
Ich wandere, seit ich laufen kann – auf Tagestouren, übers Wochenende und auf Fernwanderungen. Seit 2012 war ich eineinhalb Jahre auf mehrwöchigen Touren unterwegs – von meiner Haustür bis nach Santiago de Compostela, auf dem Franziskusweg in Italien, mehrfach über die Alpen, quer durch Deutschland …
Fernwandern ist für mich die Königsdisziplin des Wanderns. Solche Reisen zu Fuß verändern den Blick auf Natur, Menschen, Zeit und Leben.
Im Juni letzten Jahres habe ich hier im Blog 25 Gründe gesammelt, warum Du mehr wandern solltest. Die meisten davon gelten auch für lange Touren – doch einige Erfahrungen kommen erst dort hinzu.
Hier sind acht Gründe, warum Fernwandern so besonders ist.
#1 Jeder Tag beginnt dort, wo der letzte geendet hat
Bei Tagestouren beginnt und endet die Wanderung meist mit Logistik – anreisen, Parkplatz suchen, Fahrplan prüfen, wieder nach Hause fahren. Beim Fernwandern fällt das weg. Du wachst auf und gehst einfach weiter. Der Weg führt Dich Etappe für Etappe voran. Dieser fließende Übergang spart Zeit und Nerven und fühlt sich nach Freiheit an.
#2 Du erlebst Landschaft im Wandel
Wenn Du eine Tagestour unternimmst, siehst Du meist nur einen Ausschnitt. Beim Fernwandern dagegen erlebst Du größere Übergänge. Landschaft, Vegetation, Architektur, Dialekte, Küche und Bräuche verändern sich nach und nach. So wird Dein Weg zu einer echten Reise. Besonders eindrucksvoll ist es, an der eigenen Haustür zu starten und sich ins Unbekannte vorzutasten.
#3 Tiefere Begegnungen
Auf Fernwander- und Pilgerwegen triffst Du oft dieselben Menschen wieder, die der gleichen Route folgen. So entstehen Gespräche, die über Smalltalk hinausgehen – manchmal sogar kleine Weggemeinschaften. Vielleicht bekommst Du einen Trailnamen. Ich war einmal „der Outdoor-Autor“, andere hießen „Rainer, der Rentner“, „das Pärchen“ oder „Brustbeutel-Martin“. Auf meinen langen Touren habe ich Menschen kennengelernt, zu denen ich bis heute Kontakt habe.
#4 Dein Körper passt sich an
Am Anfang fühlt sich jeder Schritt noch mühsam an. Die Beine sind müde, der Rucksack scheint zu schwer, die Anstiege ziehen sich endlos hin. Doch im Laufe der Tage passt sich der Körper an. Das Gehen fällt leichter, die Ausdauer nimmt zu, und am Abend tut weniger weh. Plötzlich sind Kilometer und Höhenmeter möglich, die zu Beginn noch abschreckend wirkten. Der Körper verändert sich auch sichtbar: Die Muskulatur wird kräftiger, die Bewegungen werden flüssiger, die Pfunde purzeln. Bei mir waren es meist rund fünf Kilo.
#5 Der Kopf wird frei
Während sich der Körper an die Etappen gewöhnt, kommt auch der Kopf zur Ruhe. Der Alltag rückt langsam in die Ferne. Termine und To-do-Listen verlieren an Bedeutung. Schritt für Schritt stellt sich ein eigener Rhythmus ein. Das gleichmäßige Gehen beruhigt. Gedanken ordnen sich, Ideen entstehen. Probleme, die zuhause groß erscheinen, wirken mit etwas Abstand oft kleiner. Viele empfinden das als befreiend.
#6 Der Tag wird überraschend einfach
Minimalismus wird ganz praktisch: gehen, planen, essen, trinken, sprechen, schlafen. Viele Alltagsentscheidungen fallen weg. Alles, was Du brauchst, steckt im Rucksack – und schnell merkst Du, wie wenig das eigentlich ist. Diese Einfachheit unterwegs ist nicht nur praktisch, sie wirkt oft entlastend und beglückend. Langweilig wird es trotzdem nicht. Es gibt viel zu sehen, viel zu erleben und immer wieder Kleinigkeiten zu regeln.
#7 Mehr Wertschätzung für die einfachen Dinge
Nach einigen Tagen auf dem Weg fühlt sich vieles, was zuhause selbstverständlich ist, wie Luxus an: eine Dusche, ein warmes Essen, eine Waschmaschine, ein Bett. Diese Erfahrung lässt Dich die kleinen Dinge auch nach der Rückkehr bewusster wahrnehmen.
