Von Nürnberg nach Italien: 5 Erkenntnisse aus meiner 50-tägigen Wanderung

11. Oktober 2026 - von Christof Herrmann - 4 Kommentare
Ich wandere mit Rucksack und Stöcken durch die alpine Landschaft hinauf zum Großen Sankt Bernhard.

Seit einiger Zeit bin ich zurück in Nürnberg. 50 Tage lang wanderte ich von der Haustür bis nach Mortara in der lombardischen Poebene.

Nach 1.138 Kilometern, 21.960 Höhenmetern im Aufstieg und 22.220 Höhenmetern im Abstieg habe ich recht spontan entschieden, nicht bis nach Rom weiterzulaufen. Ziehe ich den Pausentag in Augsburg ab, waren das pro Wandertag rund 23 Kilometer und jeweils 450 Höhenmeter im Auf- und Abstieg.

Interessanter als die Zahlen ist für mich, was von dieser Reise geblieben ist. Fünf persönliche Erkenntnisse möchte ich mit Dir teilen.

#1 Die Via Francigena ist nicht mein Weg

Bis zum Genfersee war ich auf Jakobswegen und einer selbst geplanten Route unterwegs. Von dort folgte ich der Via Francigena. Sie führt von Canterbury in England über Frankreich und die Schweiz nach Rom und zählt zu den bekanntesten historischen Pilgerwegen Europas. Wichtig für den heutigen Verlauf sind die Aufzeichnungen des Erzbischofs Sigerich von seiner Rückreise aus Rom im Jahr 990.

Trotz ihrer historischen Bedeutung bin ich mit der Via Francigena nicht warm geworden. Dabei gab es durchaus schöne Abschnitte. In guter Erinnerung sind mir der Aufstieg zum Großen Sankt Bernhard und die Etappen durch das Aostatal geblieben.

Insgesamt verlief die Strecke aber zu oft durch urbanes Gebiet, über Asphalt und durch wenig reizvolle Landschaften. Außerdem begegneten mir erstaunlich wenige Pilgernde. In den Herbergen vermisste ich frischen Wind und Aufbruchsstimmung. Das ist nur eine Momentaufnahme, doch ich hatte das Gefühl, dass die Via Francigena ihre beste Zeit hinter sich hat.

Ganz anders erging es mir auf dem Franziskusweg, der ebenfalls nach Rom führt. Er hat mir 2023 so gut gefallen, dass ich ihn 2024 gleich noch einmal gegangen bin.

Links die asphaltierte Uferpromenade am Genfersee, rechts eine Straße entlang von Reisfeldern in der Poebene auf der Via Francigena.

#2 Ich kann zelten

Nach meiner Radweltreise 2006/2007 hatte ich vom Zelten erst einmal genug. Auf meinen Fernwanderungen der letzten 15 Jahre wollte ich das zusätzliche Gewicht von Zelt, Isomatte und Schlafsack nicht mitschleppen.

Diesmal habe ich mich getraut. Die übrige Ausrüstung habe ich so weit reduziert, dass mein Rucksack nur ein Kilo mehr wog als sonst. Bereut habe ich die Entscheidung fürs Zelt nicht. Zwar habe ich nur sieben Nächte darin verbracht. Doch ich habe meist gut geschlafen, Geld gespart und war unterwegs flexibler. Allein zu wissen, dass ich mein eigenes Dach über dem Kopf dabeihatte, machte einen Unterschied.

Die Erkenntnis, dass ich noch zelten kann, eröffnet mir neue Möglichkeiten für künftige Touren. Damit rücken auch England, Skandinavien und andere Gegenden näher, in denen Unterkünfte oft rar oder teuer sind.

Meine Zeltplätze in Bourg-Saint-Pierre und Martigny auf der Fernwanderung von Nürnberg in die Poebene.

#3 Ein Tagesbudget von 50 Euro ist weiterhin möglich

Auf meinem Jakobsweg 2016 habe ich für Übernachtungen und Verpflegung durchschnittlich 44 Euro pro Tag ausgegeben, auf meiner Deutschlanddurchquerung 2018 waren es 49 Euro. Dann kamen die Pandemie und deutliche Preissteigerungen für Lebensmittel, Restaurantbesuche und Unterkünfte. Besonders für Alleinreisende, die sich die Zimmerkosten nicht teilen können, ist Fernwandern spürbar teurer geworden. Auf dem Franziskusweg benötigte ich 2023 durchschnittlich 78 Euro, im Jahr darauf 72 Euro.

Diesmal machte ich daraus eine kleine Challenge: Ich wollte mit 50 Euro pro Tag auskommen. Das erschien fast unerreichbar, zumal ich 22 Tage in der Schweiz unterwegs war. Am Ende lag mein Schnitt bei 48,69 Euro, in der Schweiz bei umgerechnet 49,35 Euro.

Um das zu schaffen, habe ich mich meist selbst versorgt, bin kaum essen gegangen und habe mir auch das eine oder andere Feierabendbier verkniffen. Sieben Nächte schlief ich im Zelt, vier weitere bei Freunden und Bekannten, ansonsten nach Möglichkeit in günstigen Herbergen.

