
„Die Natur eilt nicht und dennoch wird alles erreicht.“ (Laozi zugeschrieben, chinesischer Philosoph, soll im 6. Jahrhundert v. Chr. gelebt haben)
Unser Alltag ist oft voller, lauter und schneller, als uns guttut. Um die Probleme, die daraus entstehen, in den Griff zu bekommen, setzen wir mitunter auf zusätzliche Mittel – auf mehr Tempo, ausgeklügelte Planung, Multitasking oder das neueste Gadget.
Minimalismus setzt anders an: nicht hinzufügen, sondern weglassen. Erstaunlich viele Alltagsprobleme verlieren dadurch an Gewicht.
#1 Zu viele Dinge – wenn Besitz zur Belastung wird
Das Alltagsproblem:
Haben sich in Deinen vier Wänden zu viele Dinge angesammelt? Musst Du häufig nach etwas suchen oder verbringst viel Zeit mit Aufräumen?
Wie weniger hilft:
Behalte, was Du brauchst, benutzt oder gern um Dich hast, und trenne Dich nach und nach vom Rest. Je weniger Du besitzt, desto weniger musst Du suchen, putzen, pflegen und verstauen. Feste Plätze schaffen zusätzliche Übersicht. Wo es sinnvoll ist, kannst Du ähnliche Dinge zusammen aufbewahren.
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#2 Zu viel Sitzen – wenn Dein Körper zu kurz kommt
Das Alltagsproblem:
Sitzt Du tagsüber am Schreibtisch, abends auf dem Sofa und zwischendurch im Auto, Bus oder Zug? Bist Du manchmal müde, steif oder unruhig, obwohl Du Dich körperlich kaum angestrengt hast?
Wie weniger hilft:
Du brauchst nicht unbedingt ein ausgefeiltes Fitnessprogramm. Wichtiger ist, lange Sitzphasen immer wieder zu unterbrechen. Steh beim Telefonieren auf, nimm die Treppe, dreh in der Mittagspause eine Runde, mach ein paar Kniebeugen oder Dehnübungen, geh nach dem Abendessen spazieren oder verabrede Dich am Wochenende zum Wandern. Bewegung darf beiläufig entstehen – und bringt mehr Energie, Körpergefühl und innere Ruhe.
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#3 Zu viele digitale Reize – wenn Abschalten schwerfällt
Das Alltagsproblem:
Verbringst Du tagsüber viel Zeit am Bildschirm und greifst in Pausen trotzdem automatisch zum Smartphone? Läuft abends oft noch der Fernseher oder ein Stream? Fühlst Du Dich zerstreut, erschöpft oder innerlich unruhig, weil kaum ein Moment ohne Input bleibt?
Wie weniger hilft:
Wir können und wollen uns der digitalen Welt nicht verschließen. Aber wir können weniger auf Bildschirme starren und wieder mehr Zeit in der analogen Wirklichkeit verbringen. Schalte Push-Nachrichten aus, lege das Smartphone beim Essen und im Gespräch außer Sichtweite, rufe E-Mails nur zu festen Zeiten ab, geh ohne Knopf im Ohr spazieren, gönn Dir abends eine bildschirmfreie Stunde …
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#4 Zu viele Termine – wenn kaum Zeit zum Durchatmen bleibt
Das Alltagsproblem:
Ist Dein Kalender voller, als Dir guttut? Hetzt Du von einer Aufgabe zur nächsten? Fehlt Dir unverplante Zeit, in der Du einfach tun kannst, wonach Dir gerade ist?
Wie weniger hilft:
Ein voller Tag bedeutet nicht automatisch ein erfülltes Leben. Prüfe, welche Termine und Aufgaben Dir wirklich wichtig sind und was Du Dir nur aus Gewohnheit oder Pflichtgefühl auferlegt hast. Manches kann entfallen, manches warten. Plane Puffer zwischen Terminen ein und halte Dir regelmäßig einen Abend oder einen Tag frei – für Erholung und Spontaneität.
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#5 Zu hohe Ansprüche – wenn nichts gut genug ist
Das Alltagsproblem:
Willst Du im Beruf, im Haushalt, in Beziehungen und selbst in der Freizeit alles bestmöglich machen? Vergleichst Du Dich häufig mit anderen und denkst, Du müsstest noch mehr schaffen oder aus Dir machen?
Wie weniger hilft:
Nicht alles muss perfekt sein oder reibungslos laufen. Überlege, wo „gut genug“ genügt und welche Erwartungen Du loslassen kannst. Orientiere Dich weniger an anderen und stärker an Deinen eigenen Werten, Leidenschaften und Zielen. Du bist kein Projekt, das ständig optimiert werden muss.