#8 Dein Selbstvertrauen wächst
Mehrere Tage oder Wochen am Stück zu Fuß unterwegs zu sein, zeigt Dir, wie viel körperlich und mental möglich ist. Du gehst lange Etappen, trotzt Wind und Wetter und überwindest immer wieder kleine Hindernisse. Manches läuft anders als geplant, unterwegs musst Du auch mal improvisieren. Doch am Ende merkst Du: Du kommst zurecht und bewältigst mehr, als Du Dir zugetraut hast. Dieses Gefühl von Stärke und Zuversicht wirkt oft lange nach – auch zu Hause.
Vielleicht juckt es Dich jetzt in den Zehen. Du brauchst fürs Fernwandern nicht unbedingt besondere Ausrüstung, spektakuläre Landschaften oder eine monatelange Auszeit. Ein Rucksack, passendes Schuhwerk und ein paar freie Tage reichen für die erste Tour völlig. Der Rest ergibt sich – Schritt für Schritt.

Ich wandere auch seit ich laufen kann, haha! Bisher aber nur Tageswanderungen.
Dein Text macht mich neugierig und die Idee von zuhause aus zu starten ist klasse. Da ist die Einstiegshürde nicht so groß.
LG
Nathalie
Hallo Nathalie,
da hast Du recht. Die Anreise fällt schon mal weg und Du bewegst Dich zunächst in vertrauter Umgebung – das gibt Sicherheit. Und falls Du etwas Wichtiges vergessen hast oder merkst, dass es Dir doch nicht taugt, bist Du schnell wieder zu Hause. Vielleicht kannst Du die ersten Übernachtungen auch bei Freunden planen.
EBG
Christof
Ein minimalistischer Kommentar: Danke.
:-)
Da gehe ich mit – ich fühls :).
Liebe Grüße
Johanna
Du bewegst Dich – und bist bewegt.
Lieber Christoph, ich kann dir nur zustimmen! Ich liebe auch Fernwanderungen! Meine wichtigste Reise führte mich zu Fuß von Bielefeld, wo ich lebte, nach Freiburg, wo es mich immer schon hinzog, die Wanderung während meines Sabbatjahres sollte eine Liebeserklärung an diese beiden Städte sein. (Und ich dachte: „Wenn ich das schaffe, dann schaffe ich auch alles andere, auch einen Umzug und Neuanfang!“ Und so war es dann auch.) Und ich habe entdeckt, wie schön Deutschland ist, fast überall. Inzwischen lebe ich bei Freiburg und darf den Schwarzwald erkunden. Was für ein Glück!
Liebe Friederike,
was für eine schöne Geschichte – beim Lesen hatte ich Gänsehaut.
Diese Idee, eine Wanderung als Liebeserklärung an zwei Orte zu machen, finde ich großartig. Und dass daraus dann tatsächlich ein Neuanfang geworden ist, umso mehr.
Freiburg und die Region kenne ich auch ein wenig – ich hatte dort eine Zeit lang eine Fernbeziehung und kann gut verstehen, warum es Dich dorthin gezogen hat.
Viele Grüße aus Franken
ChristoF
kommenden Mittwoch geht’s los: Assisi > Rom.
Teil 2 des Franziskuswegs.
Freue mich wie Bolle auf die Wanderung.
Ah, wie schön – das wird großartig!
Ich erinnere mich: Den ersten Teil hat Dich Deine Partnerin im Wohnmobil begleitet. Wie seid ihr diesmal unterwegs?
Ganz viel Freude wünscht
Christof
Vielen lieben Dank.
Wir machen es wieder so, mit Wohnmobil zu zweit.
Da es nicht so viele Stellplätze gibt, geschweige denn Campingplätze, müssen wir etwas improvisieren.
Erfahrungsgemäß sind Friedhöfe (ebener Parkplatz, ruhig gelegen und meist etwas außerhalb), Restaurantparkplätze (wenn wir dort auch Abendessen) oder Weingüter (nachdem wir um Erlaubnis gebeten haben) ganz gut geeignet. Im Gegenzug gibt es einmalige Erlebnisse ohne Massentourismus und viele wertvolle Begegnungen mit Einheimischen.
