Fernwandern scheibchenweise – für Neulinge und bei Zeitmangel

5. September 2021 - von Christof Herrmann - 24 Kommentare
Fernwandern im Frankenwald (Foto: Viktor Garder, 2021)

„Die Landschaft erobert man mit den Schuhsohlen, nicht mit den Autoreifen.“ (Georges Duhamel, französischer Schriftsteller, 1884 – 1966)

Würdest Du gerne Fernwandern, also eine große Strecke über mehrere Tage oder Wochen zurücklegen? Fällt Dir aber als Neuling der Einstieg schwer? Oder fehlt Dir aufgrund von Job, Familie und anderen Verpflichtungen die nötige Zeit?

Dann habe ich gute Nachrichten für Dich. Ich stelle heute zwei Methoden vor, wie Du trotz Deiner Bedenken in den Genuss einer Fernwanderung kommst.

#1 Fernwandern scheibchenweise mit etwa gleich langen Abschnitten

Bei der ersten Methode unterteilst Du die Route in mehrere Abschnitte, die grob die gleiche Dauer haben. Dann gehst Du die Abschnitte in mehreren verlängerten Wochenenden oder Urlauben.

Der Start und das Ende der Abschnitte sollten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein, da Du immer dort weiterwanderst, wo Du das letzte Mal aufgehört hast.

Diese Methode ist für Fernwanderwege in Deutschland wie auch im Ausland geeignet.

Einige der Leser(innen) meiner Wanderführer „Fränkischer Gebirgsweg“ und „Alpenüberquerung Salzburg – Triest“ haben mir geschrieben, dass sie die drei bzw. vier Wochen lange Tour nicht am Stück absolvieren können oder wollen. Sie nehmen sich bis zu vier Urlaube Zeit, meist verteilt auf mehrere Jahre.

#2 Fernwandern scheibchenweise mit ansteigend langen Abschnitten

Bei der zweiten Methode beginnt Du mit kurzen Abschnitten, etwa Tages- oder Wochenendtouren. Dann steigerst Du nach und nach die Dauer der Abschnitte.

Die Methode setzt voraus, dass der Start der Fernwanderung nicht zu weit von Deinem Wohnort entfernt ist, und eignet sich auch sehr gut für Neulinge. Auf den ersten Abschnitten bewegst Du Dich auf bekanntem Terrain und reicht Dir ein kleiner Tagesrucksack. So gewöhnst Du Dich langsam an die Anforderungen einer Fernwanderung und kannst in Ruhe Deine Ausrüstung testen. Du wirst die Länge der Abschnitte automatisch erhöhen, je weiter Anfahrt und Rückfahrt ausfallen.

Ich gehe seit letztem Jahr mit einem Freund nach Triest. Da er als Familienvater noch stark eingespannt ist, sind wir vor der Haustüre in Nürnberg gestartet. Nach mehreren Feierabend- und Tagestouren haben wir kürzlich fränkischen Boden verlassen und die Oberpfalz erreicht. In den nächsten beiden Jahren wollen wir uns auf Wochenendtouren durch Bayern bis nach Salzburg durchschlagen. Wir planen, die Alpen ab 2024 in Abschnitten von drei bis fünf Tagen zu überqueren, damit wir das Mittelmeer und Triest sehen, bevor wir alte Männer sind.

En anderer Freund aus Nürnberg ist seit 2015 auf dem Jakobsweg unterwegs. Dario ist ebenfalls von der Haustüre aus gestartet und hat die Abschnitte von Tagestouren langsam zu mehrwöchigen Urlauben gesteigert. Noch in diesem Jahr möchte er die letzten drei Wochen bis nach Santiago de Compostella gehen.

Trau Dich!

Für mich ist das Fernwandern die beste Möglichkeit, Land und Leute kennenzulernen, zu entschleunigen sowie schlank und fit zu bleiben.

Welcher Fernwanderweg reizt Dich? Von wo bis wo möchtest Du (scheibchenweise) gehen?

