …

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{ 12 Kommentare }

  • marion 7. Dezember 2019

    Hi Christoph
    Vielen dank für deinen Newsletter. Dieser Artikel ist mal wieder sehr interessant und auf den Punkt gebracht.
    Ich habe schon mehrere unangenehme Tätigkeiten im Kopf (ja, auch das putzen!), die ich ständig unterbreche, weil sie mir so wenig Spaß machen. Das ärgert mich dann immer weil es sich so ewig in die Länge zieht.
    Bei den angenehmen Dingen hast du mich mit der Schokolade und Süßem erwischt. Eine Tafel oder ein Riegel ist schneller verputzt als du schauen kannst. Ich nehme mir vor die nächste Tafel in sechs Etappen zu je eine Rippe über den Tag verteilt zu essen. Ich spüre jetzt schon dass das eine gute Idee ist und ich dadurch den Genuss verlängern kann.
    Viele Grüße,
    marion

    Antworten
    • Christof Herrmann 7. Dezember 2019

      Hi Marion,

      vielen Dank für Dein Lob!

      Bin mir sicher, dass Du die Schokolade in Etappen mehr genießen wirst als im Nu. Leicht wird es Dir vermutlich nicht fallen. Kannst gerne berichten, wie es Dir ergangen ist.

      Viele Grüße

      ChristoF

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  • Gerda 8. Dezember 2019

    Lieber Christoph,
    deine Arbeit gefällt mir sehr. Dieser Beitrag besonders!
    Er hat einen Bezug zur Salutogenese- was tut einem gut? Man sollte mehr Zeit damit verbringen.
    Ich bearbeite gerade meine homepage, nach einem Umzug von Hessen nach Bayern wird sie demnächst freigeschaltet.
    Könnte ich auf meiner Praxishomepage (Praxis für Naturheilweisen und Diagnostik) einen link zu deinem Blog setzen?
    Herzliche Grüße,
    Gerda

    Antworten
    • Christof Herrmann 8. Dezember 2019

      Hallo Gerda,

      auch Dir danke ich für Deinen Kommentar und das Lob.

      Ich habe mich in dem Blogartikel bewusst auf diesen einen Aspekt konzentriert. Zu verwandten Themen wie die freiwillige Verknappung oder die von Dir erwähnte Suche nach dem, was einem gut tut und was man gerne macht, schreibe ich vielleicht ein anderes mal. Ist ein weites Feld, z. B. tut einem ja nicht alles gut, für das man eine Leidenschaft hat.

      Freue mich natürlich, wenn Du meinen Blog auf Deiner Homepage verlinkst.

      Gutes Eingewöhnen in Bayern und einfach bewusste Grüße

      ChristoFF

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  • Ralf 8. Dezember 2019

    Hallo Christof,
    bezüglich deiner Aussage:
    „Wenn Dir eine Tätigkeit so unangenehm, schwierig oder umfangreich erscheint, dass Du sie immer wieder aufschiebst oder sogar zu scheitern drohst, solltest Du sie in mehrere Abschnitte aufteilen.“
    vertrete ich die „radikalere“ Variante:
    Wenn Dir eine Tätigkeit so unangenehm, schwierig oder umfangreich erscheint, dass Du sie immer wieder aufschiebst oder sogar zu scheitern drohst, solltest Du sie VERWERFEN.

    Diese „Sache“ entspricht dir dann doch ganz offensichtlich nicht – und all die Argumente, die das Wörtchen „müssen“ in jeglicher Form enthalten (um schon mal die Gegenargumente (i.e.: Ausflüchte) vorweg zu nehmen)… zu mindest sollte man darüber mal intensiv nachdenken… meine ich.
    Ansonsten: Wie immer inspirierend, der „Dialog“ mit dir – vielen Dank :)
    Liebe Grüße, Ralf

    Antworten
    • Ralf 8. Dezember 2019

      PS:
      Wir sind quasi „Leidensgenossen“: Naja… RalF ;)

      Antworten
    • Christof Herrmann 8. Dezember 2019

      Hallo Ralf,

      da gebe ich Dir absolut recht. Es entspricht meinem Verständnis von Minimalismus, Unangenehmes kurz zu hinterfragen, ehe man sich damit ewig abquält. Ich habe sogar einen Artikel zu dem Thema auf meiner To-Write-Liste (Arbeitstitel „Wenn etwas partout nicht klappen will, dann hör damit auf“). Im obigen Artikel habe ich mich auf Tätigkeiten bezogen, die man machen muss (z. B. die Steuererklärung). Habe nun noch ein „und Du sie nicht streichen oder delegieren kannst“ in Klammern hinzugefügt, damit es verständlicher ist.