Die 50 Euro waren kein Selbstläufer. Aber ich musste auf nichts verzichten, was mir auf dieser Reise wirklich wichtig war.

Einkauf bei Lidl in der Schweiz und selbst gekochte Gemüse-Kichererbsen-Pfanne auf meiner Fernwanderung von Nürnberg nach Italien.

#4 Ich wandere gern allein – aber nicht immer

Allein unterwegs zu sein, hat seine Vorteile. Ich kann mein Tempo gehen, meinen Gedanken nachhängen und das Tagesziel selbst bestimmen. Auf dieser Tour fehlte mir allerdings öfter Gesellschaft, als mir lieb war. Gerade auf eintönigen Abschnitten hätte ich gerne jemanden gehabt, mit dem ich über Gott und die Welt reden oder einfach über die zweifelhafte Wegführung schimpfen konnte.

Umso mehr habe ich die Zeit mit anderen Menschen geschätzt. Meine Schwester und meine Freunde Sabine, Dario, Sören und Daniel begleiteten mich jeweils ein bis vier Tage. In Landsberg am Lech nahm mich Blogleserin Melanie mit ihrer Familie für eine Nacht liebevoll auf, in Bern empfingen mich Robert und Franziska ebenso herzlich. Mit Christine wanderte ich ein Stück auf dem Schweizer Jakobsweg, abends sahen wir ein Dutzend Sternschnuppen.

Auch kürzere Begegnungen blieben mir in Erinnerung. In Augsburg lernte ich den Posaunisten Bertl Mütter kennen, als er gerade barfuß und in kurzen Hosen in der Kirche St. Jakob übte. Hannah und Martina kochten in der Pilgerherberge in Montpreveyres vegan für uns Pilgernde und verabschiedeten uns am nächsten Morgen mit Flötenspiel. Im Aostatal drückte mir ein Rentner einen Berg Obst in die Hände …

Ich werde wohl weiterhin meist allein losziehen. Bei der Routenwahl achte ich künftig aber stärker auf landschaftliche Abwechslung – und darauf, dass ich nicht der einzige Fernwanderer weit und breit bin.

Links wandert Sören im Allgäu auf eine Kirche zu, rechts schenkt mir ein Rentner im Aostatal Bananen und Melonenstücke.

#5 Das Ziel darf sich unterwegs ändern

Bei meinen bisherigen langen Touren von der Haustür aus hatte ich immer ein festes Ziel, das ich unbedingt erreichen wollte – Venedig, Triest, Santiago de Compostela oder Istrien. Diesmal sollte es Rom sein. Allerdings war ich erst 2023 und 2024 zu Fuß dort angekommen.

Nach rund 100 monotonen Kilometern durch die Poebene wurde mir klar, dass ich keine weiteren 200 Kilometer in dieser Gegend laufen wollte. Weiter südlich wäre die Via Francigena sicher wieder abwechslungsreicher geworden. Doch es zog mich nicht mehr nach Rom.

Also stieg ich nach 50 Tagen in Mortara in den Zug Richtung Nürnberg. Es fühlte sich nicht wie ein Abbruch an. Für mich war die Reise dort einfach zu Ende – und ich freute mich auf mein Zuhause, meine Freunde und Franken.

Ein Ziel darf sich ändern. Das gilt beim Fernwandern genauso wie bei anderen Vorhaben im Leben. Was beim Aufbruch richtig erscheint, muss es später nicht mehr sein. Ich gehe nicht nur, um anzukommen, sondern vor allem, um unterwegs zu sein.

Links mein Wanderrucksack unter einer Heiligenfigur in der Pilgerherberge Rapperswil, rechts ein Bahnhof an der Via Francigena in Norditalien.

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4 Kommentare für “Von Nürnberg nach Italien: 5 Erkenntnisse aus meiner 50-tägigen Wanderung”

  1. Hallo Christof, ich bin vor ca. drei Wochen zurück aus Italien gekommen und mit meiner besten Freundin einen Teil des Franziskusweg gelaufen. Gestartet sind wir in Florenz. Wir waren 10 Tage unterwegs. Im nächsten Jahr geht es weiter. Somit war ich nicht alleine. Aber Pilger haben wir wirklich keine getroffen und nur zwei Mal in den Unterkünften 🤣Davon hatte ich mehr erhofft, um auch einfach mal mit anderen ins Gespräch zu kommen. Im Moment scheinen mehrere unterwegs zu sein. Sei es wie es ist, der Franziskusweg war wunderschön und ich habe mich im Vorfeld auch von deinem Bericht inspirieren lassen. Vielen Dank für deine Berichterstattung.
    Viele Grüße Anja

    1. Hallo Anja,

      schön, dass Euch der Franziskusweg so gut gefallen hat.

      In den Frühjahren 2023 und 2024 habe ich meist fünf bis zehn Pilgernde pro Tag getroffen, manchmal waren es auch weniger. Für mich war das ideal: Ich konnte allein wandern, fand aber auch Gesellschaft, wenn mir danach war. Abends sind wir oft in kleiner Runde essen oder etwas trinken gegangen.

      Viel Freude bei Eurer Fortsetzung im nächsten Jahr!

      Liebe Grüße

      Christof

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