Ich hoffe, Du lässt Deine Partnerin auch mal wandern und übernimmst dafür die Organisation und Logistik. ;-)
Lieber Christof, deine Beschreibung liest sich so reizvoll! Hast du eine Idee, wie und wo sich mehrtägige Wanderungen machen lassen, ohne alles im Rucksack dabei zu haben? Ich habe einen Gleitwirbel im Hals-/Nackenbereich und kann nur wenig Gewicht tragen – das hat mich bislang von Fernwanderungen abgehalten …
Liebe Iris,
wie viel kannst du denn tragen? Fünf Kilogramm sind in Mittelgebirgen mit guter Infrastruktur und auf Pilgerwegen realistisch erreichbar.
Als Alternative zum Rucksack gibt es auch Wander- oder Pilgerwagen. Dabei wird das Gewicht eher über die Achse getragen und weniger über Rücken und Schultern. Auf dem Franziskusweg in Italien habe ich einen Franzosen kennengelernt, der damit gut zurechtgekommen ist.
Eine weitere Möglichkeit sind Mehrtagestouren mit Gepäcktransport. Die Unterkünfte sind dabei meist gleich mitgebucht. Solche Angebote gibt es für viele bekannte Fernwander- und Pilgerwege. Gib einfach so etwas in die Suchmaschine ein: Gepäcktransport wandern [Wunschregion]“.
Oder sag mir, wohin es gehen soll – vielleicht habe ich einen passenden Tipp.
Inspirationen findest du zum Beispiel hier: Wanderbares Deutschland
Viele Grüße
Christof
Wie wahr!
Aber vor allem: Fernwandern ist Freiheit.
Wenn Fernwandern zu Gernwandern wird, entsteht Freiheit. :-)
Dankeschön für deine Tipps.
Ich liebe auch Weitwanderwege und teile deine Meinung.
Welche Erfahrungen hast du beim Weitwandern, wenn man
älter ist?
Liebe Grüße Karin
Schön, dass Du diese Leidenschaft mit mir und anderen teilst.
Ich beobachte, dass sich das Fernwandern mit zunehmendem Alter verändert, aber nicht unbedingt zum Schlechten. Viele gehen bewusster, langsamer und entspannter. Ein leichter Rucksack, realistische Etappen, ausreichend Pausen und komfortable Unterkünfte werden wichtiger. Man wird – freiwillig oder manchmal auch erzwungenermaßen – weniger verbissen: Gepäcktransport oder das Überbrücken weniger attraktiver Abschnitte mit Bus oder Bahn werden öfter in Betracht gezogen.
Liebe Grüße
Christof
hallo christof,
lustig !! gestern hab ich noch mit meiner frau über meine alleinige fortsetzung der wanderung auf dem fränkischen gebirgsweg gesprochen (durch dich inspiriert, vor 3 jahren nach ziemlich genau der hälfte „pausiert“) und gleich danach kam deine mail – wenn das mal kein zeichen ist. fang gleich heut abend mit der groben planung an – möchte in 3 wochen starten – (von bischofsgrün bis hersbruck) und schau mal wo man so übernachten und essen kann (hast du einen tipp über welche plattformen man günstige übernachtungen finden kann? auch wäre ich für vegan-, vegetarische empfehlungen dankbar!)
danke für deine inspirationen und beste grüsse von markus
Hallo Markus,
ich bin den Fränkischen Gebirgsweg zuletzt 2019 gegangen und habe daher keine ganz aktuellen Infos zu Unterkünften und Lokalen. Die aktuelle Auflage meines Wanderführers stammt von 2020 – einiges dürfte inzwischen veraltet sein. Als Orientierung und erster Anlaufpunkt taugt das Buch aber nach wie vor.
Aufgrund der geringen Verkaufszahlen hat der Bergverlag Rother entschieden, keine weitere Auflage mehr zu veröffentlichen.
Du wirst sicher trotzdem gut zurechtkommen und eine schöne Zeit haben auf deinem Weg vom Fichtelgebirge in die Hersbrucker Schweiz.
Viele Grüße
Christof
Lieber Christof,
zu Fuß unterwegs – ich lieb’s! Aber eine Mehrtages-Wanderung habe ich bis dato noch nicht geschafft. Steht aber auf meiner Wunschliste, mit meiner liebsten Wanderfreundin :-) Mal sehen, ob wir das dieses Jahr wuppen können.
Herzlichst, Andrea
Liebe Andrea,
meine Daumen sind gedrückt, meine Unterstützung ist Dir sicher!
Herzlichst
Christof
Ganz lieben Dank Dir, Christof