Durch die beiden beschriebenen Methoden ist der Einstieg denkbar einfach. Du musst Dich nur trauen, den ersten Schritt zu machen. Dann den zweiten. Danach den dritten. Den vierten …

Das Mittelmeer ist das Ziel der Alpenüberquerung Salzburg - Triest. (Foto: Christof Herrmann, 2019)

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24 Kommentare für “Fernwandern scheibchenweise – für Neulinge und bei Zeitmangel”

  1. Tatsächlich mache ich dieses Jahr Ähnliches mit dem Ostseeküstenradweg: coronabedingt durfte ich als Schleswig-Holsteinerin lange nicht nach Meck-Pomm und bin dann mal allein, mal mit meinem Mann oder auch mit meinen Kindern Teile in SH gefahren. Noch fehlt ein wenig, aber die Abschnitte auf meiner Karte werden weniger. Ich finde diese Herangehensweise gut, denn so entdecke ich auch besonders schöne Abschnitte, die ich mit jemand anderem später noch mal fahren kann. Gerade bei meinen Jungs ist die Wegbeschaffenheit durchaus nicht komplett egal: sie sind 6 und 9. Und ich fahre gerne abseits der offiziellen Route so dicht am Meer wie möglich. Manchmal ist der Weg dann ein Wanderpfad von maximal 30 Zentimeter breite nahe der Abbruchkante einer kleinen Steilküste – also besser allein zu fahren.

    1. Interessant, aber naheliegend, dass das auch mit dem Rad klappt.

      Wollt Ihr den kompletten Ostseeküsten-Radweg fahren, also auch im Ausland?

      Freunde von mir sind mal die komplette North Sea Cycle Route pedaliert.

      Gutes Gelingen!

      Christof

  2. Hallo ChristoF ;-)

    Du hast mich in den letzten Jahren stark beeinflusst (unzählige Gegenstände aussortiert, mindestens sechs Tage die Woche vegan, Job auf 80 % reduziert) und dafür bin ich dir sehr dankbar!

    Gewandert bin ich immer schon gerne, bisher aber nur Tagestouren. Ans Fernwandern habe ich mich noch nicht herangetraut. Auf deine Idee zuhause zu starten und die Abschnitte langsam zu steigern, wäre ich selbst nicht gekommen. Ich würde gerne von meinem Wohnort Heidelberg nach Freiburg gehen, wo ich aufgewachsen bin. Hast Du einen Tipp wie ich eine passende Route finde?

    Viele Grüße, Rob

    1. Hallo Rob(ert),

      freut mich, dass Du paar Dinge in Deinem Leben verändert hast – und es offensichtlich nicht bereust.

      Von Heidelberg nach Freiburg (im Breisgau, oder!?) findet sich sicher eine schöne Route. Zur Planung kann ich Dir die oben genannten Seiten Waymarkedtrails und Wanderbares Deutschland empfehlen. Außerdem gibt es auf Wikipedia eine Liste mit Fernwanderwegen in Deutschland. Der Europäischer Fernwanderweg E1 führt vom Heidelberger Stadtgebiet bis in die Freiburger Region. Ab Pforzheim verläuft er auf der selben Route wie der Westweg des Schwarzwaldvereins. Mindestens ab da müsste es landschaftlich reizvoll sein.

      Viel Spaß beim Planen und einfach bewusste Grüße

      Christof

      1. Vielen viele Dank für die schnelle Antwort.

        Genau, ich stamme aus Freiburg im Breisgau.

        Dann müsste ich nur den E1 bzw. Westweg nach Süden folgen…

        Rob

  3. Lieber Christof,
    so eine Fernwanderung würde ich auch gerne mal machen – aber nach einer Etappe Eifelsteig bin ich schon so im Eimer, dass ich mir gar nicht vorstellen möchte, am nächsten Tag die Wanderschuhe wieder anzuziehen. Oder ich müsste die Etappen um einige Kilometer kürzer planen – bei Dir bin ich immer sprachlos, wie weit Du an einem Tag läufst! Beim Radwandern mache ich es tatsächlich so und plane die Etappen kürzer, als sie in den einschlägigen Foren/Führern angegeben werden. Ich bin halt nicht mehr die Jüngste und auch nicht gut trainiert… Aber Spaß macht das Wandern allemale!
    Herzlichst, Andrea

    1. Die Fitness kommt beim Gehen, sprich einfach bewusst öfter wandern ;-)

      Und klar, die Etappenlänge sollten individuell angepasst werden.

      Das Tolle am Wandern über mehrere Tage am Stück ist ja auch, dass man am Ziel nicht noch heimfahren muss, bzw. am nächsten Morgen nicht wieder anreisen muss. Man kann also ab der Ankunft regenerieren. Am nächsten Morgen ist man dann meist wie frisch genug, für neue Taten per pedes. Probier es aus, trau Dich!

