
Samstag in drei Wochen
„Ich komme gerade zu gar nichts.“
„Es bleibt halt ständig was an mir hängen.“
„Samstag in drei Wochen hätte ich ab zwei Zeit – aber nur bis vier.“
Solche Sätze hören wir immer wieder. Ich sage sie selbst. Meist geht es dabei um volle Tage. Manchmal aber schwingt etwas anderes mit.
In unserer Gesellschaft steht Beschäftigtsein nicht nur für Belastung, sondern auch für Bedeutung. Wer viel zu tun hat, erscheint schnell gefragt, fleißig und wichtig. Der volle Kalender wird zum Symbol für ein relevantes Leben. Fast so, als wäre ein Mensch umso wertvoller, je weniger Luft in seinem Tag bleibt.
Wir haben es schlicht so gelernt: Aktivität gilt als etwas Gutes. Stillstand wirkt verdächtig. Freie Zeit ist fast schon erklärungsbedürftig.
Als Muße ihren Status verlor
Das war nicht immer so. Seit der Antike galten Muße und freie Zeit in vielen Gesellschaften als Zeichen von Rang und Wohlstand – allerdings meist nur für diejenigen, die es sich leisten konnten, nicht ständig arbeiten zu müssen.
In den letzten Jahrhunderten verschob sich diese Sichtweise. Mit der Industrialisierung und einer zunehmend leistungsorientierten, kapitalistisch geprägten Wirtschaft gewannen Arbeit, Fleiß und Produktivität an Bedeutung. Heute zeigt sich Status deshalb oft weniger durch freie Zeit – und mehr durch volle Kalender, sichtbare Betriebsamkeit und materiellen Wohlstand.
Spürbar wird das in der Arbeit ebenso wie in Freizeit und Urlaub – in Gesprächen, auf Social Media und daran, wie wenig Freiraum am Wochenende bleibt. Auch die Medien erzählen eher von denen, die viel agieren, als von denen, die bewusst langsamer machen.
Warum wir am Beschäftigtsein festhalten
Beschäftigtsein gibt Halt. Wer viel zu tun hat, spürt weniger, was im Verborgenen wartet: offene Fragen, Unsicherheit, Ängste oder innere Leere.
Ein voller Tag vermittelt Struktur und gibt das beruhigende Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Dazu passt Beschäftigtsein sozial gut ins Bild. „Ich habe viel zu tun“ klingt unverfänglicher als „Ich brauche mehr Ruhe“ oder „Ich weiß gerade nicht, was mir wichtig ist“.
So wird Betriebsamkeit schnell zum Schutzschild. Mit dem Smartphone haben wir zudem etwas griffbereit, das selbst kleine Pausen mühelos füllt. Solange wir eingespannt sind, müssen wir uns mit manchem nicht auseinandersetzen. Das macht den Modus verführerisch – und schwer zu verlassen.
Was zwischen all dem Beschäftigtsein verloren geht
Wo jeder Tag gefüllt ist, bleibt wenig Raum für das, was uns in Balance hält: stille Muße, echte Erholung, klare Gedanken.
Auch das Gehirn sehnt sich nach Pausen, um Erlebtes zu verarbeiten, Eindrücke zu ordnen und Gedanken zu verknüpfen. Innere Klarheit und kreative Einfälle entstehen gerade dann, wenn scheinbar nichts passiert.
Oft fehlt nicht Zeit, sondern der Mut zur Lücke. Unverplante Stunden, in denen nichts drängt. Erst dann wird spürbar, was sonst untergeht.
Das richtige Maß finden
Beschäftigtsein wirkt nach außen wie Stärke – ist aber kein verlässlicher Maßstab nach innen.
Es liegt an uns, das richtige Maß zu finden: ein Gleichgewicht zwischen Tun und Lassen, zwischen Aktivität und Muße – individuell und immer wieder neu ausbalanciert.
Ein erfülltes Leben braucht keine lückenlos gefüllten Tage.

Hi Christof,
ja leider eine unschöne Entwicklung. Ich denke aber auch, dass es oft am Wording liegt. Wenn Menschen sagen „ich kann nicht“ meinen sie oft „ich will nicht“. Ersteres wird hingenommen, zweiteres kritisch hinterfragt oder man fühlt sich angegriffen und/oder verletzt.
Wenn man was will, findet man Wege, falls nicht, sucht man Gründe. Der Satz ist ein alter Schinken, aber trifft es auf den Kopf.
Die Menschen haben einfach immer weniger Energie, weil sie ständig im Alarmzustand sind und die Nervenbahnen hoffnungslos überreizt sind. Dazu kommt oft eine schlechte Ernährung, wenig Bewegung und der viel beschriebene Konsum(pf). Unfassbar, wie sehr uns Marketingabteilungen manipulieren.
Themen, um ein ganzes Buch zu füllen.
Wünsche Dir einen schönen Sonntag Christof.