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#6 Zu hohe Ausgaben – wenn das Geld früher endet als der Monat
Das Alltagsproblem:
Fragst Du Dich manchmal, wo Dein Geld geblieben ist? Kaufst Du spontan Dinge, die Du kaum nutzt? Bleibt Dir meist nur wenig zum Sparen übrig oder rutschst Du gar ins Minus?
Wie weniger hilft:
Wenn Du ein wenig unter Deinen Verhältnissen lebst, entstehen mit der Zeit Rücklagen. Ein Haushaltsbuch zeigt, wohin das Geld fließt und was sich einsparen lässt, ohne dass Dir etwas fehlt. Hinterfrage kleine Ausgaben und laufende Kosten – etwa den täglichen Coffee-to-go oder kaum genutzte Abos. Bei nicht notwendigen Käufen lohnt es sich, ein paar Nächte darüber zu schlafen – oft verschwindet der Wunsch dann von selbst.
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#7 Zu viel Auswahl – wenn Möglichkeiten überfordern
Das Alltagsproblem:
Empfindest Du die große Auswahl in vielen Lebensbereichen als Freiheit – oder auch als Überforderung? Verbringst Du im Supermarkt, vor dem Kleiderschrank oder beim Streamen mehr Zeit mit Vergleichen und Abwägen, als Du möchtest?
Wie weniger hilft:
Begrenze die Möglichkeiten dort, wo sie Dich eher lähmen als bereichern. Zum Beispiel können Dir eine überschaubare Garderobe, ein paar Lieblingsgerichte und feste Routinen viele kleine Entscheidungen abnehmen. Bei wichtigen Entscheidungen geben Dir Deine Werte und Prioritäten Orientierung.
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#8 Zu viel Grübeln – wenn Loslassen schwerfällt
Das Alltagsproblem:
Gehst Du vergangene Gespräche oder Situationen immer wieder im Kopf durch? Beschäftigt Dich lange, was andere sagen, tun oder über Dich denken?
Wie weniger hilft:
Prüfe, ob Du etwas an der Situation ändern kannst. Bist Du unsicher, kann es helfen, Deine Gedanken aufzuschreiben oder mit jemandem darüber zu sprechen. Kannst Du etwas beeinflussen, werde aktiv. Wenn nicht, versuche, den kreisenden Gedanken weniger Aufmerksamkeit zu schenken. Richte Deinen Blick stattdessen auf die Gegenwart.
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#9 Zu viele lose Kontakte – wenn echte Nähe zu kurz kommt
Das Alltagsproblem:
Kennst Du viele Menschen, fühlst Dich aber nur wenigen wirklich verbunden? Bleiben Deine Gespräche und Begegnungen häufig an der Oberfläche?
Wie weniger hilft:
Du musst nicht mit allen Menschen eng sein. Achte bei Deinen Begegnungen darauf, welche Dir auf Dauer guttun und welche Dich eher Kraft kosten. Pflege die Beziehungen, die Dir wichtig sind, bewusst. Ruf an, verabrede Dich, frag ehrlich nach und hör aufmerksam zu. Wenn Du Dich auf einen kleineren Kreis konzentrierst, können Vertrauen und Nähe wachsen und gemeinsame Erinnerungen entstehen.
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Sehr hilfreicher Artikel. Also mich beschäftigen vor allem 1 Zu viele Dinge und 6 Zu hohe Ausgaben. Du hattest mal etwas geschrieben über wann man etwas verkaufen soll und wann man es eher verschenken soll, oder? Finde den Artikel nicht mehr.
Schön, dass Du meinen neuen Text hilfreich findest.
Du meinst bestimmt diesen Artikel, der weit über zehn Jahre alt ist: Warum Minimalisten lieber verschenken als verkaufen
Viel Freude und Erfolg beim Loslassen!
Christof
Lieber Christof, sehr hilfreicher Artikel.
Vielen Dank dafür :)
Wo ich immer wieder an meine Grenze komme ist das Thema Putzen. Gibt es da hilfreiche Tipps?
Liebe Grüße
Mareike
PS: Viel Spaß und tolle Erfahrungen auf dem Weg nach Rom!
Schön, dass Du den Artikel hilfreich findest!