      Viele liebe Grüße

      Christof

      1. Vielen lieben Dank für Deine aufmunternde Antwort… Dann werde ich das wohl mal an“gehen“ – im wahrsten Sinne des Wortes:-)
        Herzlichst, Andrea

        1. Liebe Andrea,
          ich bin nach mancher Wanderetappe abends auch ziemlich groggy. Aber am nächsten Morgen ist man erstaunlicherweise wieder ziemlich fit. Der Körper verkraftet mehr, als man glaubt. Einfach mal ausprobieren mit 2, 3, 4 Tagen und mal schauen.
          Liebe Grüße von Andrea

  4. Hallo Christof,

    die vorgestellten Methoden eigenen sich sehr gut, wenn man nicht viel Zeit hat und nicht lange warten will, um mit dem geplanten Wanderprojekt anzufangen. Ich habe meine zweite, längere Pilgerreise angefangen, als ich aus Santiago de Compostela nach Hause zurückgekehrt bin. Gleich am nächsten Wochenende habe ich die erste Tagesetappe vor meiner Haustür in Nürnberg begonnen. Danke dir für die Erwähnung im Beitrag und einen schönen Abend noch.

    Liebe Grüße, Dario :-)

  5. Lieber Christo,
    schön, dass du die Scheibchenmethode vorstellst. Ich habe es dies Jahr wegen Corona selbst auf der Via Romea praktiziert:
    Von Stade nach Wernigerode mit dem Rad,
    2. Etappe zu Fuß von Wernigerode nach Gotha, die 3. Etappe bis Schweinfurt und dann 3 Wochen Urlaub von Würzburg nach Brixen.
    Nächstes Jahr möchte ich gerne Rom erreichen.
    Ich kann auch nur jedem raten, es zu probieren und einfach mal loszuwandern. Es ist wunderbar, was man alles erlebt.
    Liebe Grüße von Andrea aus Hannover

  6. Hallo Christof,
    wir sind gestern von einer 6-tägigen Tour durch den Schwarzwald wieder gekommen. Wir sind zu dritt mit Hund auf dem Westweg von Lörrach nach Hinterzarten gelaufen und haben noch einen Tag „drangehängt“ für die Ravennaschlucht (gibt es dort tatsächlich :-)) und den Posthornhalde-Felsen (herrliche Fernsicht).
    Da wir den Eindruck hatten, dass alle anderen Fernwander*innen die „richtige“ Route nämlich von Nord nach Süd gewandert sind, waren wir in „unserer“ Richtung fast alleine unterwegs.
    Ich möchte mich bei dir ganz ganz herzlich bedanken für die Packliste, die du anlässlich deiner Jakobsweg-Wanderung ins Netz gestellt hast. Sie war für mich unglaublich hilfreich beim Packen, sonst hätte ich mal wieder den Fehler des Zuviel- und Zuschweren gehabt. So habe ich „nur“ gemerkt, dass mein langjähriger Rucksack viel zu schwer und vor allem wirklich nicht gut ist und da er jetzt nach der Wanderung an allen Ecken reißt, gönne ich mir einen neuen :-), zumal der alte auch trotz Regenüberzug absolut nicht regentauglich ist (vermutlich einfach auch zu alt).
    Aber die Tour war super, es gab wirklich gute Hütten und auch gute Gasthöfe zum Übernachten und in der Todtnauer Hütte am Feldberg haben die Betreiber es für uns noch möglich gemacht, dass wir im Trockenen (es regnete wirklich sehr) mit Hund hervorragend übernachten konnten und das Essen ist dort auch zu empfehlen.
    Wir nehmen unsere Etappe zum Anlass beim nächsten Mal in die West-Ost-Richtung im Schwarzwald zu laufen und dann traue ich mich bzw. wir uns auch die Alpen-Etappe zu. Dazu werde ich dein Buch vorher noch „studieren“.
    Herzliche Grüße und vielen Dank für die Super-Anregungen
    Katharina