      Viele Grüße

      Christof

      Antworten
      • Ralf 10. Dezember 2019

        Hi Christof
        „Wenn etwas partout nicht klappen will, dann hör damit auf“
        Bin bereits gespannt :)
        Übrigens – das mit dem: „Müssen“:
        Steuererklärung muss man nicht machen – also, wenn man keine Freibeträge eingetragen hat, Immobilienbesitz oder sonst „was besonderes“ – man verzichtet dann halt auf eine (eventuelle) Rückerstattung – z.B. wegen Pendelpauschale etc.
        Ich mache schon länger keine Steuererklärung mehr – und rechne immer dagegen, was ich stündlich verdienen würde, wenn ich arbeiten ginge (und das kann ich ja – im Gegensatz zu meinen Fähigkeiten in diesem Steuerdschungel…)
        Also – für mich ist die „gefühlte Bilanz“ besser, wenn ich es einfach sein lasse.
        Das mit dem: „Müssen“ – da fällt mir gerade dazu ein: „Sie haben mich dazu gezwungen – und zwar mit Geld“ ;)
        Eines ist natürlich klar – ich möchte niemandem zu nahe treten, der *wirklich* muss – wegen Geld; Respekt.
        Aber ich denke, viele Leute reden sich viel „Müssen“ ein – in Wirklichkeit wollen sie nur nicht auf die Sahnehäubchen verzichten…
        LG, Ralf

        Antworten
  • Elke 8. Dezember 2019

    Hallo Christof,

    du hast wieder einen schönen Artikel zu einem Thema geschrieben, das viele betrifft.
    Die ungeliebten Arbeiten oder Projekte, die man vor sich herschiebt und die wie ein Damoklesschwert über dem Kopf baumeln :)

    Von ganz gehassten Aufgaben könnte man sich freikaufen:
    Die Steuer von Steuerberater machen lassen und
    fürs Putzen eine Reinigungskraft bezahlen.
    Wobei man die Unterlagen zur Steuererklärung aufbereiten und zum Steuerberater bringen muss (dann könnte den Rest auch selbst machen) und bevor die Putzfee kommt, muss man aufräumen und zwar so gut, dass sie putzen kann.
    Also, wie ich es auch drehe und wende… es wird weiterhin ungeliebte Aufgaben geben.

    Ich wünsche dir und deinen Followern eine schöne Adventszeit mit viel Zeit für die schönen Dinge.

    Viele Grüße
    Elke

    Antworten
    • Christof Herrmann 9. Dezember 2019

      Hallo Elke,

      freue mich über Deinen Kommentar.

      Das eine oder andere kann und sollte man sicher delegieren oder durch einen Dienstleister erledigen lassen. Ob sich das bei einem Steuerberater oder der Putzfrau lohnt, muss jeder selbst wissen. Jeder Euro, den man ausgibt, muss man ja auch selbst verdienen (eigentlich fast doppelt, wenn man die ganzen Abgaben mitrechnet).

      Viele Grüße

      Christof

      Antworten
  • Sandra 10. Dezember 2019

    alles top, aber Weihnachtsgeschenke macht man an Heiligabend auf, denn da feiert man Jesus Geburtstag, nicht den eigenen. Auch bedankt man sich bei den Weihnachtstelefonaten doch für die Überraschungen. Stelle man sich mal vor, mann würde sagen: Danke, aber ich mache es erst übermorgen auf um mich zu disziplinieren..LOL

    Antworten
    • Christof Herrmann 10. Dezember 2019

      Klar, wenn man denkt, dass Jesus oder sonst jemand böse wird oder sich gekränkt fühlt, sollte man alle Geschenke sofort aufreißen ;-) Meine Eltern machen das mit dem „ein Geschenk pro Abend bis Dreikönigstag“ nun schon seit 51 Jahren Ehe – und nie kamen Beschwerden :-)

      Antworten

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