Was genau bringt Dich beim Putzen an Deine Grenzen – der Zeitaufwand, die fehlende Motivation oder der Anspruch, dass alles sauber sein soll? Ganz allgemein gilt: Je weniger Du besitzt, je weniger herumsteht und je kleiner Deine Wohnfläche ist, desto schneller gehen Aufräumen und Putzen von der Hand.
Liebe Grüße
Christof
PS: Danke!
Danke, lieber Christof, mir gefällt dieser Artikel sehr gut – schöne Inspirationen! Herzliche Grüße aus Hamburg, Ben
Ich freue mich sehr über Dein Lob, lieber Ben!
Mal wieder sehr hilfreich und mit Kleinigkeiten kann man viel verbessern.
Aktuell beschäftigt mich #6. Manches ist doch kaum mehr bezahlbar und so langsam wird auch mir alltägliches auszugeben ein Problem. Das gut Olivenöl 14 Euro 500 ml, die Schale Himbeeren, die Schale Heidelbeeren in guter Qualität oder gute Ziegenkäse vom Waldbauern oder Eier vom kleinen Bauern.
Es sind hier nicht die Anschaffungskosten für irgendwas, da ist bei uns kaum was. Dieses minimieren von dem ganzen drumherum Benzinkosten oder OPNV, Energiekosten, verpflichtende Versicherungen etc. Gesundheitskosten. Gut bei uns in Rente hat sich das jetzt reduziert, aber trotzdem.
Da ist man ja schon quasi auf der sicheren Seite kein „diesunddasZeugs“ zu kaufen. Aber irgendwann ist halt die Matratze durch oder etwas verbraucht.
An die kommenden Einschränkungen die uns alle treffen werden die uns die Politik auferlegt mach ich gar nicht denken. Und da wird Minimalismus nicht zum Luxus sonder zur harten Realität.
Und mein Gesundheitszustand der mich gerade zu viel auf Punkt #2 zwingt. Und dann eben dieses grübeln, wo ich versagt habe wegen Gesundheit, ob es je wieder wird oder die Einschränkungen bleiben, schlechter werden, kann ich es noch stoppen oder ist eine Umkehr nicht mehr möglich – nein kein Krankheit mit K… ein defekter Bewegungsapparat in Knie und Hüfte.
Verabschiedung von Träumen und Wünschen oder doch noch Hoffnung.
Heute früh sass ich auf dem Balkon und habe dem Regen gelauscht einfach nur gelauscht sonst nix.
LG
Rosa
Hallo Rosa,
das klingt gerade nach mehreren Belastungen auf einmal.
Minimalismus, wie ich ihn verstehe, ist freiwillig. Gegen den eigenen Willen verzichten zu müssen, ist etwas anderes und schlicht belastend. Eine minimalistische Lebensweise kann aber vielleicht trotzdem helfen, die verbliebenen Spielräume zu erkennen und zu nutzen.
Die Lebenshaltungskosten sind ohne Frage gestiegen. Beim Olivenöl gibt es zum Glück auch günstigere Alternativen: Ich habe gestern bei Rossmann für 750 ml natives Olivenöl extra in Bioqualität 6,95 Euro bezahlt – das entspricht weniger als 5 Euro für 500 ml.
Das Regenlauschen auf dem Balkon klingt nach einem guten stillen Moment.
Liebe Grüße
Christof
Ne mein Minimalismus wie ich vor gut 10 Jahren begonnen habe ist freiwillig – immer noch – mir kommt es eben in der heutigen Zeit extrem zu gute dass ich da schon drin bin.
Sorry ne so schlimm ist es nicht aber es belastet eben aber dank Minimalismus und gesparte Geld kann ich mir eben den Luxus einer besseren Physiotherapie leisten. Was brauch ich den 20. Teller, die 5. Jeans is so.
LG
Rosa
Lieber Christof,
2,4,5 und 8 sind die Themen, die mich derzeit am meisten umtreiben. An 2 arbeite ich und sorge für mehr Bewegung – da tut mir soooo gut!! Alle anderen versuche ich im Blick zu behalten, z. B. an den Wochenenden nicht x Termine zu machen, sondern nur einen oder zwei. Dabei habe ich festgestellt, dass die meisten meiner Termine rein privater Natur sind, sie haben nichts mit meiner Arbeit zu tun. Eher mit dem Ehrenamt und den Hobbies. Aber auch da kann es zu viel sein. Ich übe…
Eine wundervolle Wanderung wünsche ich Dir, mit vielen tollen Eindrücken.
Herzlichst, Andrea
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Abstand zwischen zu viel und zu wenig oft erstaunlich klein ist. Die eigene Balance zu finden, ist ein stetes Üben und Nachjustieren, wahrscheinlich ein Leben lang.