  7. Hallo Christof,

    gegen die Idee, eine Fernwanderung in Scheibchen zu absolvieren, habe ich mich lange gesträubt. „Wenn schon, denn schon“, war meine Einstellung. Einmal zu Fuß komplett durch Deutschland wandern, das hätte was … Bei einem berufstätigen Familienvater ist da sofort die Entschuldigung des Keine-Zeit-habens parat. Die Tochter braucht dich und die will „richtig“ in den Urlaub und nicht „nur“ wandern. Also warten, bis das Kind aus dem Haus ist? Das wollte ich nicht. Um Zeit zu sparen, habe ich mich bei einem Extremlauf angemeldet. Einmal von Sylt bis auf die Zugspitze, 1300 Kilometer durch Deutschland, in 19 Tagen. Das ist ein überschaubarer Zeitraum, dachte ich, wenn es auch unvorstellbar viele Tageskilometer bedeutete. Ergebnis in Kurz: Mein Fuß war nach fünf Tagen überlastet und ich bei knappen 300 Kilometern gescheitert. Aber ebenso etwas gescheiter. Denn jetzt wandere ich, wie von dir empfohlen: scheibchenweise. Und es summiert sich: Allein in diesem Jahr bin ich von daheim bei Stuttgart über Frankfurt bis nach Bremerhaven gekommen. Fast 770 Kilometer. Und ich behaupte, dass viele der Erfahrungen, von denen in Fernwanderberichten geschwärmt wird, auch in kurzen Wanderauszeiten von nur wenigen Tagen erlebbar sind. Ein paar „Trail-Magic“-Momente wurden mir zuteil und ich bin glücklich und dankbar, dass meine Familie mir diese Wandertage gönnt. Im nächsten Jahr werde ich gen Süden aufbrechen und die Tour durch Deutschland komplettieren.

    1. Hallo Meik,

      interessanter Kommentar, der zur Motivation des einen oder der andere beitragen könnte, sich ebenfalls scheibchenweise auf einen weiten Weg zu machen.

      1300 km in 19 Tagen, das sind ja fast 70 km pro Tag. Wo bleibt da der Genuss, wo der Blick für das, was am Wegesrand kreucht und fleucht, wo die Zeit zum Innehalten? Den Teilnehmern gehts wohl eher um die Herausforderung und den sportlichen Aspekt. Da bist Du nun ganz anders, ja fast entschleunigt unterwegs.

      Viele Grüße

      Christof

  8. Wem Wandern vielleicht zu anstrengend ist, ich finde, die hier schon benannte Variante des Radwanderns auch persönlich netter. Wobei man dann auch ein gut angepasstes Rad braucht, sonst hat man ggf. auch Rückenschmerzen und Co. Bei uns kommt noch hinzu, dass unser Sohn wesentlich lieber Rad fährt, statt zu laufen. Beim Spazieren gehen ist nach 5 km Ende, beim Radfahren schaffen wir jetzt locker 30 km… Unsere erste größere Fahrt ist dann die von Oma zu uns nach Hause, das ist ein Teil des Weserradweges. Da bin ich sehr gespannt!
    Mit dem Mann alleine kann ich mit fernwandern wiederum gut vorstellen. Egal wie, es ist auf jeden Fall ne tolle Möglichkeit für ökologischen Urlaub!

    1. Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich ganz verrückt auf Radreisen war, so verrückt, dass ich eineinhalb Jahre am Stück um die Welt geradelt bin. Danach bin ich aber komplett vom Rad abgekommen und habe das Fernwandern entdeckt. Ich denke, das wird so bleiben – aus zwei Gründen: Erstens ist man beim Wandern viel mehr in der Natur und beim Radfahren zu viel auf Straßen und breiten Fahrwegen. Zweitens bekomme ich beim Wandern viel mehr von Fauna, Flora, Gerüchen und Geräuschen mit als beim Radfahren.

      Hab viel Freude am Radwandern!

      Christof

      1. Ich kann deine Erklärung nachvollziehen, liebe selbst schon immer Radfahren. Das macht mich einfach glücklich auf einer Ebene, die ich beim Wandern noch nie erfahren habe (mit Mitte 30). Ich bin sogar extra nach Norddeutschland gezogen, um Rad zu fahren.
        Und vielleicht hat so eine Vorliebe tatsächlich auch bisschen mit der Gegend (Bremen und umzu) zu tun, bei uns wären die meisten Wanderwege genau die gleichen wie das Radnetz. Würde ich wie früher am Rande des Sauerlands wohnen, dann wäre ich vielleicht wirklich mehr wandernd unterwegs.
        Hauptsache unterwegs, dir viel Freude beim Wandern!
        LG Nadine

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