LG
Hallo Henry,
schön, nach längerer Zeit mal wieder von Dir zu lesen.
Ja, da hängen einige Themen zusammen.
Im Grunde geht es beim Minimalismus darum: ehrlich hinschauen, das Zuviel erkennen, schrittweise reduzieren, wo es möglich und sinnvoll ist – und das gesunde Maß genießen und bewahren.
Dir auch eine schöne Zeit.
EBG
Christof
Gern gelesen.
:-)
Toller Artikel. Ich „plane“ bewusst Leerlauf in meine Tage, Wochenenden, Wochen. Am Wochenende nehme ich mir idR maximal eine Sache vor. Einen Tag des WEs „beschäftige“ ich mich damit, zu chillen. Das kann auch mal am Handy sein, oder im gym, aber such einfach gar nichts tun. Das brauche ich mein seelisches Gleichgewicht. Nach einem anstrengenden Tag lege ich mich auf meine Shaktimatte. Ich sage fast nie „da habe ich keine Zeit“, weil das auch nicht stimmt. Klar, ich habe viele dienstliche Termine unter der Woche, dann habe natürlich wirklich keine Zeit, aber oft sage ich auch „sorry, an dem Tag habe ich schon einen (zweistündigen 😂) Termin, da passt mehr nicht weil ich meine Ruhe brauche …
Ich freue mich über Dein Lob!
Ja, ein freundlich vorgetragenes „Sorry, da habe ich schon einen Termin – mit mir selbst“ sollte wieder salonfähig werden.
Ich versuche auch, möglichst nur eine Verabredung pro Tag zu haben. Dann bin ich präsenter, habe weniger Zeitdruck und das Treffen kann entspannter ausklingen. Klappt nicht immer, aber immer öfter.
Viele Grüße aus Franken
Christof
Lieber Christof,
was für wahre Worte….
Ich musste erst krank werden, um bewusst zurück zu fahren….
Nun gibt es selten Tage, an denen ich zwei Termine habe, und immer wieder welche, an denen ich keinen festen Termin habe. Da ist mir die Zeit in der Natur und mit meinem Mann und Hund wichtiger als Menschen zu treffen und Gespräche zu führen, die Kraft rauben.
Das Argument ‚ da hab ich keine Zeit ‚ wird nur noch genutzt, wenn es wirklich so ist. Sonst sage ich auch ganz ehrlich, das es mir gerade zu viel ist, zu anstrengend oder auch, dass ich die Zeit für mich brauche.
Wichtig ist sicher, nicht alle Kontakte zu vernachlässigen, sondern sinnvoll zu reduzieren, sonst wird es irgendwann einsam….
Vielen Dank für Deine persönlichen ehrlichen Wort.
Ich sehe es ähnlich wie Du: Gute Verbindungen und Beziehungen sind wichtig für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Aber entscheidend ist nicht die Zahl der Kontakte, sondern die Qualität, Tiefe und Gegenseitigkeit.
Liebe Grüße
Christof
Lieber Christof, Dein Minimalismus- Buch hat seinen festen Leseplatz im Auto für Wartezeiten und als Beifahrerin. Viele Worte erreichen mich, auch diese heute vom Blog. Im Rentenalter empfinde ich Tage ohne Struktur als sehr beglückend, einfach den eigenen Bedürfnissen nachspüren und nachgehen. Viele Grüße von der Elbe aus einem kleinen Dorf am Deich. Angelika.
Mein Ratgeber als Beifahrer(in) – welch motivierender Gedanke, und das zur richtigen Zeit. Ich schreibe nämlich an einem neuen Buch, wieder zum Thema Minimalismus und mit Gräfe und Unzer. Mehr dazu in einem der nächsten Newsletter.
Viele Grüße von der Pegnitz an die Elbe
Christof
Lieber Christoph,
Nichtstun lädt das Glück ein.
Diese Erkenntnis kam mir bei einer Reha vor einigen Jahren, die ich wegen Erschöpfung gemacht habe.
Jetzt bin ich glücklich frisch in Rente und muss mir weiter bewusst machen, dass meine Kräfte begrenzt sind und sich mit mehr Ruhe mehr Zufriedenheit in mir entfaltet.
Ich wünsche allen einen schönen entspannten Sonntag!
„Nichtstun lädt das Glück ein“ – was für ein schöner Satz. Zwischen Lärm und Trubel müssen wir diese Einladung nur wieder erkennen und uns trauen, sie anzunehmen.
Entspannte Grüße
Christof
Lieber Christof, danke für deine vielen Bewusstmacher.
Seit 14 Monaten bereichert ein Hund meiner Familie, von ihr kann ich täglich die Freude des Augenblicks sehen und mit ihr einfach sein.
Besten Dank, liebe Heike!
Hunde sind Meister der Muße. Sie wissen, wann Aktivität gut ist und wann Nichtstun genügt.
Buchtipp: „Die Weisheit alter Hunde“ von Elli Radinger.