Deine guten Wünsche nehme ich gerne mit auf den Weg.
Viele liebe Grüße
Christof
Lieber Christof,
vielen Dank für deinen aufrüttelnden Blogartikel. Du fragst, welches von den oben genannten mich gerade am meisten beschäftigt?
Leider gerade immer noch dieses hier: #4 Zu viele Termine – wenn kaum Zeit zum Durchatmen bleibt. Mein voller Kalender, zu viele Termine, zu wenig unverplante, selbstbestimmte Zeiten nur für mich.
Seit Juli habe ich nun meinen freien Freitag, an dem ich nicht mehr arbeite. Bis zum Urlaub war er nun noch nicht wirklich frei, da – ironischerweise – auch freie Tage geplant sein müssen :) Es standen im Vorfeld noch so viele Termine und Verpflichtungen drin, das wird jetzt aber ab August besser. Freitage gehören ab sofort mir! Ich bin gespannt, wie ich diese zukünftig nun mit mir verbringe- freue mich aufs Schreiben für meinen Blog und mein Buch in Cafés, Museumsbesuche uvm., ganz nach Gusto und spontaner Laune. Dieses Spontane ist mir in meinem Alltag tatsächlich abhanden gekommen – das lerne ich gerade im Toskana-Urlaub wieder ganz neu.
Danke für deine Gedanken!
Alles Liebe
Petra
Schön, dass auch Du die Frage beantwortest.
Wenn Deine Freitage nun zu Frei-Tagen werden, sollte es mit der Me-Time klappen. Den Tag fest im Kalender zu reservieren, kann Gold wert sein. Und wenn jemand fragt, ob Du am Freitag kannst, schaust Du kurz nach und sagst: „Sorry, da bin ich schon mit Petra verabredet.“
Magst Du uns noch etwas über Dein „Buch in Cafés“ erzählen?
Alles Gute und liebe Grüße
Christof
Lieber Christof,
herrlich, gleich abgespeichert diese Antwort: „Da kann ich leider nicht, da bin ich schon mit Petra verabredet“ :) Dates with myself sozusagen!
Zu „Buch im Café“ kam es, als ich nach dem Tod meiner Schwester vor 4 Jahren angefangen habe, meine Trauer schreibend zu verarbeiten. Ich wollte und will meine Geschichte darüber erzählen, sie mir quasi von der Seele schreiben, all das Leid, aber auch all das Schöne und was ich seitdem daraus gelernt habe (z.B. wie gut es mir trotz all der Verluste meiner Eltern und meiner Schwester in den letzten Jahren geht, wie wichtig die kleinen und feinen Dinge sind, die meistens eben keine Dinge sind, wie unglaublich kostbar und wertvoll liebe Menschen und Zeit mit ihnen sind und so viel mehr). Da ich eine große Leidenschaft für Cafés, Kaffee und leckere Kuchen habe und ich mich zum Schreiben nicht daheim an den Schreibtisch setzen wollte, weil das irgendwie nicht zum normalen arbeiten passte, hab ich irgendwann einfach den Laptop eingepackt und toure seitdem durch Nürnberger Cafés und verbinde alles miteinander. Schreiben, trauern, Erkenntnisse, nachdenken und Genuss. Irgendwann findet sich dann ein geeigneter Verlag für mein Buch, bis dahin schreibe ich und genieße den Prozess. Nebenbei – wenn mir gerade nicht nach trauern ist – entstehen dann Gedanken und Ideen für Blogartikel, die aus mir heraus wollen.
Und welcher Tag würde sich besser eignen als eben der Freitag, mein Date-with-myself-Tag? Bis vor kurzem noch am Freitag Nachmittag nach meiner Arbeit, ab jetzt gerne auch mal vormittags. Zahlreiche Cafés waren mir aus diesem Grund verwehrt, weil diese oft schon um 14 Uhr schließen, so dass ich es bisher nie geschafft habe – damit eröffnen sich zukünftig ganz neue Möglichkeiten! Und irgendwann gibt es dann wohl gleich zwei Bücher von mir – Mein Buch (3 Todesfälle und 1 Scheidung – Krisen kann ich, und Glück jetzt auch) UND einen Nürnberger Caféhausführer :)
Es bleibt also spannend!
Herzliche Grüße
Petra
Danke für Deine Ausführungen. Also ich würde beide Bücher kaufen oder in der Bücherei ausleihen, sofern Du in dem Caféhausführer auch die veganen Optionen aufführst. ;-)
Alles klar! Danke dir :)
Vegane Kuchen sind eigentlich auch immer mit dabei, und meinem Kaffee trinke ich ebenfalls am liebsten mit lecker aufgeschäumter Hafermilch!
Alles Liebe
Petra
Und zuhause aus einer Deiner vielen Tassen ;-)
Lieber Christof,
alle wichtigen Punkte sehr gut zusammengefasst und auf den Punkt gebracht – vielen Dank!
Mir fällt immer wieder auf, wie viele Menschen (auch in meinem Umfeld) sich in diesem inneren Konflikt befinden zwischen „eigentlich will ich…aber ich „muss“ ja etwas anderes…“. Ich glaube, dass das eine große innere Spannung erzeugen kann, die (und das ist etwas Gutes) dazu führt, dass man sich mit dem Thema weiter auseinandersetzt und im besten Fall näher zu dem kommt, was man eigentlich will und wie man eigentlich leben möchte.
Bei mir ist es so, dass ich durch eine heftige Krankheit vor einiger Zeit gefühlt an einem Punkt im Leben stand, an dem nichts mehr von Bedeutung war, weil es mein „altes Leben“ gar nicht mehr gab. Das war heftig und schmerzhaft, aber der Spruch stimmt: „Wer los lässt, hat die Hände frei“. Ich hatte loslassen müssen, und dem inneren Satz „Ich muss aber…“ stand die praktische Erfahrung „Ich kann aber nicht“ gegenüber. Und dadurch hatte ich die Chance, von Grund auf neu zu überlegen, wie ich mein Leben in Zukunft gestalten will. (Erst musste ich wieder gesund werden, aber beides ging auch so ein bisschen Hand in Hand.)
Ich habe heute ein Leben, in dem „ich muss aber…“ keine Bedeutung mehr hat. Weil ich nichts mehr muss. Entweder ich entscheide mich bewusst für etwas, oder ich mache es nicht. Dazwischen gibt es tatsächlich nichts mehr. Ich kenne diese Anspannung, die ich anfangs beschrieben habe, von früher, kann das also sehr gut nachvollziehen. Aber es gibt sie in meinem Leben nicht mehr und das ist ein unglaubliches Gefühl von Freiheit und innerer Ruhe und ein Gefühl, das ich nicht mehr hergeben möchte.
Der Weg dahin war unglaublich hart und schmerzhaft und der Ausgang damals ungewiss, was es in der Situation selbst nicht gerade leichter machte. Und ich hatte ihn mir nicht ausgesucht. Aber würde man mich heute fragen, ob ich es anders haben wollte, könnte ich die Zeit zurückdrehen und selbst entscheiden, so würde ich mich für diesen Weg entscheiden. Weil der Gewinn ein so großer und wirklich lebensverändernder ist, auch wenn der Weg dahin das Schmerzhafteste war, was ich jemals erlebt habe.
Man braucht nicht unbedingt eine Krise im Leben, um loszulassen. Aber wenn man keine andere Wahl hat und loslassen muss, kann das – im Nachhinein gesehen – eine riesige Chance und ein riesiges Geschenk sein. Vielleicht hilft das jemand, der gerade mitten in einer großen Krise steckt und das Ziel noch nicht sehen kann. Man kann das ja nur rückblickend erkennen.
Und allen anderen würde ich gerne sagen „Man muss nichts“, man hat sich nur noch nicht zwischen zwei Optionen entschieden ;-) (Und das ist dann auch OK so, es braucht dann vielleicht einfach noch etwas mehr Zeit.)
Liebe Grüße
Kerstin
Liebe Kerstin,
vielen Dank, dass Du so offen von Deinen Erfahrungen erzählst. Du beschreibst, wie eine Krise, die man sich nicht ausgesucht hat, zu einer Chance werden kann, weil der Bruch Raum für neue Fragen und bewusste Entscheidungen schafft. Vielleicht geben Deine Zeilen tatsächlich jemandem Mut, der mitten in einer Krise steckt.
Etwas ganz Ähnliches habe ich nach meiner Radweltreise 2006/2007 und der anschließenden Trennung von meiner langjährigen Partnerin erlebt. Auch ich musste mich damit auseinandersetzen, wie es weitergeht und wie ich künftig leben möchte. Das war ein schmerzhafter und langwieriger Prozess. Rückblickend hat er mich aber dorthin geführt, wo ich heute stehe – und darüber bin ich sehr froh.
Viele liebe Grüße
Christof